Zusammen kommen

Inklusion ist wichtig. Ein Bericht vom „Schichtwechsel“, bei dem Mitarbeitende aus Berliner Unternehmen ihren Arbeitsplatz mit Beschäftigten der Werkstätten tauschen
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Zusammen kommen

Foto: Alanna O'Riordan

Inklusion ist ein häufig diskutiertes Thema. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen deutschlandweit in Kraft trat, die mit dem Vorhaben zur Umsetzung eines inklusiven Schulsystems einherging. Grundschulen leben den Gedanken schon relativ erfolgreich, auch wenn es häufig an Expertise und Ressourcen mangelt. Aber wenn man ehrlich ist, sie waren schon immer Schulen für alle. Die Journalistin Parvin Sadigh schreibt, dass Inklusion nicht zu unserem exklusiven Schulsystem passen würde und, dass das Miteinbezogensein vielerorts eine Utopie sei (Die Exklusivität des Trennens nach den Grundschuljahren nach Leistung widerspricht dem Inklusionsgedanken prinzipiell). Frau Sadigh kritisiert dabei einen wichtigen Punkt. Wer es auf Grund guter Leistung aufs Gymnasium schafft, genießt (meist) eine gute Schulausbildung. Wer es nicht packt, landet womöglich auf einer der anderen Schulen mit den etlichen anderen Namen. So werden Haupt-, Sekundar- oder Gesamtschulen oftmals Auffangbecken für Kinder aus benachteiligten Elternhäusern, solche mit schlechten Sprachkenntnissen, andere, die sozial auffällig geworden sind – oder eben Behinderungen haben.

Nach zehn Jahren der UN-Behindertenrechtskonvention gibt es noch viel zu tun. Aktivist Raúl Krauthausen kritisierte in einem Interview mit der Deutschen Welle die gesellschaftliche Grundhaltung. Er sagt, dass Haltung ausschlaggebend ist und kontert: „Betrachten wir Behinderung als ein Schicksal des Individuums, das halt Pech gehabt hat – oder betrachten wir Behinderung als etwas, das durch Barrierefreiheit, zum Beispiel in Form von Aufzügen, Punktschrift für blinde Menschen oder Gebärdensprache zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe wird?“ In einem weiteren Deutsche Welle-Interview zieht der Geschäftsführer der BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen), Martin Danner, ein Fazit: „Die Liste der Lebensbereiche, in denen noch Handlungsbedarf besteht, ist lang. Zu nennen sind die Felder Bildung und Ausbildung, Teilhabe am Arbeitsleben und auch die Barrierefreiheit, zu der auch private Unternehmen verpflichtet werden müssen.“ Hinzu komme noch „Nachholbedarf etwa beim Gewaltschutz, der Rehabilitation, beim Diskriminierungsschutz und auf dem Feld der Selbstbestimmung.“

Der Schichtwechsel findet jährlich bundesweit statt und ist ein lobenswerter Ansatz, Inklusion zu fördern und neue Perspektiven zu gewinnen. Teilnehmer des Schichtwechsels sind Betriebsangehörige und Menschen mit Behinderungen aus Werkstätten, die ihren Arbeitsplatz tauschen. Dadurch werden von beiden Seiten Einblicke in die verschiedenen Arbeitsalltage gewährleistet.

Der diesjährige Schichtwechsel fand am 24. Oktober statt. Insgesamt 17 Berliner Werkstattträger für Menschen mit Behinderungen luden Beschäftigte zum diesjährigen Perspektivwechsel ein. Auch der Freitag war, wie in den letzten Jahren, beim Schichtwechsel dabei. Um neun Uhr ging es für die Freitag-Mitarbeiterin, also mich, in der Genter Straße 8 in Berlin los. Ich war in der Handbuchbinderei eingeteilt, eine der vielen Dienstleistungsbereiche der Union Sozialer Einrichtungen (USE). Die Union Sozialer Einrichtungen GmbH ist ein innovatives, wirtschaftlich orientiertes Unternehmen mit hoher sozialer Verantwortung. Mit einem hohen Maß an Kreativität und Kompetenz entwickelt die Institution Angebote, mit denen behinderte und benachteiligte Menschen eine individuell passende Struktur finden, durch die sie Teil der Gemeinschaft und der Arbeitswelt sein können. Beispiele der verschiedenen Bereiche sind Handwerk, Druck und Medien, Pflanzen und Garten, Manufakturen und noch einiges mehr.

Regina Görnert de Gutierrez, Leiterin der Handbuchbinderei, empfing mich. Es ging gleich mit einer Rundführung los. Nichts wurde ausgelassen; der 3D-Drucker wurde vorgeführt, das Geschäft der Handbuchbinderei wurde inspiziert, die Druck Prozedur großer Aufträge wurde beäugt und es wurde letztlich auch mit angepackt, was um einiges leichter aussah als es war, dennoch nach mehreren Ansätzen und geduldigem Zuspruch der Werkstattmitarbeiter gelang.

Es war ein toller, inspirierender Tag. Die Gespräche sowohl mit den Leitern der Werkstatt wie auch mit den Mitarbeitern waren lehrreich und spannend. Der Respekt und das zwischenmenschliche Miteinander sind ein soziales Paradebeispiel, ein wahres Vorzeigemodell. Auch der Schichtwechsel hat große Signifikanz. Zwar bietet er lediglich für einen Tag einen Perspektivwechsel, setzt jedoch ein wichtiges Zeichen der Bereitwilligkeit zur Inklusion. Klar ist, dass es noch ein langer Weg sein wird, bis man von einem Erfolg hinsichtlich Inklusion ausgehen kann und dies betrifft (leider) noch viele Bereiche. Passend dazu sagte Van Gogh mal: „Großes wird durch eine Reihe von kleinen Dingen erreicht, die zusammenkommen.“

06:00 13.11.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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