Zweimal Wuppertal

Filmreihe Eine Filmreihe blickt 130 Jahre nach der Berliner Konferenz aus ungewohntem Winkel auf die Kolonialgeschichte
Fabian Tietke | Ausgabe 50/2014

Am 11. Dezember 1904 telegrafierte Reichskanzler Bernhard von Bülow nach „Deutsch-Südwestafrika“ und ordnete die Errichtung von Konzentrationslagern für die Überlebenden unter den Herero und Nama an. 20 Jahre zuvor, ab November 1884, war die Aufteilung Afrikas in Kolonien auf der Berliner Konferenz besiegelt worden. Dass es auch eine deutsche Kolonialgeschichte gibt, ist mittlerweile halbwegs bekannt. Die Geschichte des Widerstands gegen die europäischen Kolonisatoren ist dagegen wenig geläufig und wird – wie der Rassismus, der die koloniale Ära in den europäischen Gesellschaften begleitete – oft übergangen.

Der Kurator Enoka Ayemba hat nun im Rahmen der Veranstaltungsreihe We are tomorrow – Visionen und Erinnerung anlässlich der Berliner Konferenz von 1884 am Berliner Ballhaus Naunynstraße eine Filmreihe zusammengestellt. Sie trägt den Titel Beyond the Maps – African Resistance against Colonial Power und widmet sich der Opposition gegen den europäischen Kolonialismus auf afrikanischem Boden.

An jedem Sonntagnachmittag wird bis in den Februar hinein, wenn das Ende der Berliner Konferenz sich zum 130. Mal jährt, ein Film von einem Gast präsentiert. In der Reihe spannt Ayemba den Bogen über lange Zeiträume, vom 19. Jahrhundert und der Missionierung bis zur Ermordung Thomas Sankaras 1987. Und er stellt Spielfilme wie Drum (am 21. Dezember) oder Ousmane Sembènes Émitaï (11. Januar) neben Mischformen wie Ruy Guerras Mueda, Memória e Massacre (8. Februar) und Essayfilme. Formal könnte die Auswahl unterschiedlicher kaum sein.

Jean-Marie Ténos dokumentarischer Essayfilm Das koloniale Missverständnis (14. Dezember) verknüpft die Geschichte zweier Städte – Wupperthal in Südafrika und Wuppertal im Bergischen Land – mit der Erinnerung an den Krieg gegen die Herero und Nama und entwickelt daraus eine Untersuchung vom Verhältnis zwischen Missionierung und Kolonialismus. Dass sich die Apostel des 19. Jahrhunderts das Christentum in Afrika nicht anders vorstellen konnten als das Christentum in Deutschland, führte zu einem umfassenden Export von deutschen Erwartungshaltungen – kurz: dem Kolonialismus. Das koloniale Missverständnis ist auf diese Weise eine nachdrückliche Ergänzung für Versuche, Kolonialismus aus der Industrialisierung und der Entwicklung des Kapitalismus zu erklären.

Während Téno offensichtlichen Spuren nachgeht und sie zu überraschenden neuen Erkenntnissen verknüpft, unternimmt Zola Maseko in Drum den Versuch, einem heute weitgehend unbekannten Kämpfer gegen die Apartheid in Südafrika zu seinem historischen Recht zu verhelfen. Im Zentrum der Geschichte steht Henry Nxumalo, ein Journalist, der für die Zeitschrift, deren Namen der Film im Titel trägt, zunächst über Boxkämpfe und Kriminalität schreibt. Allmählich beginnt er, investigativ zu arbeiten; 1957 wird er bei Recherchen zu tödlich endenden illegalen Abtreibungen eines Johannesburger Arztes erstochen, ohne dass die Täter je ermittelt werden konnten.

In der Zusammenschau bilden die Filme von Beyond the Maps ein Mosaik von kolonialer und rassistischer Repression, von verdrängter und vergessener Geschichte. Wobei die im deutschen Diskurs ungewohnte Perspektive darin besteht, die afrikanischen Akteure nicht nur als Opfer von politischer Gewalt zu zeigen, sondern auch in ihrem Aufbegehren gegen die aggressiven europäischen Mächte – als Subjekte ihrer eigenen Geschichte.

Programm

Beyond the Maps – African Resistance against Colonial Power präsentiert bis zum 22. Februar 2015 jeden Sonntag um 15 Uhr im Kreuzberger Kino fsk am Oranienplatz einen Film und einen Gast. Das koloniale Missverständnis läuft am 14. Dezember in Anwesenheit des Regisseurs, Drum wird am 21. Dezember von Arnold Isaacs präsentiert. Das gesamte Programm unter: ballhausnaunynstrasse.de

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06:00 24.12.2014

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