Zwei Helme am Kreuz

Deutsche Soldatengräber in Weissrussland Vera Archutitsch hat ihre Mission erfüllt

Sie wendet sich resoluten Schrittes in Richtung Straßengraben, schwenkt beim Gehen mit ausgestrecktem Unterarm ihre dunkelbraune Handtasche, die sie seit Ende der vierziger Jahre besitzt und einmal im Monat sorgfältig mit Schuhcreme pflegt. Kurz: Vera Archutitsch ist sich ihrer Würde in diesem für sie so wichtigen Augenblick bewusst. Nicht aber der Tatsache, dass ihr Aufzug nicht recht passen will zu einer staubigen Dorfstraße im Hochsommer, den Hühnern, die auf den Höfen gackern, und den neugierigen Nachbarn, die sich über die Staketenzäune lehnen, um auch nichts von dem zu versäumen, was da in ihrem Ort Nowosjelki gerade geschieht.

Die 75-Jährige, ihre frisch gewienerten Schuhe nicht schonend, steigt in den von gelbem Gras überwucherten Graben hinab, balanciert über Ziegelsteine, Holzbohlen sowie Teile eines Maschendrahtzauns und erreicht schließlich das Ende einer Garagenmauer aus grauem Backstein fast am Dorfausgang.

"Dort liegen sie", zeigt die alte Frau mit ihrem von Gicht gekrümmtem Finger auf einen undefinierbaren Haufen aus Zementsäcken, leeren Lack- und Farbbüchsen. "Dort unter der Birke, damals waren die Bäume noch so klein." Vera Archutitsch zieht mit der Hand eine gedachte Linie unterhalb ihres Kinns. "Zwei Holzkreuze waren es, aus Ästen gezimmert. Und daran hingen die beiden Stahlhelme. Genau da, wo jetzt die Garage steht."

Hartmut Winterfeldt, der mit Notizblock und Bleistift in der Hand gleichfalls in den Graben steigt, notiert die Angaben, später wird er sie dem Büro des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Minsk mitteilen, damit ein offizieller Antrag auf Exhumierung von Gebeinen deutscher Kriegsgefallener bei den weißrussischen Behörden gestellt werden kann.

"Es war irgendwann im Juli 1944. Mitten in der Nacht klopfte es an unserem Haus", erzählt Vera Archutitsch, die inzwischen auf ihrer aus Birkenbrettern gezimmerten Gartenbank sitzt. "Draußen vor der Tür stand ein deutscher Offizier, der uns aufgeregt klarmachte, wir sollten die Häuser so schnell wie möglich verlassen, auf der Stelle. Die Front würde begradigt, deutsche Truppen kämen durch unser Dorf. Er hat uns wahrscheinlich das Leben gerettet ..."

Vom Kind bis zum Greis

Vera Archutitsch unterbricht für einen Augenblick den Fluss ihrer Erinnerungen, um einen versonnenen Blick in eine unsichtbare Ferne zu schicken. Die Nachbarn ringsherum, ebenfalls alte Leutchen aus dem Dorf, scheinen ihrem Blick zu folgen, weit zurück in eine Zeit, die sie alle bis heute vereint.

Ihr Dorf - Nowoselki im Westen Weißrusslands - gibt es noch, mehr als 3.000 andere nicht mehr. Im Krieg wurden sie ausgelöscht, zumeist durch Strafaktionen der SS, wenn Angriffe von Partisanen gerächt wurden, die oft im Morgengrauen zuschlugen, um kleine Gruppen ortsunkundiger Besatzer anzugreifen. SS-Einheiten zahlten dann die erlittenen Verluste doppelt und dreifach zurück.

Überall an den langen, einsamen Straßen Weißrusslands, die sich kilometerweit zwischen sanften, waldigen Hügeln hinziehen, ohne dass eine Menschenseele anzutreffen wäre, stehen allenthalben Denkmäler für Gehöfte, Weiler und Dörfer, deren Bewohner vom Kind bis zum Greis in Scheunen oder Kirchen zusammengetrieben und verbrannt wurden. Die Berichte noch lebender Augenzeugen lassen einem, besonders wenn man aus Deutschland kommt, das Blut in den Adern gefrieren.

Die offiziellen Zahlen weißrussischer Historiker besagen, dass es vor dem Krieg neun Millionen Weißrussen gab, darunter viele Juden, danach noch 6,8 Millionen: Jeder Vierte kam ums Leben, es gibt noch heute keine Familie, die nicht wenigstens einen Kriegstoten zu beklagen hat. Ein Trauma, das zu einem erheblichen Teil das Nationalbewusstsein und Selbstverständnis der Weißrussen geprägt hat. Nicht von ungefähr wirkt dieser Staat unter dem autokratischen Präsidenten Lukaschenko wie eine Insel oder letzte Bastion des untergegangenen Sowjetreiches inmitten der neukapitalistischen Fiebrigkeit Osteuropas.

