Zurück zu den Heiden

Aufklärung und Religion Eine Rückbesinnung auf die Antike zeigt, dass nicht jede Gesellschaft auf religiösen Fundamenten ruht

In der jüngeren Debatte über "Religion als gesellschaftliche Ressource", die bis auf das spätere Selbstverständnis der Frankfurter Schule zurückgeht, wird eine These als selbstverständlich behandelt, die historisch eigentlich völlig unglaublich ist: Politischer Gemeinsinn, philosophisches Denken des Zusammenhaltes der Menschheit und kulturelle Kommunikationsfähigkeit seien abgeleitete Sekundärformen religiöser Vergesellschaftung. Aufklärung erscheint dann als eine "Säkularisierung von Kirchengütern", welche diesen zugleich den fruchtbaren Boden entzieht, auf der zumindest ihre grundlegenden Rohstoffe überhaupt "nachwachsen" können. Die selbstzerstörerische "Dialektik der Aufklärung" wie sie Horkheimer und Adorno inmitten der tiefsten historischen Nacht des 20. Jahrhunderts analysiert haben, ließe sich daher - deutlich über deren fragmentarisch gebliebene Reflexionen hinausgehend - darauf zurückführen, dass die moderne westliche Kultur sich von ihrem religiösen Urgrund zu lösen versucht habe. Demnach gälte es, die Moderne in diesem Punkt zu beenden und in einer postmodernen Erneuerung religiösen Denkens, Fühlens und Handelns eine neue Verankerung von Gemeinwesen, Kultur und individueller Lebenskunst zu finden. Auch wenn das nicht so platt geht, wie sich dies katholische Metaphysiker und protestantische Offenbarungstheologen seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts vorgestellt haben, ohne einen erneuten Rückgriff auf diese religiöse Genealogie jeder Kultur wäre die Menschheit verloren. Das würde es auch "uns EuropäerInnen" leichter machen, im Dialog der Kulturen "die anderen" zu verstehen, welche keine vergleichbare "Säkularisation" durchgemacht haben. Vielleicht käme es nur darauf an, etwa zu verhindern, dass sich ein solcher Rückgriff in autoritären und dogmatischen Formen vollzieht ...

Falsche Thesen vom Ursprung

Diese herkunftsgeschichtliche These ist aber so falsch, wie dies eine solche These nur sein kann. Also werden auch die daraus begründeten weiteren Thesen hinfällig - sofern sie nicht mit ganz neuen Begründungen wieder in die Debatte zurückkehren.

Erstens beruht die These auf einem Religionsbegriff, der jede Art von Gemeinschaftlichkeit für "religiös begründet" hält, welche über die im kapitalistischen Akkumulationsprozess herrschende Atomisierung hinausgeht. Es ist zwar vermutlich zutreffend, dass die frühesten menschlichen Gemeinschaften (also auch etwa die von Sigmund Freud im Denkexperiment untersuchte "Urhorde" ) in gewissem Sinne "religiös" artikuliert waren - vermutlich in Denkstrukturen, welche der Vielfalt der sogenannten "Naturreligionen" der Gegenwart immer noch zugrunde liegen. Die mosaisch-jüdische Religion, das Christentum und der Islam sind demgegenüber zweifellos Sekundärbildungen. Die älteren Schichten des Alten Testamentes reagierten mit neuen Denkstrukturen darauf, dass sich in den Gemeinwesen neue Spaltungen zwischen Armen und Reichen durchsetzten, welche schließlich zur Bildung von Staaten führten. Die jüngeren Schichten des Alten Testaments und das Neue Testament sind in der Auseinandersetzung mit der Bildung von Großreichen als die Einzelstaaten übergreifenden Herrschaftsstrukturen entstanden, während der Islam sich im Koran von Anfang an als Religion eines Weltreiches konstituierte. Altes, Neues Testament und der Koran können allesamt weder den Anspruch erheben, die einzigen Denkstrukturen bereit zu stellen, welche in Gestalt von Religionsstiftungen auf diese Entwicklungen reagierten - das gilt auch für den Mazdaismus (die Religion Zarathustras), den Buddhismus, den Konfuzianismus, den späteren Hinduismus, die auf dieselbe Entwicklung mit ganz anderen religiösen Denkformen reagierten. Noch können sie überzeugend für sich beanspruchen, dass in ihnen die "ursprüngliche Verzaubertheit der Welt" der früheren Religionen authentisch aufbewahrt oder gar "aufgehoben" sei. Gerade die strukturelle "Weltfeindschaft", welche diese abrahamitischen Linie der Religionsentwicklung bei allen sonstigen Gegensätzen eint, macht sie vielmehr fast gänzlich dazu unfähig, die innerweltliche Frömmigkeit der früheren Religionen authentisch zu reproduzieren.

