Zweierlei Maß

Jüdische Moral Jüdisch-ethische Tradition gebietet es, die Palästinenser wie Menschen zu behandeln, schreibt die Nahost-Expertin Sara Roy, deren Eltern den Holocaust überlebt haben

Ich höre die Stimme meiner Freunde in Gaza so klar, als wären wir noch per Telefon verbunden – ihre Agonie hallt in mir wieder. Sie weinen und klagen über den Tod ihrer Kinder, einige davon kleine Mädchen wie meine Tochter. Ihre Körper sind verbrannt und sinnlos zerstört worden. Ein palästinensischer Freund fragte mich: „Warum greift Israel genau dann an, wenn die Kinder aus der Schule kommen und die Frauen auf dem Markt sind?“ Es gibt Berichte, einige Eltern könnten ihre toten Kinder nicht finden und irren verzweifelt suchend durch die überfüllten Krankenhäuser. Als Juden, die wir gerade heute den letzten Abend von Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, feierten, und uns dabei an das Wiederaufleben unseres Volkes erinnern, frage ich mich: Wie kann ich mein Jüdisch-sein feiern, während Palästinenser getötet werden?

Für die Palästinenser sind es nicht nur Bilder – es ist Wirklichkeit

Der jüdische Theologe Marc Ellis fordert uns heraus, wenn er fragt, ob der jüdische Bund mit Gott noch besteht oder angesichts der jüdischen Unterdrückung der Palästinenser nicht mehr besteht? Hat die jüdisch ethische Tradition für uns noch Gültigkeit? Gilt das Versprechen der Heiligkeit – die für unsere Existenz so wichtig ist – noch immer? In den fast 25 Jahren, in denen ich mich mit dem Gazastreifen und den Palästinensern beschäftige, war ich nie mit so schrecklichen Bildern verbrannter Kinder konfrontiert. Doch für die Palästinenser sind es nicht nur Bilder – es ist Wirklichkeit. Und deshalb fürchte ich, etwas ganz Wesentliches hat sich verändert, das man nicht so leicht ungeschehen machen kann. Wie kann man im Zusammenhang mit dem, was heute im Gazastreifen passiert, über Versöhnung als einem Weg der Befreiung sprechen, von Sympathie als Quelle von Verständnis, wie sie doch für einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern unverzichtbar sind?

Es ist eine Sache, jemandem sein Land, sein Haus, seinen Lebensunterhalt wegzunehmen, seine Ansprüche zu verunglimpfen, seine Gefühle zu ignorieren. Es ist eine andere Sache, sein Kind umzubringen. Was geschieht mit einer Gesellschaft, der Erneuerung verweigert und Zukunft genommen wird? Und was wird mit den Juden als Volk geschehen, ob sie nun in Israel leben oder nicht? Warum sind wir Juden nicht in der Lage, die fundamentale Menschlichkeit der Palästinenser anzuerkennen – und das innerhalb unseres sittlichen Wertekodex? Ich weiß – wir weisen sogar jede menschliche Verbindung zu dem von uns unterdrückten Volk zurück. Im Grunde genommen ist es unser Ziel, das menschliche Leid nur auf ein Volk, nämlich das unsere, zu konzentrieren.

Das Messen mit zweierlei Maß muss ein Ende haben

Unsere zurückweisende Haltung gegenüber dem „Anderen“, wird uns selbst ruinieren. Wir müssen die Palästinenser und die anderen arabischen Völker in unser jüdisches Verständnis der Geschichte einbeziehen, weil sie einfach ein Teil dieser Geschichte sind. Wir müssen zugleich unser Narrativ hinterfragen und auch die Art und Weise, wie wir das an andere weitergegeben haben, anstatt weiter Überzeugungen und Gefühle zu hegen, die die jüdisch ethische Tradition verraten. Jüdische Intellektuelle sind gegen Rassismus, Unterdrückung und Ungerechtigkeit überall auf der Welt. Es ist jedoch unannehmbar – ja für einige fast ein Akt von Ketzerei – auch dann dagegen zu sein, wenn Israel der Unterdrücker ist. Dieses Messen mit zweierlei Maß muss ein Ende haben.

Israels Siege sind Pyrrhussiege und decken die Grenzen von Israels Macht auf und gleichzeitig unsere Grenzen als Volk: nämlich unsere Unfähigkeit, ein Leben ohne Schranken zu leben. Sind dies die Grenzen unserer Wiedergeburt nach dem Holocaust? Wie überwinden wir in einer Nach-Holocaust-Welt als Juden, die wir durch den jüdischen Staat mächtig geworden sind, Grausamkeit und Unterwürfigkeit – und bleiben dabei menschlich? Die Antworten auf diese und ähnliche Fragen bestimmen, wer wir sind und was aus uns letzten Endes wird.

Sara Roy, Tochter von Holocaust-Überlebenden, ist eine bekannte Wissenschaftlerin am Zentrum für Nahöstliche Studien an der Harvard-Universität und Autorin von Büchern wie The Gazastrip The Political Economy of De-Development und Failing Peace: Gaza and the Palestinian-Israeli Conflict

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18:30 15.01.2009

Ausgabe 39/2020

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