Arno Frank
Ausgabe 0216 | 15.01.2016 | 06:00 6

Zwei Nasen tanken Turbodiesel

Schulz & Böhmermann Großes Fernsehen? Eher ein Jungs-Ding, bei dem sich der Kerl mit der größeren Klappe durchsetzt

Das Ende von Roche & Böhmermann 2013 war nicht deshalb ein Jammer, weil darin das Prinzip der Talkshow „neu gedacht“ worden wäre – sondern weil es einem sehr alten Konzept der Gesprächsrunde nachempfunden war, die es nie gegeben hat. Ja, es durfte geraucht werden. Klar, es gab Alkohol. Aber das Reenactment auf ästhetischer Ebene verschleierte nur geschickt das inhaltliche Novum, dass hier die Moderatoren respektlos und ehrlich einen Raum öffneten, in dem prinzipiell alles möglich war. Großes Fernsehen eben.

Nun hat Jan Böhmermann, mit seinem Neo Magazin inzwischen einer der wenigen Garanten für intelligente TV-Unterhaltung beim ZDF, die alte Talkshow mit einem neuen Sidekick wieder aufleben lassen. Den Job übernimmt der Liedermacher Olli Schulz, der sich als hanseatisches Faktotum nicht nur mit Formaten wie Schulz In The Box einen Ruf als hochtouriger Entertainer erarbeitet hat. Neulich war er sogar im Tatortreiniger zu sehen, wo er einfach – Olli Schulz spielte. Wenn man nicht unbedingt sein „Digger“ oder „Alder“ sein will, kann die Omnipräsenz dieser Betriebsnudel durchaus ein leichtes Sättigungsgefühl hervorrufen.

Schulz & Böhmermann ist nicht nur konzeptuell das Reenactment eines Reenactments, es setzt auch wieder auf den Flirt mit immerhin der Möglichkeit zur rauschhaften Entgleisung. Nicht nur vermittels Whisky (optional) und Kippen, sondern schon durch die Auswahl der Gäste, die „vielleicht vollkommener Bullshit“ ist, wie die wunderbare Sibylle Berg vorweg feststellt.

Die kolumnierende Schriftstellerin kommentiert aus dem Off in gnadenlos ehrlich zusammenimaginierten Vignetten die Kurzbiografien der Gäste, die sich das („Mit Blick in die Kamera, bitte!“) anhören müssen – Hochstapler Gert Postel, der Rapper Kollegah, der Meteorologe Jörg Kachelmann und die Drehbuchautorin Anita Decker (Keinohrhasen) absolvieren diese Prüfung in der ersten Sendung ohne Mühen.

Schwieriger dürfte es sein, beim Rennen um die Aufmerksamkeit der hyperaktiven Moderatoren die Oberhand zu behalten. Weil Olli Schulz sich für Hip-Hop interessiert und Kollegah kein Depp ist, handelt ein großer Teil der Sendung eben von Hip-Hop und angeschlossenen Themengebieten wie Hochstapelei und Knast, da können auch Kachelmann und Postel mitreden. Decker bleibt als einzige Frau fünftes Rad am Wagen – nicht unwahrscheinlich, dass eine Charlotte Roche ihr mehr Interesse entgegengebracht hätte.

Zwar ergeben sich aus der ebenso unverbindlichen und aggressiven Gesprächsführung bisweilen erhellende Duelle, etwa wenn Postel von Böhmermann auf seine Hochstapelei angesprochen wird: „Dieses Etikettieren finde ich vollkommen langweilig und zum Gähnen!“ Böhmermann: „Ja, ich aber nicht!“ Zugleich liegt eine zentrale Schwäche von Schulz & Böhmermann im Umstand, dass dies die Sendung zweier betont gewitzter Kumpel ist. Ein Jungs-Ding, bei dem sich der Junge mit der größeren Klappe durchsetzt.

Und das ist natürlich Schulz. Als Postel ihm mangelnde „Empathiefähigkeit“ bescheinigt, schlägt der die Hände über dem Kopf zusammen: „Ich bin einer der berühmtesten Liedermacher Deutschlands, bei mir heulen die Leute vorm Konzert, bevor es überhaupt losgeht!“ Dergleichen halbironische Unterhaltung produzieren Olli Schulz und Jan Böhmermann bereits jeden Sonntag in ihrer Radiosendung Sanft & Sorgfältig auf Radio Eins. Dafür braucht es kein Fernsehen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 02/16.

Kommentare (6)

McCormick 15.01.2016 | 09:28

ich habe irgendwann abgeschaltet, die Sendung wirkte überdreht, konzeptlos (selbst unter der Prämise das ist das eigentliche Konzept sei) und oberflächlich. Zu sehr auf billige Laucher aus, wozu die beiden Protagonisten manchmal leiden wenn das Publikum aus fanboys besteht.

An den revolutionären Vorgänger mit Roche kam die erste Folge leider nicht heran.

Richard Zietz 18.01.2016 | 08:55

Ehrlich stößt mir die geräuschlose Entsorgung von Charlotte Roche aus öffentlich-rechtlichen Talk-Produktionen (wie es aussieht, wohl mit knebelvertragsähnlichen Schweigeklauseln) noch immer unangenehm auf. Vor allem, wenn man sie kontrastiert zu der steilen Karriere einer anderen ehemals Jung-und-Wilden – Barbara Schöneberger, die zwischenzeitlich bei jeder Renommée-Gala von Bambi bis Romy & ESC plappert, dampfplaudert und sich einschleimt, bis der Arzt kommt.

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, oder: That’s TV: Unter diesem sendereigenen Zensur-Vorbehalt rangieren bei mir auch Böhmermann und sein Sidekick Schulz. Genauer: den Versuchen von ARD & ZDF, Umkehr zu signalisieren, ohne an den bisherigen Formaten substanziell was zu ändern. Für diese Politik ist Böhmermann aktuell das Gesicht. Aber ich will nicht zu sehr meckern: Ich guck’ mal rein; vielleicht ist die Sendung sogar halbwegs manierlich.