Zwei machen Image-Pflege

Nach dem Gazakrieg Israel und Hamas malen sich als Sieger des Gazakriegs. Das war klar. Aber Israel vergisst, dass es sich weltweit ein schreckliches und grausames Image verschafft hat

In Israel dreht sich alles nur noch darum. Es geht nicht um den „Sieg“ selbst, sondern um das „Bild des Sieges“. Das hält die israelische Regierung für wesentlich, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass sich das ganze Geschäft gelohnt hat. Im Augenblick sind Tausende der Medienleute bis zum letzen Mann mobilisiert, solch ein „Bild“ zu malen. Die andere Seite, die Hamas, malt natürlich ein anderes Bild.

Bisher rühmen sich die israelischen Führer zweier Erfolge: das Ende des Kassam-Beschusses und das Verschließen der Grenze zwischen Gaza und Ägypten, der so genannten „Philadelphi-Route“. Das sind zweifelhafte Erfolge; denn das Abfeuern der Kassams hätte auch ohne mörderischen Krieg erreicht werden können, wenn unsere Regierung bereit gewesen wäre, mit der Hamas zu verhandeln, nachdem die vor drei Jahren die palästinensischen Wahlen gewonnen hatte. Und Tunnel unter der ägyptischen Grenze wären gar nicht erst gegraben worden, hätte unsere Regierung nicht eine so tödliche Blockade über Gaza verhängt.Der Haupterfolg der Kriegsplaner liegt woanders, er liegt in der großen Grausamkeit ihres Planes und seiner Ausführung: die Grausamkeit hat nach ihrer Auffassung einen abschreckenden Effekt auf die Palästinenser, der lange Zeit anhalten wird.

Die Hamas pflegt ihr „Bild des Sieges“, das besagt, angesichts der mächtigen israelischen Kriegsmaschine überlebt zu haben – ein winziger David gegen einen riesigen Goliath – das stellt an sich schon einen Sieg dar. Nach der klassischen militärischen Definition ist der Sieger einer Schlacht derjenige, der danach auf dem Schlachtfeld bleibt. Trotz aller Bemühungen, das Hamas-Regime zu eliminieren, bleibt es, wo es ist. Das ist ein großer Erfolg.

Hamas weist auch darauf hin, dass die israelische Armee darauf verzichtet hat, tief in die palästinensischen Städte Gazas einzudringen, in denen ihre Kämpfer verschanzt waren. Tatsächlich hatte unserer Armeeführung die Regierung wissen lassen, dass die Eroberung von Gaza-Stadt das Leben von 200 Soldaten kosten könnte. Kein Politiker war am Vorabend der Wahlen dazu bereit, das zu riskieren.

Allein die Tatsache, dass eine Guerilla von ein paar Tausend leicht bewaffneten Kämpfern wochenlang gegen eine der mächtigsten Armeen der Welt mit enormer Feuerkraft aushielt, sieht für Millionen von Palästinensern, Arabern und Muslimen überhaupt – und nicht nur für sie – wie ein vollständiger Sieg aus.

Sicher wird es irgendwann ein Abkommen geben, das die offenkundigen Bedingungen einschließt. Kein Land kann es dulden, dass seine Bewohner einem Raketenbeschuss von jenseits der Grenze ausgesetzt sind – und keine Bevölkerung kann es ertragen, dass sie einer lebensbedrohenden Blockade ausgesetzt ist. Deshalb muss einerseits die Hamas mit dem Abschießen der Kassams aufhören und Israel andererseits die Grenze zwischen Gaza und der Außenwelt öffnen. Schließlich müssen die Waffenlieferung in den Gazastreifen so gut wie möglich gestoppt werden, wie es von Israel verlangt wird. All dies wäre auch ohne Krieg erreichbar gewesen, wenn unsere Regierung Hamas nicht boykottiert hätte.

Doch die schlimmsten Folgen dieses Krieges sind noch nicht zu sehen und werden sich erst in Jahren bemerkbar machen. Israel hat im Weltbewusstsein für ein schreckliches Image von sich selbst gesorgt. Milliarden von Menschen haben uns als blutrünstiges Monster wahrgenommen. Sie werden Israel nie wieder als sympathischen Staat sehen – als einen Staat, der Gerechtigkeit, Fortschritt und Frieden sucht.

Noch schlimmer ist die Wirkung auf Hunderte Millionen von Arabern um uns herum: Sie werden nicht nur die Hamaskämpfer als die Helden der arabischen Nation betrachten, sie sehen auch ihre eigenen Regimes in ihrer Nacktheit: kriecherisch, schmachvoll, korrupt und verräterisch.

Auf die arabische Niederlage im Krieg von 1948 folgten innerhalb eines Jahrzehnts der Fall fast aller arabischen Regimes und der Aufstieg einer neuen Generation nationalistischer Führer wie Gamal Abd al-Nasser in Ägypten und König Hussein in Jordanien. Der Gaza-Krieg könnte den Absturz der heutigen arabischen Regimes und den Aufstieg einer neuen Generation von Führern mit sich bringen – islamischen Fundamentalisten, die Israel und den ganzen Westen hassen. Insofern könnte bald erkennbar werden, dass dieser Krieg reiner Wahnsinn war. In des Wortes tiefster Bedeutung.



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18:00 25.01.2009

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