Zusammenlegen oder Fusionieren?

Tipp Nicht nur Betriebe, Konzerne oder Brötchenhälften werden in der heutigen Zeit zusammengelegt, auch Orchester, Theater und Gemeinden. Der Vorteil ...

Nicht nur Betriebe, Konzerne oder Brötchenhälften werden in der heutigen Zeit zusammengelegt, auch Orchester, Theater und Gemeinden. Der Vorteil liegt auf der Öffentlichen Hand: Es wird Geld gespart.

Zwei Orchester brauchen zwei Dirigenten, zwei teure Flügel, jede Menge Notenständer und je zwei Personaltoiletten für Damen und Herren, also insgesamt vier. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Müssen denn in Zeiten knapper Kassen wirklich so viele Xylophonspieler durchgemästet werden? Gerade bei Xylophonspielern, die ohnehin kaum zum Tragen kommen, wenn wir einmal von Gustav Mahlers 6. Symphonie absehen, ist das Sparpotential ganz erheblich. Zu Orchesterproben und wenn für die Silberhochzeit von Kollegen gesammelt wird, sucht man die Xylophonspieler meistens vergeblich. Also: aus zwei Orchestern mach eins. Anschließend kann der überschüssige Flügel verkauft werden.

Wirtschaftliches Denken erfordert natürlich auch vom Publikum eine gewisse Flexibilität. Bei dünner gewordener Personaldecke wird es kaum möglich sein, alle Neujahrskonzerte am 1. Januar stattfinden zu lassen.

Am Theater gab es bereits im Hoch-Mittelalter gute Ansätze zur Personaleinsparung und Haushaltskonsolidierung, als man damit begann, Schauspieler aus Fleisch und Blut gegen viel billigere Marionetten auszutauschen, die nicht ständig wegen höherer Gagen und Trennungsentschädigung angelaufen kamen.

Den richtigen Einsparungs-Kick bringt aber erst die Fusion. Theater kann heute, wo neues Drama und Bürgerliches Trauerspiel eine Wiedergeburt erleben, kein Mittel höfischer profuser Repräsentanz mehr sein. Und: Wenn zwei Häuser fusionieren, trägt eins von beiden zur Verschönerung des Immobilienteils großer Tageszeitungen bei.

Abgesehen davon ist der Anteil an Platzanweiserinnen, Garderobenfrauen, Beleuchtern, Inspizienten, gemessen an der Gesamtbevölkerung, viel zu hoch. Auf 200.000 schwer arbeitende Menschen kommt bei uns ein Theaterkritiker. Nach der Fusion reicht ein halber. Intendanten, Dramaturgen und Regisseure sollten diesen Sparansatz schöpferisch weiterverfolgen. Können Nebenrollen nicht an Kartenabreißer vergeben werden? Sogar Zuschauer könnte man einsparen. Und das auf eine sozial verträgliche Weise. Etwas komplizierter ist die Zusammenlegung von Kommunen. Streit gibt es manchmal darüber, wie die künftige Großgemeinde heißen soll, aber auch darüber, wie der künftige Bürgermeister heißen soll. Zwei Bürgermeister aus Fleisch und Blut gegen eine Marionette auszutauschen und diese Kasper zu heißen, wäre vielleicht eine Lösung, aber keine sozial verträgliche. In der Regel wird deshalb bei Gemeindezusammenschlüssen das Personal von Verwaltungen "übernommen". Das ist allemal besser, als sozialen Sprengstoff zu produzieren.

Der Spareffekt grenzt dennoch ans Gigantische. Weniger Gemeinden, das bedeutet schließlich weniger Gemeinden, die Schulden haben. Ganz schnell und genial lässt sich so die Anzahl von hochverschuldeten Kommunen halbieren. Was sich natürlich nicht halbiert, sind Gemeindesteuern und Gebühren.

Fusionen von Banken und Konzernen sind konjunkturpolitische Maßnahmen zur Sicherung der Arbeitsplätze und des Wohlstandes der Vorstandsmitglieder. Diese entscheiden schließlich in schweißtreibender Arbeit über Kurs und Konkurs der Unternehmen. Arbeiter und Angestellte werden im Zuge von Fusionen gern freigesetzt beziehungsweise ins Freie gesetzt. Erwischt es dabei ausnahmsweise doch mal einen vom Vorstand - das Leben ist hart und ungerecht -, muss dieser sich damit halt abfinden, was ihm anhand einer Abfindung unmissverständlich klargemacht wird.

Gescheitert sind bislang alle Versuche, ein Orchester mit einer Gemeinde zusammenzulegen, oder einen Konzern mit einer Brötchenhälfte. Wir sollten uns aber von anfänglichen Fehlschlägen nicht entmutigen lassen.

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00:00 01.02.2002

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