Zwischen Aufbruch und Enttäuschung

DER "OSTEUROPA-REPORT 2000" VON UNICEF Kinder und Jugendliche als Verlierer des Wandels

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) beschäftigt sich seit einem Jahrzehnt kontinuierlich mit dem Umbruch in den Transformationsländern Mittel- und Osteuropas wie den Nachfolgestaaten der UdSSR. Dabei geht es besonders um die Lage junger Menschen, denen der Umbruch von 1989 vor allem einen Zuwachs an individuellen Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten brachte. Es zeigt sich jedoch, dass in dieser Hinsicht Gewinn und Verlust mehr denn je dicht beieinander liegen. Der im November veröffentliche Osteuropa-Report 2000 zieht eine Bilanz, die noch nie so krass ausfiel. Wir dokumentieren eine gestraffte Fassung.

Ein Indikator für die kritische Situation junger Menschen ist der Anstieg von Todesfällen in dieser Altergruppe So starben allein 1998 in Osteuropa 85.000 Jugendliche - 30 Prozent mehr als 1989. Hauptursachen sind Unfälle, Gewalt, Selbstmorde sowie Infektionskrankheiten und zu frühe Schwangerschaften. Schätzungsweise eine halbe Million Kinder und Jugendlicher, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls zwischen fünf und 14 Jahren alt waren, sind heute nicht mehr am Leben.

Alkoholmissbrauch und Drogenkonsum unter Jugendlichen haben zugenommen. Die Zahl der HIV-Infektionen explodierte von 12.000 registrierten Fällen 1995 auf heute 360.000. Schätzungsweise die Hälfte der Neuinfektionen entfällt auf junge Menschen. Ebenso besorgniserregend ist der Anstieg registrierter Straftaten von Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Die entsprechende Zahl hat sich in den 16 mittel- und osteuropäischen Transformationsstaaten seit 1989 mehr als verdoppelt. Jedes Jahr kommen inzwischen über 500.000 Jugendliche erstmals mit dem Gesetz in Konflikt. Gleichzeitig werden die Täter immer jünger, die Zahl jugendlicher Wiederholungstäter steigt.

Erhebliche Defizite lassen sich überdies im Umgang mit jugendlichen Straftätern feststellen - Willkür, lange Haftstrafen, Gewalt und der Missbrauch Jugendlicher in Gefängnissen und sogenannten Besserungsanstalten sind verbreitet. Bereits 1999 hat das UN-Komitee für die Rechte des Kindes seine Sorge über das brutale Vorgehen der Polizei und die Misshandlung von Jugendlichen in Untersuchungsgefängnissen Russlands zu Ausdruck gebracht.

1998 verließen in den Transformationsländern neun Millionen Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren vorzeitig die Schule (drei Millionen mehr als 1989) - vorzugsweise Schüler aus armen Familien, ethnischen Minoritäten und ländlichen Regionen sowie behinderte Jugendliche brachen die schulische Ausbildung ab. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind entsprechend gering. Allein in Russland - dem größten Staat der Region - waren 1999 fast 27 Prozent der Jugendlichen ohne Arbeit. Die Jugendarbeitslosigkeit war damit um das Doppelte höher als die Erwerbslosigkeit insgesamt. Über 40 Prozent der jungen Arbeitslosen waren länger als ein Jahr auf Jobsuche.

Ein alarmierendes Indiz für die zunehmende seelische Belastungen bei Jugendlichen ist der Anstieg der Selbstmordraten in den untersuchten Staaten. In Litauen, Belarus, Russland und Turkmenistan hat sich die Selbstmordquote bei Heranwachsenden zwischen 15 und 24 Jahren seit 1989 verdoppelt. Jedes Jahr nehmen sich in der gesamten Region schätzungsweise 12.000 junge Menschen das Leben.

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