Zwirbelbarts Traum

Geschichte Das Berliner Olympiastadion verbinden viele mit dem Jahr 1936. Wilhelm II. plante schon 1916 ein Sportspektakel am selben Ort
Klaus Ungerer | Ausgabe 26/2016

Viele lästern ja. Aber das Berliner Olympiastadion ist schon toll. Es hat große Wiesen drum herum, auf denen die Leute vorm Spiel sitzen oder eine rauchen oder ihren Kindern Plastikbälle zukicken. Es hat eine Öffnung der Stadionrundung zur Sonne hin. Es hat die Ostkurve mit den fröhlichen Herthafans, und die Ostkurve hat einen Auftrag: jahraus, jahrein, in jeder Saison aufs Neue das Stadion in eine tobende, singende, hüpfende blauweiße Party zu verwandeln. Genau dieses, mit seiner Monumentalarchitektur, genau dieses, wo der Führer 1936 die Eröffnung der Spiele herausgegrunzt hat. Hier, und ganz besonders hier: Muss man singen, muss man hüpfen, solange der Bau eben steht. Weil die Vergangenheit uns nie und nimmer unterkriegen darf.

In einer der Wiesen ums Olympiastadion, schräg hinter dem Gästeblock, klafft ein strafraumgroßes, rechteckiges, tiefes Loch. Es hat eine Mauer drumherum, damit keiner reinplumpst. Kaum ein Herthaner hat es je zu sehen bekommen. Wer doch einmal hinfindet, lehnt sich staunend an die Mauer: Da geht es runter, zwei Stockwerke vielleicht. Alles ist in Sandstein gefasst. Da sieht man, unter der Erde, die Reste von einer Art Haus aus wilhelminischer Zeit. Und genau dort hat er wirklich gesessen. Dort zwirbelte er seinen Bart. Der Mann, dem wir das ganze verschissene 20. Jahrhundert zu verdanken haben. Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen aus dem Haus Hohenzollern, der letzte deutsche Kaiser.

Wie kommt ein Haus unter die Erde? Nun, das ist einfach. Man schüttet die Erde einfach drauf. Weil man das Haus nicht mehr braucht. Weil es keine so große Zeit geben kann, als dass nicht die nächste, noch viel größere Zeit darüber hinweggehen könnte. Was aussieht wie ein Haus, war die Kaiserloge im „Deutschen Stadion“. Das Deutsche Stadion hatte man 1913 gebaut, husch, husch war es auf kaiserliche Anordnung hin fertig geworden, eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung: Die deutsche olympische Bewegung hatte seit vielen Jahren antichambriert, und überhaupt war das antike Olympia ja schließlich von Deutschen ausgebuddelt worden! Endlich also sollten die Olympischen Spiele auf deutschem Boden stattfinden. 1916. In Berlin.

„Der erste Tag mag da einmal vor unseren Augen entstehen. Das weite Rund des Stadions ist auf den letzten Platz gefüllt. Die Kaiserloge ist besetzt von den Mitgliedern des Kaiserhauses und ihren Gästen. Darunter, in der neuerbauten Vorstandsloge, vereinigen sich die olympischen Häupter der Welt. Von den Masten wehen die bunten Wimpel aller Nationen, und die schönste Julisonne strahlt vom ungetrübten Blau. (Ich bitte sehr, Herr Petrus, sich dies vorzumerken!) Hoch oben vom Rande der Schwimmbahntribünen schmettern 200 Fanfaren den Einzugsmarsch und 3.000 Sänger senden ihre Stimme in die Lüfte, während feierlich Nation für Nation Einzug hält in die Kampfstätte. Blumenstreuende Jugend weist den Weg, steigt empor zur Kaiserloge und umrankt in blütenweißem Kranze den Ort, von wo unser Herrscher gnädig das Zeichen zum Beginn gibt.“

