Zwei Mal Mitte bitte

Berliner Abende Kolumne

Mein Bruder hat ein Haus gebaut. Um genau zu sein, er ist mein einziges Geschwister und er ist jünger als ich, also: mein kleiner Bruder hat ein Haus gebaut. Bevor er anfing mit dem Bauen, hat er mich gefragt, ob ich mitmache. Dann hat er den Preis genannt und ausgerechnet, wie lange man da ungefähr in einer stabilen Knebelbeziehung zum zuständigen Geldinstitut leben müsste, wenn alles gut geht, und flugs nahm ich davon Abstand, unter solchen Umständen zur grundbesitzbesitzenden Klasse gehören zu wollen. Auch wenn es noch die fette Eigenheimzulage gibt: Nein. Als ich ablehnte, fragte mein Bruder, ob ich denn wenigstens für seinen Kredit bürge? Wir hatten daraufhin ein paar Krisengespräche über die Tragfähigkeit von Schwesternliebe.

Was mich abhielt, war aber nicht nur die nachhaltige Abneigung gegen Leibeigenschaften pekuniärer Natur, es war, um ehrlich zu sein, auch die Art des Projektes, das er vorschlug: die Bildung einer Baugruppe. Die zehn künftigen Wohnparteien des künftigen Hauses sollten als Bauherren fungieren, inklusive meines Bruders und seines Freundes als Bauherren und als Herren Architekten, und jeder sollte - im Rahmen des Möglichen - eine nach eigenen Vorstellungen entworfene Wohnung bekommen. Das roch nach verdammt viel Herzblut, Hirnarbeit, Handschweiß. Bei meinem ersten Besuch zum Gruppen-Grillen in der Baulücke Anklamer Straße in Berlins Mitte, es nieselte, dachte ich: fein, dass es so was gibt, besser, ich bin nicht dabei.

Man muss das schon mögen: Über 18 Monate hinweg jeden Montag zur Baugruppensitzung gehen, gemeinsam an den Wochenenden kostensparend die Schürfung für den Statiker vornehmen, das Bauschild entwerfen, eine Schutzverschalung für die Betontreppe zimmern, die Baustelle aufräumen - und irgendwer bringt immer Kuchen mit. Mein Bruder indes legte einen liebenswerten pädagogischen Eifer an den Tag und war begeistert, dass sich auch Psychiater, Juristen und Unternehmensberater leidenschaftlich für Bauanschlüsse, unterschnittene Sockel, Schattenfugen, und Grundrisse interessieren können, vor allem aber, dass so mancher Eigentümer mit der Zeit von seiner von Raufasertapete geprägten Vorstellung vom behaglichen Wohnen abrückte: Rohbeton ist nämlich prima, seine Falllinien gleichen einer 70er Jahre-Tapete, man muss das nur zu sehen wissen. Sagen wir so, das ganze war auch ein kleines Stilerziehungs- und ästhetisches Bildungsprogramm.

Klar habe ich jeden offiziellen Bauabschnitt begleitet, die Grundsteinlegung im strömenden Regen, Richtfest bei Arschkälte, habe mir die Erzählungen über Bauarbeiter angehört, die ihre Kippen einfach auf dem Beton ausdrücken, obwohl das doch nicht mehr verputzt werden soll. Doch nun ist das Haus fertig, und es ist wunderschön. Tatsächlich sieht jedes Stockwerk anders aus: Die einzigen Fixpunkte sind die tragenden Wände und zwei Versorgungsschächte, um die sich auf jeder Etage alles verschieden herum gruppiert. Die Wohnungen lassen sich - je nach Stand der Beziehung - zusammenschalten oder trennen, sie haben mal wenige große, mal etliche kleine Zimmer, mal liegt das Bad an der Hinterfront, mal innen, mal gibt es nur Schiebetüren als Wände, mal ein nach der Vorlage von Elsworth Kellys Bild EK 46-Colours for a Large Wall gekacheltes Klo. Mein Bruder und sein Freund leben behaglich in Beton und Sicht-Estrich, nur eine Wand ist grün und eine rosa gestrichen. "Heititei", sagten die Bauarbeiter, als sie das sahen. Natürlich hat das Haus Balkone, einen Garten, eine Dachterrasse, alles wirkt heller und größer, als man es dieser Mini-Zahnlücke je zugetraut hätte.

Sehr gerührt saßen wir, als nach zwölf Monaten Bauzeit alles überstanden war, auf dem Dach und beobachteten, wie der Mond um den Fernsehturm herumwanderte, Jungejunge. Was wohl aus der Baugruppe wird, die jetzt eine Hausgemeinschaft ist? Die Wohnungen sind den Gestaltungsmächten der Eigentümer übergeben, schon steht ein Schuhregal mit Plüschpantöffelchen im Treppenhaus. Es kommen schwere Zeiten fürs Architektenherz. Ganz Berlin-Mitte lag zu unseren Füßen. Wenig entfernt sah man die Sophienkirche und die Neue Schönhauser Straße. Deren Nummer 9 hatte mein Bruder, vergaß ich zu sagen, gleich nach der Wende mit einer Horde von häuserbesetzende Studenten bezogen. Sie brachen ein Fenster in die Brandwand (was sie in der Westberliner Marchstraße schon geübt hatten), um freien Blick auf die Sophienkirche zu haben. Zur Weihnachtszeit schmückten sie ihren Adventskranz mit Mercedessternen. An diese eher grundbesitzkritische Phase seines Lebens erinnert heute wohl nur noch die Vorliebe meines kleinen Bruders für Rohbeton - und seine Schwäche für diskussionsfreudige Baugruppen. Times are changing.


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00:00 01.07.2005

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