Zweitens unterschlägt die These in atemberaubender Weise, dass jedenfalls eine wesentliche Linie der europäischen Geistesgeschichte keineswegs religiös verlaufen ist. Sie setzt insofern die dreisten Versuche der Kirchenväter fort, die Tradition der "heidnischen Philosophie" sich dadurch hegemoniestiftend anzueignen, dass sie die Autoren der zentralen griechischen Bildungsschriften, Homer und Hesiod, oder Philosophen wie Platon für Plagiatoren der jüdischen Schriften, beziehungsweise einflussreiche Reichsschriftsteller wie Vergil oder Cicero für unwissentlich von ihrem Gott inspiriert erklärten. Im Gegenteil lässt sich seit den hellenistischen Teilen des Alten Testamentes eine rege Rezeption von Konzepten und Fragestellungen aus der philosophischen Traditionslinie - wie die Bienen den Honig zusammentragen, hat das ein Kirchenvater genannt - innerhalb der jüdischen Tradition wie unter den christlichen Kirchenvätern beobachten.

Das erinnert durchaus - spiegelbildlich - an die entsprechende Einseitigkeit des Geschichtsbildes der italienischen Renaissancehumanisten, welche über das "dunkle Mittelalter" hinweg unmittelbar an die Wissenschaften der griechisch-römischen Antike anzuknüpfen versuchten, oder an die deutschen Neuhumanisten des 19. Jahrhunderts, für die der "Geist der deutschen Klassik" unmittelbar den "griechischen Geist" vergegenwärtigte.

Vergessen, einebnen, einschränken

Selbstverständlich gibt es Versuche, die plumpe These von der "ursprünglichen Religiosität" der heidnischen Philosophie etwas intelligenter vorzutragen. Drei Typen derartiger Ansätze haben sich seit Jahrhunderten fest etabliert: Zum einen wird die spätantike Gestalt dieser Philosophie, in der sie sich stark auf theologische Themen konzentrierte und in gewissem Sinne selbst quasi-religiöse Praktiken in ihre Tätigkeit aufnahm (insbesondere Magie und Mantik) zur allein verbindlichen Gestalt von Philosophie erklärt. Das geht ganz eindeutig nur gegen den Wortlaut der älteren Texte, die wir immerhin inzwischen dank der philologischen Kritik von Generationen seit dem 14. Jahrhundert und einiger Manuskript- und Papyrusfunde wieder lesen können. Zugleich wurden die Traditionslinien der Wissenschaften und des Materialismus, wie er für die aristotelische Tradition und die allermeisten hellenistischen Philosophenschulen (Epikuräer, Skeptiker, Stoiker) maßgeblich waren, einfach beiseite gelassen.

Zum anderen wird "der Mythos" als Ursprung und fortwährender Grund des philosophischen "Logos" behauptet. Das ebnet die Differenz ein, welche die "Sophoí", die griechischen Weisen, zu denen Thales von Milet gehörte, ebenso wie die etwas späteren Philosophen (zu denen in der Antike auch immer die Fachwissenschaftler zählten), beginnend mit Pythagoras, den traditionellen Denkformen entgegenstellten. Eine derartige Einebnung findet sich auch in bestimmten marxistischen Versuchen, "Mythos" wie "Logos" inhaltlich als Ausdruck des Gegensatzes von Erinnerungen an die "urkommunistischen" Gesellschaften und der Erfahrung der zeitgenössischen Klassengesellschaft oder von älteren Gemeinschaftsformen und geldwirtschaftlichem Individualismus zu erweisen.

Schließlich wird der Versuch gemacht, die inhaltliche Tragweite dieses neuen gesellschaftlichen Denkens, wie es in der griechischen Philosophie als einer historisch zunächst durchaus partikularen Erscheinung Gestalt angenommen hat, übermäßig einzuschränken und so die Herkunft der wesentlichen Neuerungen gerade auch des autonomen menschlichen Denkens aus der jüdisch-christlich-islamischen Linie der europäisch-mittelmeerischen Tradition zu behaupten. Auch ohne in einen rückblickenden Gräkozentrismus zu verfallen, lässt sich hier in wesentlichen Punkten gegenhalten:

Wenn etwa behauptet wird, die Linie von Thales über Pythagoras zu Demokrit und Aristoteles oder Theophrast hätte bereits die Tendenz zu einer "instrumentellen Vernunft", welche auf alle Fragen nur letztlich nur technische Antworten zu bieten hätte, können wir dagegen auf die explizit politisch-ethische Grundhaltungen verweisen. Von allen philosophischen Schulgründern des Altertums, von Pythagoras bis zu Epikur oder Zenon von Kittium, sind uns Auffassungen darüber überliefert, wie Menschen gut leben können und sollen.