Carl Diem im Berliner Tageblatt, 17. Juli 1914

Kaiser, Kranz, Fanfaren, Blumenkinder – die vorgestellte Welt konnte noch eins sein mit den Märchenbüchern. Kein Idealismus, ob nun nationalistisch oder internationalistisch, ob monarchistisch oder sozialistisch, konnte sich vorstellen, dass der Mensch schon sehr bald ins Schlachthaus und in die Diktatur und in den Turbokapitalismus geschickt würde. In den Köpfen wucherte vielfach noch Eichenlaubromantik. Der Olympia-Propagandist Carl Diem schwärmte beim Gedanken an Teutsch-Olympische Spiele zum Beispiel: „Da wo Wald und Wasser sich vermählen, wollen wir unsere Zelte aufschlagen und bei deutschem Sang und deutschem Trunk sie alle willkommen heißen. Der Sternenhimmel soll unser Dom sein. Mögen Feuerwerk und flammende Weisen mit im Bunde sein, den schönsten Gruß wird ihnen allen die deutsche Erde bieten.“

Exerzierplätze gab’s, Turnfelder gab’s, vielleicht die eine oder andere notdürftig hingezimmerte Fußballtribüne. Aber jetzt musste ein richtiges Stadion her. In Berlin natürlich. Wo die Hautevolee ganz im Westen, am Grunewald, zu residieren beliebte. Und den Weg nach Hoppegarten zu anstrengend fand, um die geliebten Pferderennen zu sehen. Also wurde 1909 zunächst eine neue Rennbahn eröffnet, weit im Westen. In ihrer Mitte prangte ein riesiger Erdaushub: Hier würde es entstehen. Das Deutsche Stadion.

Wie so ein Stadion auszusehen hatte? Vorbilder gab es nicht allzu viele. Eines stand fest: Es wäre nur durch einen Tunnel erreichbar. Der unter der Pferderennbahn hindurchführte. Und es musste den Anforderungen der Schwimmer, der Athleten, der Turner, der Radler, der Mannschaftssportler zugleich genügen. Architekt Otto March tüftelte, zog, dehnte und streckte. Er musste das Unmögliche entwerfen, Bauzeit dann: 200 Tage. Um des Kaisers 25. Thronjubiläum zu erwischen. Deutscher Geist hielt den Zeitplan auch ein, er machte auch das passend, was nicht passend war.

Am 8. Juni 1913 ließen Kaiser und Kaiserin sich huldvoll in ihrer Loge nieder, in einem Stadion, das eine einigermaßen normale Radrennbahn enthielt, in die eine viel zu lange Laufbahn eingefügt worden war, zudem ein Fußballfeld mit nie gesehenen Maßen, ein Stadion, in dem man eigentlich überall zu weit weg saß vom Geschehen, vor allem, wenn man Plätze hinterm angeklatschten Schwimmbecken erwischt hatte. Ringsum standen Statuen, die man auf die Schnelle nicht mehr in Bronze hatte bringen können, und die also aus Gips und Zement waren. Und die schon nach wenigen Jahren wegen Verwitterung abgeräumt werden mussten. Für den Moment war das ja egal. Der Kaiser konnte sein Adlerauge über den Huldigungszug aus 30.000 Turnern und Sportlern schweifen lassen, über die aufsteigende Wolke aus 10.000 Brieftauben, konnte die gereichten Speisen goutieren oder auch mal einen Seitenblick werfen auf die sportlichen Ertüchtigungsnachweise der deutschen Jugend, die in feldzugsmäßiger Ausrüstung über Stellwände kletterte, auch eine Art Sport.

Das war ein stolzer Tag! Von da an hieß es, sich im Reich für Olympia zu wappnen, bei dem deutscher Wille zu triumphieren gedachte. Im Juni 1914 wurden im Stadion „Olympia-Vorspiele“ abgehalten, ein schöner Vorgeschmack auf das große Friedensfest. Am zweiten Tag der Wettbewerbe verstummte plötzlich die Marschmusik und sanken Fahnen auf Halbmast. Mitten rein ins Sommergetümmel platzte die Nachricht: In Sarajevo war Franz Ferdinand erschossen worden.