150.000 unbekannte Gräber

Zweimal, im Sommer 1941 und noch einmal 1944, wieder im Sommer, überrollte der Krieg das Land mit brachialer Wucht. Kein Wunder, dass es in Minsk Stirnrunzeln oder teils offenen Widerstand auslöst, wenn der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge mit Nachdruck dafür sorgen will, dass ihm bisher nicht registrierte Grabstätten deutscher Soldaten gemeldet werden. Weißrusslands Regierung hat zwar ein Abkommen über die Suche nach Vermissten und die Pflege der Gräber am 28. Juni 1996 unterzeichnet, aber im Parlament lässt seither die Ratifizierung auf sich warten.

Seit zehn Jahren bemüht sich der Volksbund um einen Sammelfriedhof für die deutschen Gefallenen auf weißrussischem Gebiet. Die Mitarbeiter der Organisation - viele davon frühere NVA-Angehörige, die von ihren rudimentären Russischkenntnissen zehren - arbeiten im Spannungsfeld zwischen der Erinnerung an das einst nicht zu Unrecht anerzogene Schuldbewusstsein gegenüber den Nachbarvölkern im Osten und dem Wissen, dass kostbare Zeit verrinnt, solange der weißrussische Staat nur unter Vorbehalt hilft. Der Volksbund vermutet bislang noch unbekannte Gräber von bis zu 150.000 Gefallenen des Zweiten Weltkrieges und von 40.000 Kriegsgefangenen, die zwischen Brest und Witebsk interniert waren.

Konnte die Wehrmacht in den Jahren 1941/42 ihre Toten noch auf kleinen Friedhöfen bestatten, die sie neben denen der Einheimischen anlegte, so war dies 1944, während des Rückzugs, nicht mehr möglich: Viele Gefallene wurden nur noch eilig verscharrt. Die Angehörigen erhielten über die so genannte "Wehrmachtsauskunftsstelle" in Berlin eine Nachricht über den Ort der Bestattung - so genau das seinerzeit möglich war. Tausende Soldaten aber blieben auf den Schlachtfeldern zurück und wurden von Ortsansässigen oder der Sowjetarmee unter die Erde gebracht. Oft genug sind das die Gräber der bis heute als vermisst Gemeldeten. Nur alte Karten der Wehrmacht, archivierte Frontberichte und die Erinnerungen von Zeitzeugen stehen noch zur Verfügung, um derartige Grabstätten ausfindig zu machen.

Aber es ist nicht allein der Widerstand weißrussischer Behörden und Kriegsveteranen, der es erschwert, Schicksale aufzuklären und Soldaten eine letzte Ruhestätte zu geben. Eine Barriere entsteht auch durch den anderen Umgang Weißrusslands mit den eigenen Kriegstoten, gibt es doch unzählige weißrussische Familien, die gleichfalls nie erfahren haben, wo ihre Gefallenen liegen. Die Rote Armee bestattete ihre Toten zumeist in Massengräbern. Um wen es sich dabei im einzelnen handelte, lässt sich kaum noch ermitteln. Zu Kriegsbeginn trugen die meisten Soldaten und Offiziere noch ihre Erkennungsmarke. Später weigerten sich viele, dies zu tun, es galt als schlechtes Vorzeichen, als Vorwegnahme eines tragischen Schicksals. Ohnehin stellte man nach 1945 in der Sowjetunion die Suche nach den Gräbern der eigenen Gefallenen nie in den Vordergrund, verehrt wurde ein Mythos - der kollektive Helden-Soldat aus dem Großen Vaterländischen Krieg.

Bis heute darf nur weißrussisches Militär, vorzugsweise aus dem Suchbataillon 52, die sterblichen Überreste deutscher Soldaten ausgraben und umbetten. "Es ist wohl richtig, dass wir das übernehmen", meint Jewgenij Lukjanowitsch, ein 20jähriger Soldat, der sich auf seinen Spaten stützt und eine Pause einlegt. Drei Meter tief haben die Männer in den dunkelgrünen Sommeruniformen schon gegraben. Gerade sind sie auf Särge gestoßen, die hier - direkt neben einem kleinen katholischen Friedhof - auch vermutet wurden. Es war der Hinweis eines Dorfbewohners, der zu dieser Exhumierung der Gebeine von 20 Deutschen führte.

Halbe Erkennungsmarken

"Der Bruder meines Großvaters ist irgendwo in Deutschland gefallen, keine Ahnung wo. Und ob er dort ordentlich begraben wurde, weiß in meiner Familie auch keiner", sagt Jewgenij. "Der Krieg ist Vergangenheit, aber für die Verwandten der Toten ist es sicher gut, was wir hier tun. Die haben dann einen Ort, um sich zu erinnern. Erinnern ist wichtig." Er wischt sich den Schweiß von der Stirn, steigt wieder in die sandige Grube, wo seine Kameraden mit geübten Griffen zuerst Oberschenkelknochen, dann Schädel und Becken-Teile freilegen. Die Überreste jedes Gefallenen werden in schwarze Pappsärge gelegt. Bei den meisten finden sich noch halbe oder ganze Erkennungsmarken.

