Zurück auf Anfang

Porträt Oskar Lafontaine will es im Saarland noch einmal wissen. Gelingt ihm die Rückkehr an die Macht?

Oskar Lafontaine schlägt seine letzte Schlacht. Der Mann, der sich einst den Ruf eines Napoleons von der Saar erwarb, kämpft seit seinem Rückzug von der Berliner Bühne im Saarland wie in einem für ihn geschaffenen St. Helena. Es ist alles zu klein geworden für einen wie ihn. Er residiert in einem großen Haus auf einem großen Grundstück. Aber oberhalb dieses Anwesens befindet sich das ungleich prächtigere Haus von Großindustriellen, die für sich in Mettlach arbeiten lassen. Lafontaine reist kaum noch nach Berlin, das tut nun seine Frau, Sahra Wagenknecht, die sich ihr Mandat aber nicht im kleinsten Bundesland, sondern im größten holt, nicht im Saarland Lafontaines sondern in Nordrhein-Westfalen. Ein Mann mit Vergangenheit, eine Frau mit Zukunft – aber kaum an der Saar.

Lafontaines Weg zur Größe war und ist in vielen Zügen bemerkenswert. Aufgewachsen in beengten Verhältnissen kam er früh in das bischöfliche Knabenkonvikt nach Prüm, wechselte also zwischen Schulwochen und Ferien zwischen dem noch nicht zur Bundesrepublik gehörenden Saargebiet und Rheinland-Pfalz. In solchen Konvikten blieben die Schüler weitgehend sich selbst überlassen, nur Morgenmessen und Abendandachten waren Pflicht. Das führte früh zu großer Selbstständigkeit, bei entsprechender Veranlagung auch zu großem Selbstbewusstsein. Das Gymnasium war das städtische, Lafontaine blieb dort neun Jahre, machte Abitur und studierte Physik.

Aber mehr noch zog es ihn in die Politik. Und wie die meisten seiner Generation wandte er sich der SPD zu. Dafür wird nicht nur, aber vor allem Willy Brandt bedeutend gewesen sein. Lafontaine zitiert ihn gern. Aber in dem Augenblick, als das am richtigsten und wichtigsten gewesen wäre, tat er es nicht. Lafontaine wurde in jungen Jahren Oberbürgermeister in Saarbrücken. Er war in diesem Amt populär und erfolgreich. Ministerpräsident des jungen Saarlands war damals Franz-Josef Röder von der CDU, ein souveräner Schulmeister, der Partei und Land auch genau so führte. Röder wurde alt und die CDU fing an zu drängeln, er möge zurücktreten und einen Jüngeren ranlassen. Als man es damit in einer Sitzung einmal zu weit getrieben hatte, besann sich Röder darauf, dass die Sozialdemokraten in irgendeinem Vorort ihr Sommerfest feierten. Er stand auf, fuhr hin, setzte sich zu Lafontaine an den Tisch und unterhielt sich lange mit ihm – ganz väterlicher Lehrer mit Lieblingsschüler. Dazu wurden etliche Glas Wein getrunken. Die CDU an der Saar wusste nun, wen ihr verehrter Ministerpräsident allen anderen vorzog. Als Röder starb, war es der Oberbürgermeister Lafontaine, der dafür sorgte , dass die Straße vor dem Landtag dessen Namen erhielt. Zur Stunde der dafür organisierten Feier im Landtag – im Saarland wird bei jeder Gelegenheit gefeiert – hatte Röders Nachfolger eine Kabinettssitzung angesetzt. Kein Wunder, dass schon bald Lafontaine Ministerpräsident des Landes wurde. Aber das war erst der Anfang.

Lafontaines bundespolitische Bedeutung ergab sich – wie das etwa auch bei Helmut Kohl der Fall war – aus seiner ungemein erfolgreichen Arbeit als Ministerpräsident . An der Saar war er so unschlagbar wie Kohl in der Pfalz. Doch während Kohl nach dem Wechsel nach Bonn eine lange Durststrecke überwinden musste, bevor er zu Ansehen kam, eilte Lafontaine sofort der Ruf des Siegers voraus. In der ersten Hälfte des Jahres 1989 stellten sich viele in Bonn – bis hinauf zum Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker schon auf einen Bundeskanzler Lafontaine ein. Doch dann passierten zwei Dinge. Er wurde bei einem Messer-Attentat schwer verletzt und brauchte eine lange Rekonvaleszenzzeit. Und es fiel die Mauer, es rückte die Wiedervereinigung heran. Hier nun folgte der Saarländer nicht Willy Brandt, der sie begrüßte, sondern zeigte sich mäkelig. Die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl verlor die SPD mit ihm als Kanzlerkandidat krachend.

Lafontaine trat als SPD-Chef zurück, aber nicht für lange. Sein zweiter Nachfolger, Rudolf Scharping, missfiel ihm und in einer Art Putsch auf dem Mannheimer Parteitag holte er sich den Parteivorsitz zurück. Aber er war in Bonn Bundestagsabgeordneter. Und jetzt war es Gerhard Schröder, der als Ministerpräsident von Niedersachsen außerordentlich erfolgreich war. Schröder wurde 1998 Kanzlerkandidat und Kanzler. Lafontaine wurde Finanzminister. Doch als ihm Schröder zeigte, was er unter Richtlinienkompetenz verstand, trat der Mann, den viele Saarländer immer noch liebevoll „Oskar“ nennen, von allen Ämtern zurück und wurde Bild-Kolumnist.

Schröders Agenda-Politik bewirkte seine Rückkehr auf die große Bühne. Über eine Linkspartei im Westen und ihr Zusammengehen mit der PDS wurde er einer der Vorsitzenden der Partei „Die Linke“, für die er zusammen mit Gregor Gysi Furore machte. Eine schwere Erkrankung und mancherlei Zerwürfnis in der Partei zwang ihn zur Rückkehr an die Saar. Er kehrte auch in den Landtag zurück, aber dort hatte sich inzwischen wieder die CDU die Sympathie und die Macht gesichert. Und die SPD wollte zunächst nichts mehr mit Lafontaine zu tun haben.

Das könnte sich nun bei der Landtagswahl am 26. März ändern. Die CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer ist zwar beliebt, aber der Martin-Schulz-Rausch könnte unerwartet die SPD so stark werden lassen, dass ein rot-rotes Bündnis das rot-schwarze Bündnis ablösen könnte. In einem solchen Vorgang läge dann aber die SPD vor der Linken und eine Rückkehr Lafontaines als Ministerpräsident gäbe es nicht. Er kann in seiner letzten Schlacht zu den Siegern gehören. Aber der Thron bleibt unerreichbar. Dieser Sieg könnte für ihn politisch das Ende bedeuten.

06:00 25.03.2017

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