„In einer Breite von etwa vierzig Kilometern begann gestern der seit vielen Monaten mit unbeschränkten Mitteln vorbereitete große englisch-französische Massenangriff nach siebentägiger stärkster Artillerie- und Gasvorwirkung. Auf beiden Ufern der Somme, sowie dem Ancre-Bach von Gommecourt bis in die Gegend von La Boiselle errang der Feind keine nennenswerten Vorteile, erlitt aber sehr schwere Verluste.“ Deutscher Heeresbericht vom 2. Juli 1916

Die Olympischen Spiele 1916 wurden nie abgesagt. Der deutsche Siegfrieden stand ja jederzeit unmittelbar bevor. Der Zeitplan für Olympia stand längst, in drei Abschnitten, von Mai bis August. Vom 1. bis zum 10. Juli fände die „Stadionwoche“ statt, der Höhepunkt der Spiele. Allerdings, der Bau fand nun umständehalber erst mal als Lazarett Verwendung. Als aber der Sommer 1916 wirklich kam, erglänzte die Arena fast genau wie geplant: Den Berlinern wurde dort, zur ganz Erbauung im janz jroßen Stil, ein „Vaterländisches Festspiel“ beschert – Wagners Meistersinger in Kombination mit Schillers Wallensteins Lager. Mit Massenaufmärschen in Ritterrüstung, mit Gesang und Deklamation, deren Quellen man im Gewimmel gar nicht richtig zuordnen konnte, mit großen Schiffen, die auf dem Schwimmerbassin imposant einherschipperten. Deutscher Geist hatte obsiegt.

„Östlich der Maas hat der Gegner unter erneutem starken Kräfteeinsatz gestern mehr-mals und auch heute in der Frühe die deutschen Linien auf der Höhe ‚Kalte Erde‘, besonders beim Panzerwerk Thiaumont, angegriffen und mußte im Sperrfeuer unter größten Verlusten wieder umkehren. Der gegnerische Flugdienst entwickelte große Tätigkeit. Unsere Geschwader stellten den Feind an vielen Stellen zum Kampf und haben ihm schwere Verluste beigebracht. Es sind, vorwiegend in Gegend der angegriffenen Front und im Maasgebiet, 15 feindliche Flugzeuge abgeschossen, davon 8 englische, 3 französische in unseren Linien. Oberleutnant Freiherr v. Althaus hat seinen siebenten Gegner außer Gefecht gesetzt.“ Deutscher Heeresbericht vom 2. Juli 1916

Das Deutsche Stadion hatte noch eine kurze Zukunft nach dem Krieg. In der Weimarer Zeit fanden dort Radrennen, Leichtathletik- und Schwimmwettbewerbe statt, es wurde dem Reichspräsidenten Hindenburg gehuldigt, gar der Verfassung. Erst als deutscher Größengeist erneut zu neuen Ufern strebt, auf Olympia 1936 zu, wird das Deutsche Stadion mitsamt der Pferderennbahn zugeschüttet. Oben drauf kommt das neue Olympiastadion. Wo heute unsere Hertha spielt. Wer dort nun herumstromert, der sieht, weit im Westen, das Loch im Boden. Den Kleinen Marchhof. Eine Öffnung des alten Fußgängertunnels an der Rückseite der Kaiserloge. Hier kann man nun stehen, kann die vergangenen hundert Jahre noch einmal auf sich wirken lassen und dem Mann mit dem Zwirbelbart ein paar kräftige Segenswünsche hinunterrufen – aber nicht zu laut, bitte! Heute befindet sich dort eine Polizeistation, wo die Beamten bei Herthas Heimspielen betrunkene Fußballfans zwischenlagern.

06:00 13.07.2016

Kommentare