Zwei Pioniere der Raumkunst, vereint

Ausstellung Wieso ist noch niemand zuvor auf die Idee gekommen? Die Ausstellung "Constantin Brâncuşi und Richard Serra" in Basel bringt zwei Künstler zusammen, die einander bedingen

Man schafft es kaum, darunter zu stehen. An der Decke hängt eine Platte aus dickem Walzstahl, sechs Meter lang, drei Meter breit, bräunlich-dunkel. Vis-à-vis auf dem Boden noch eine Platte gleichen Ausmaßes, um 90 Grad versetzt. Die raue Oberfläche schimmert wie frische Gartenerde. Dazwischen formiert sich ein skulpturaler Raum, den man durchschreiten muss, gefangen von der irritierenden Korrespondenz der beiden identischen Platten: Bedrohung von oben, Zartheit unten.

Gewicht und Leichtigkeit, Identität und Differenz: Richard Serras Delineator von 1974/75 setzt den Ton in der Ausstellung Constantin Brâncuşi und Richard Serra in der Baseler Fondation Beyeler. Die Schau bringt mit dem rumänischen Bildhauer und dem US-Amerikaner zwei Künstler zusammen, die einander derart bedingen, dass man sich fragt, wieso noch keiner zuvor auf diese Idee gekommen ist.

Nähert man sich den Werken der beiden mit dem Blick nach unten, zeigt sich der Impuls, den Raum einer Skulptur neu auszuloten. Brâncuşi revolutionierte die Bildhauerei, indem er den Sockel als Teil des Werks definierte, so dass Anfang und Ende sich auflösen. Und Serra holte das Werk dezidiert vom Sockel, stellt die Plastik auf die gleiche Ebene wie den Betrachter. So geraten Hierarchien durcheinander.

Der Raum des Betrachters und der Raum der Plastik sind bei Serra eins. Man muss, nicht nur bei Delineator, die Werke durchschreiten, den Kopf zurücklegen, um die ganze Höhe zu erfassen. Ein Werk ergibt sich bei ihm erst im Moment des Erlebens, etwa zwischen den geschwungenen Stahlwänden von Olson (1986), vor klotzigen Stahlkuben (The Consequence of Consequence, 2011) oder wuchtigen Platten, die einen Raum teilen, blockieren, tiefe Schatten werfen, wie die Fondation schon im Eingang demonstriert.

Schwere und Rhythmus

Hier zeigt sich wieder einmal, mit welchem Gespür in Basel kuratiert wird: Der Eindruck visualisierter Schwere in Serras Werken verbindet sich hervorragend mit dem Rhythmus, der von dem Saal voller Mark Rothkos ausgeht, nur ein paar Räume weiter, in der ständigen Ausstellung der Fondation.

Dass man Gewicht sehen kann, beweist auch Brâncuşis Spiel mit Identität und Differenz. Erlebbar etwa in den Varianten seiner liegenden minimalistischen Kopfformen – schlafende Musen, Der Ursprung der Welt, Kreativitätssymbole allesamt. Arrangiert direkt neben Serras Cortenstahlwucht verblüfft es, wie unterschiedlich schwer Marmor, Gips, Holz oder Bronze wirken, obwohl sie anscheinend exakt gleich geformt übereinander gestapelt sind, mal glatt gebürstet, mal unbearbeitet belassen.

In Kombination mit den abstrakten Zylindern, Kreuzen, Kugeln als Untersatz zeigen Brâncuşis Mehrteiler, wie Differenz wirken kann: Je nachdem, wo der Schwerpunkt des Materials liegt, entsteht eine unmittelbar fortgesetzte Bewegung in den Raum hinein. Ein Thema, das auch seine Unendliche Säule wie die spiegelblanken Vögel fortsetzen, sich leichtgewichtig nach oben reckend.

Dabei haben Serras Arbeiten im Museum eigentlich nichts verloren. Die meisten sind ortsspezifisch entworfen, gedacht für den öffentlichen Raum. So wie Intersection, seit 1982 in Basel, heute vor dem Theaterhaus. Draußen, frei zugänglich.

Constantin Brâncuşi und Richard Serra Fondation Beyeler, Basel, bis 21. August, der Katalog kostet zirka 57

14:00 09.07.2011
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helena-neumann | Community