"Zollgrenzschutz Königsberg" steht auf einer, daneben die Nummer. Eine Gruppe deutscher Zöllner, vermuten die Mitarbeiter des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, vermutlich wurden sie in dieser Gegend Opfer eines Partisanen-Angriffs. Schon bald sollen ihre Gebeine nun auf dem neuen Sammelfriedhof Berjosa im Westen Weißrusslands bestattet sein. Falls es Angehörige gibt, können sie diesen Ort jederzeit besuchen. Über die Grabreihe und Grabnummer informiert die einstige "Wehrmachtsauskunftsstelle" in Berlin, die heute nur noch "Deutsche Dienststelle" heißt.

Die Genehmigung der weißrussischen Behörden für den Soldatenfriedhof Berjosa ließ lange auf sich warten, immerhin handelt es sich um die größte Anlage dieser Art im Land. 50.000 Gräber nimmt die vier Hektar große Fläche, ehemaliges Ackerland am Rande eines Nadelwaldes, auf, gepachtet vom Volksbund für die einmalige Bearbeitungsgebühr von umgerechnet 8.000 Euro.

Ein letzter Brief

Auch die beiden Toten, die unter dem Bauschutt der Garage im Nowosjelki liegen, werden demnächst exhumiert, wenn möglich anhand der Erkennungsmarke identifiziert und in Berjosa unter schlichten schwarzen Steinkreuzen begraben - mehr als 60 Jahre, nachdem sie ums Leben kamen.

Vera Archutitsch sitzt noch immer auf ihrer Gartenbank, in Erinnerungen an die letzte Kriegsnacht in Nowosjelki versunken. "Es war tatsächlich das letzte Mal, dass wir die Deutschen sahen, nachdem der Offizier uns gedrängt hatte, aus unseren Häusern zu verschwinden. Neun Kilometer weiter haben wir kurz vor dem Morgengrauen Halt gemacht - ein furchtbares Getöse brach plötzlich an. Ohne Unterlass schlugen Geschosse ein, die Erde bebte, der Himmel leuchtete taghell vom Feuer. Es war grauenvoll. Als der Morgen kam, war alles vorbei. Die Unseren zogen vorüber - und blieben. Tage später entdeckte ich die beiden Grabkreuze mit den Stahlhelmen, sie haben mich nie losgelassen. Auch nicht, als der Besitzer des Grundstücks den Holzzaun rund herum einriss, auf den Gräbern Tomaten pflanzte und später die Garage baute."

Plötzlich bricht sie ab, hält sich mit dem Blick wie ein verlegenes Schulmädchen an ihren zusammengepressten Schuhspitzen fest, die nicht ganz den Boden berühren. Erst auf Nachfrage beginnt sie, weiter jedem Blick ausweichend, wieder zu sprechen.

"Ich wollte immer, dass die beiden Toten in Frieden ruhen können, dass vielleicht sogar einmal ein Enkel vor ihrem Grab stehen und an sie denken kann. Und als ich in der Zeitung gelesen habe, dass dieser deutsche Volksbund schon oft bei der Suche nach gefallenen Deutschen auch Gräber unserer Soldaten gefunden und gemeldet hat - da wusste ich: Das ist die richtige Adresse für mich." Plötzlich treten der alten Frau Tränen in die Augen und kullern eilig, als würden sie sich für das Mütterchen schämen, die runzligen Wangen hinab.

"Der letzte Brief meines Vaters an mich", flüstert Vera Archutitsch, "trägt das Datum 25. April 1945. Damals war ich 15. Mein Vater schrieb, sie seien jetzt irgendwo in der Nähe von Berlin. Danach habe ich nie wieder etwas von ihm gehört."

Sie ballt die Fäuste auf ihren Knien - nur jetzt hat sie die Möglichkeit, das zu sagen, was ihr all die Jahre auf der Seele lag. "Vielleicht helfen mir die Deutschen zu erfahren, wo mein Vater gefallen ist und wo ich ein Grab oder Denkmal finde, unter dem er liegen könnte. Ich habe nur noch einen großen Wunsch, bevor ich sterbe - ich möchte vor dem Grab meines Vaters stehen und mich erinnern, damit das alles einen Sinn ergibt."

Nach diesen Worten steht sie abrupt auf, streicht sich den Rock glatt und trippelt eilig davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Vielleicht aus plötzlicher Angst vor der eigenen Courage. Vielleicht, weil sie glaubt, dass sie ihre Mission erfüllt hat, und es nun nichts mehr für sie zu sagen gibt.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 19.08.2005

Ausgabe 30/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare