Zweifelhafter Schutzbrief

Beamtentum Auch bei den Lehrern sollte sich Engagement auszahlen und bei schlechter Leistung notfalls die Entlassung drohen

Wenn Sie an Ihre Schulzeit zurückdenken, wie viele Lehrer oder Lehrerinnen fallen Ihnen dann ein, bei denen Sie gern gelernt haben? Menschen, die Ihnen wirklich etwas mitgegeben haben und die Sie - wenn sich die Möglichkeit ergäbe - gern einmal wiedersehen würden? Bei mir sind es vier, damit liege ich im Freundeskreis schon ziemlich weit vorne. Den meisten fallen auf Anhieb nur ein oder zwei ein. Die anderen hatten bestenfalls Interesse an ihrem Stoff, aber wenig Ambitionen, uns dafür zu begeistern. Manche waren skurril, andere überheblich und ungerecht, viele bloß uninspiriert und farblos. Meistens wirkten sie genauso froh wie wir, wenn endlich der erlösende Gong ertönte, der uns alle in die Freiheit entließ.

Heute, knapp 30 Jahre später, scheint sich daran nicht allzu viel geändert zu haben. Wer nachmittags in Deutschland eine Schule betritt, findet sie gewöhnlich leer. Keine Schüler, kein Lehrer, die sich hier freiwillig länger als notwendig aufhalten würden. Wer zum Elterngespräch geht oder einen Elternabend besucht, muss sich nicht selten ungefragt endlose Litaneien anhören über die gestiegene Arbeitsbelastung, die geringe Motivation heutiger Schüler, das schlechte Renommee des Lehrerberufs. Und immer sind die anderen schuld: die Schulverwaltung, die Politik, die Eltern, das Fernsehen, der Computer. Noch nie habe ich eine Lehrerin sich erkundigen hören, wie ihr Unterricht meinem Sohn gefällt. Ob er zufrieden oder eher genervt von der Schule nach Hause kommt, ob er sich wohl fühlt in ihrer Klasse. Noch nie hat ein Lehrer von mir wissen wollen, was mein Kind in seiner Freizeit so macht, ob es Sport treibt, welche Hobbys es hat. Stattdessen ein kurzer Blick ins gezückte Notenheft, ein paar Bemerkungen zu dem, was besser sein könnte - die Aufmerksamkeit lässt manchmal zu wünschen übrig! - aber nie die Frage, warum das so ist.

Natürlich gibt es auch engagierte Lehrer und Lehrerinnen. Sie leiten den Chor oder die Theater-AG, gehen regelmäßig auf Klassenfahrt, bilden sich fachlich und didaktisch fort. Sie wissen, dass ein Schulausflug für viele Kinder heute die einzige Gelegenheit ist, eine Oper, ein Museum, eine Bibliothek von innen zu sehen. Und sie sehen es als ihre Verpflichtung an, ihren Schülern diese Türen zur Welt zu öffnen. Das Problem ist, solche Lehrer sind in unserem System eigentlich nicht vorgesehen - das Beamtenrecht sieht gleiche Bezüge für alle vor, gestaffelt lediglich nach Dienstjahren und Alter. Was zur Folge hat, dass diejenigen, die mehr machen als Dienst nach Vorschrift, von ihren Kollegen oft misstrauisch beäugt werden. Statt Vorbilder zu sein und die anderen mit ihrem Enthusiasmus mitzuziehen, werden sie als Exoten geduldet, schlimmstenfalls als Dissidenten geschnitten. Nicht selten werfen sie irgendwann erschöpft das Handtuch und suchen sich einen anderen Job, in dem sich Leistung auszahlt. Oder passen sich der Masse an.

Auf zwei andere negative Aspekte des Beamtenstatus haben kürzlich die Autoren der OECD-Lehrerstudie hingewiesen. Zum einen: Lehrer, die ihre Aufgabe, Kindern und Jugendlichen etwas beizubringen, nicht erfüllen, wird man nicht los. Wer erst einmal verbeamtet ist - und das sind im Westen der Republik fast alle - muss schon einen Computer klauen oder eine Schülerin verführen, um aus dem Schuldienst entlassen zu werden. Dabei gibt es in jedem Kollegium Lehrerinnen und Lehrer, die schon seit Jahren keine Fortbildung mehr besucht haben, deren Unterricht mehr schlecht als recht vor sich hindümpelt, die die innere Kündigung längst vollzogen haben. Von denen, die ernsthafte psychische Probleme haben, fachliche Unzulänglichkeiten mit Gefälligkeitsnoten oder autoritärem Gehabe kompensieren, gar nicht zu reden. Jeder weiß, dass es sie gibt: Schulleiter, Kollegen, Schüler. Aber keiner sagt was. Wird der Druck der Eltern irgendwann zu groß, werden sie eben in eine andere Klasse verschoben, notfalls auch an eine andere Schule. Lehrer bleiben sie trotzdem. Auf Lebenszeit.

Ebenso problematisch ist, dass die Option auf einen sicheren Job offenbar die Falschen anzieht. Ob jemand Kinder spannend findet, Spaß an der Vermittlung von Wissen hat und über eine stabile Persönlichkeit verfügt, um beispielsweise dem täglichen Umgang mit Pubertierenden dauerhaft gewachsen zu sein, wird - anders als in Finnland - hierzulande nie überprüft. Stattdessen landen bevorzugt diejenigen an den Schulen, die gerne dahin zurückkehren möchten, von wo sie vor dem Studium kamen. Das sind - von Ausnahmen abgesehen - weder die Wissbegierigen und Kreativen noch diejenigen, die an der Schule gelitten haben oder an ihr gescheitert sind. So reproduziert sich das System ständig neu - keine guten Vorzeichen für Veränderungen.

Diese Gefahr sehen offenbar auch die Autoren der OECD-Lehrerstudie. "Lernorganisationen können nur von Menschen geschaffen werden, die kreativ sind, Selbstvertrauen und eine positive Einstellung haben, mit der Fähigkeit zur Teamarbeit und Aufgeschlossenheit gegenüber dem Lernen mit einer Vielfalt von Lehr- und Lernmitteln", schreiben sie und plädieren für mehr Quereinsteiger, leistungsabhängige Vergütung und eine konsequente Evaluation des Unterrichts. Und weiter: "Ein hoher Grad an Arbeitsplatzsicherheit hat zwar einen bedeutenden Stellenwert, kann sich aber als kontraproduktiv erweisen, wenn zu viele Lehrerinnen und Lehrer darin das wichtigste Motiv für die Ergreifung dieses Berufs sehen."

Vorsichtiger kann man die Abschaffung des Berufsbeamtentums für Lehrer kaum fordern. Aber ohne einen solchen Schritt wird eine wirkliche Reform des Bildungswesens nicht zu machen sein.

Karin Nungeßer lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie stammt aus einer Familie von passionierten Gymnasiallehrern und ist Elternvertreterin.


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00:00 21.01.2005

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