Zweieinhalb vor zwölf

Atomwaffen Das Bündnis ICAN erhält heute den Friedensnobelpreis für den Vertrag über das Verbot von Kernwaffen. Einige Atommächte bleiben der Veranstaltung aus Protest fern
Zweieinhalb vor zwölf
ICAN-Demonstranten in Berlin haben gleich zwei Hauptakteure mitgebracht, die dafür verantwortlich sind, dass es zweieinhalb vor zwölf ist

Foto: Omer Messinger/Getty Images

Am 6. August 1945 stand Setsuko Thurlow knapp zwei Kilometer vom Hypozentrum der Atombombe von Hiroschima entfernt. Die damals 13-Jährige und eine ihrer Mitschülerinnen kamen mit dem Leben davon. Ihre Klassenkameraden verbrannten in den Flammen – so wie ihre Familie und 80.000 weitere Menschen.

Ihr Leben widmet Thurlow seither dem Kampf gegen Atomwaffen. Sie hatte Bedenken, dass die verheerenden Folgen einer Atomexplosion in Vergessenheit geraten könnten, also reiste sie durch unzählige Länder, um ihre Geschichte zu erzählen. Heute, am 10. Dezember, wird sie gemeinsam mit Beatrice Fihn, der Geschäftsführerin der internationalen Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) im Rathaus von Oslo auf der Bühne stehen, um den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen. Für den ersten gemeinsamen Schritt hin zu einer atomwaffenfreie Welt: den Vertrag über das Verbot von Kernwaffen.

Deutschland könnte Druck auf Atommächte ausüben

Doch drei Staaten, die normalerweise ihre Delegierten zur Feierlichkeit schicken, werden an diesem Tag nicht im Publikum vertreten sein. Die USA, Großbritannien und Frankreich – drei der fünf Atommächte – weigern sich aus Protest gegen den Vertrag, an der Verleihung teilzunehmen. Denn auch nach den unzähligen Toten, die der Explosion und dem nuklearen Winter erlagen, scheint dieses atomare Phallussymbol für einige Staaten noch immer unabdingbar. Die aktuelle politische Lage, so ihre Begründung, mache es unmöglich, ihre Atomwaffen abzurüsten. Vielmehr trügen die tickenden Zeitbomben zur Friedenssicherung bei, während deren Vernichtung zum Gegenteil, dem Krieg, führen würde, da es an Abschreckung fehle.

Es sind Länder wie Deutschland, die eigentlich Druck auf die Atommächte ausüben könnten. Stattdessen stützt die Bundesrepublik die Position der Atommächte. „Nukleare Teilhabe“ ist das Stichwort, die Lagerung von Atomwaffen in Mitgliedstaaten der NATO. So, wie Deutschland das tut. Deswegen hat die Bundesregierung ICAN zum Friedensnobelpreis zwar gratuliert, jedoch im selben Atemzug betont, dass das Ziel das selbe wäre, der Weg dorthin jedoch von beiden unterschiedlich bestritten werden würde.

Deswegen hat Deutschland den Vertrag über das Verbot von Kernwaffen auch nicht unterschrieben, ihn geradezu boykottiert und macht bis heute keine Andeutungen, ihn zu unterschreiben. Obwohl sich die Linke, Grüne und sogar die SPD, genauer gesagt Martin Schulz, für den Vertrag ausgesprochen haben. Aber ob es möglich ist, sich auf diese Akteure zu verlassen, bleibt fraglich, angesichts der aktuellen innenpolitischen Lage.

Von 122 Staaten sind 53 geblieben

122 Staaten hatten sich während der Vertragsverhandlungen positiv zu dessen Unterzeichnung geäußert. Schlussendlich blieben 53 übrig, die ihn tatsächlich unterschrieben. Doch damit der Vertrag seine volle Wirkung entfalten kann, müssen die nationalen Parlamente ihn ebenfalls bestätigen. Bis dato ist das in drei Staaten passiert und im mexikanischen Parlament wird dazu gerade verhandelt.

Aber auch das ist noch nicht genug. Denn die Welt steht immer noch daneben und schaut zu, wie „Rocketman“ Kim Jong Un und „US-Greis“ Donald Trump sich „mit Feuer bändigen“ und zerstören wollen. Und nicht nur das – die vorhandenen Atomwaffen sollen auch noch modernisiert werden.

Dabei ist es zweieinhalb vor zwölf – so spät, wie es auf der „Doomdsday Clock“ zuletzt 1953 war, als die USA und die Sowjetunion im Abstand von neun Monaten Wasserstoffbombentests durchführten. Denn in unserer Zeit scheint man immer noch zu glauben, dass es am besten ist, wenn man auf eine Bombe mit einer weiteren antwortet. Der womöglich eine dritte folgt. Und eine vierte. Die fünfte würde dann nicht mehr fallen, weil es keinen mehr geben würde, der sie zünden könnte.

06:00 10.12.2017

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