Wenn etwa unterstellt wird, diese PhilosophInnen hätten sich nur destruktiv auf die tradierten Gemeinschaftsformen der Polis bezogen beziehungsweise individualistisch privatisiert, können wir erstens darauf hinweisen, wie weit diese Polisformen selbst Neuerungen waren, sowie darauf, dass sie in einer Linie liegen, die von Pythagoras´ Konzept einer Organisierung radikaldemokratischer Bünde auf der Basis der "philia", der freundschaftlichen Liebe, über die Organisationsprinzipien der hellenistischen Philosophenschulen bis hin etwa zum römischen Scipionenkreis reicht.

Auch die gelegentlich behauptete emanzipatorische Radikalität der christlich-jüdischen Tradition gegenüber dem griechisch geprägten Denken der Philosophen hält keiner näheren Analyse stand: Schon die radikaleren Sophisten (die nur Platon und seine Schule aus der Philosophie zu exkommunizieren versuchten) postulierten energisch die Gleichheit aller Menschen als potenzieller Politen, also auch der Sklaven, der Barbaren oder der Frauen. Das hat etwa Aristoteles dazu gezwungen, eine explizite Begründung für die Existenz der Sklaverei zu formulieren, oder Aristophanes dazu veranlasst, in seiner Lysistrata gegen den Anspruch auf Frauenrechte mit einer ebenso groß angelegten, wie grobschlächtigen Satire zu kämpfen.

Selbst die "Reflexivität", welche in der Tat in der Neuzeit zwischen Descartes und Hegel eine ganz eigentümliche Verselbständigung erfahren hat, war dem antiken philosophischen Denken keineswegs fremd. Das zentrale theoretische Thema des "Denkens des Denkens" entfaltet sich bereits zwischen Heraklit, Parmenides und Aristoteles, die praktische Reflexivität des "Gewissens" findet sich von Demokrit über Sokrates bis zu Platon voll ausgebildet, und die epistemologische Reflexion der Erfahrungswissenschaften findet sich vor allem in der Linie des medizinischen Materialismus seit Hippokrates entwickelt.

Traditionslinien eigenständigen Denkens

Vieles spricht für die Annahme, dass diese Linien eigenständigen philosophischen und wissenschaftlichen Denkens auch während der christlich-katholisch beherrschten Jahrhunderte in Westeuropa präsent und wirksam geblieben sind (in mehr oder minder getarnten Bildungstraditionen weltlicher Eliten). Jedenfalls waren sie lange Jahrhunderte innerhalb der arabisch-islamischen und der hebräisch-jüdischen Traditionszusammenhänge noch umfangreich präsent, bis sie dann seit dem 12. Jahrhundert in den westeuropäischen Mainstream Eingang gefunden haben.

Die Erneuerung der Wissenschaften im Renaissancehumanismus, die zum ersten Mal eine kritische Öffentlichkeit für Texte schuf, und die Aufklärung mit ihrem Anspruch auf eine umfassende, enzyklopädische Volksbildung haben direkt daran anknüpfen können und nicht nur an die eigenen radikalen Strömungen der westeuropäischen christlichen Tradition.

Diese Erinnerung an die längst geleistete Widerlegung der These von Aufklärung und Wissenschaft als Plagiat der (christlichen oder "abrahamitischen") Religion erledigt keineswegs die Frage nach dem wirklich eigenständigen Beitrag der nomadischen Radikalität der euro-mittelmeerischen Buchreligionen zu den historischen Denkstrukturen der europäischen Neuzeit und darüber hinaus zu einem wirklich zeitgenössischen Diskurs. Aber sie entzieht dem Alleinvertretungsanspruch dieser Linie der Buchreligionen innerhalb der europäischen Kultur, wie er gegenwärtig aus den historisch viel radikaler christlich, und zwar in der um viele philosophischen Traditionselemente bereinigten protestantischen Variante, geprägten USA herüberschwappt, hoffentlich seine argumentativen Grundlagen. Und diese Erinnerung macht zugleich den Weg dafür frei, beide großen Traditionsstränge Europas, die jüdisch-christliche und die griechisch-römische weniger "geistig" zu betrachten, sondern im Rückgriff auf die Kämpfe und Praktiken, mit welchen sie, ursprünglich an den Rändern der neuen Großreiche, religiöse und philosophische Artikulationsformen für den Widerstand gegen Herrschaft gefunden haben, welche dann wiederum zu Legitimationsinstanzen und Orientierungsquellen eben dieser Herrschaftsstrukturen umfunktioniert worden sind. Aber dies ist eine weitgehend erst noch zu erforschende Geschichte.

Frieder Otto Wolf, geboren 1943, ist seit 1973 Privatdozent für Philosophie in Berlin. Er arbeitete als grüner Europapolitiker, von 1994 bis 1999 war er Mitglied des Europäischen Parlaments. Zuletzt erschien von ihm das Buch Radikale Philosophie. Aufklärung und Befreiung in der neuen Zeit, Münster 2002.

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00:00 15.11.2002

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