Claudia Krieg/Alice Rombach
25.05.2011 | 12:10

Zwischen den Feuern

Nordafrika Brand und Tote bei Auseinandersetzungen im Flüchtlingscamp Choucha an der tunesisch-libyschen Grenze. Tausende Menschen aus der Subsahara fliehen zurück nach Libyen

Am Dienstag Nachmittag brannte eines der großen Flüchtlingslager an der tunesisch-libyschen Grenze nieder. Die Situation eskalierte, als tunesische Militärangehörige auf das Lager zu schießen begannen. Am Morgen war das Camp von Bewohnern der Region attackiert worden. Es gab mehrere Verletzte, eine in Lebensgefahr schwebende Person und zwei von Anwohnern erschlagene Tote, bestätigt UNHCR-Sprecher Firas Kayal.

Choucha ist eines von vier an der offenen tunesisch-libyschen Grenze gelegenen Zeltlager zwischen Ben Guardane und Ras Jdir. Eingerichtet vom UNHCR, dem Rotem Kreuz und dem Rotem Halbmond kurz nach Beginn der Auseinandersetzungen in Libyen, lebten dort bis zum Dienstag 4.000 bis 5.000 vor allem subsaharische und ostafrikanische Flüchtlinge.

In der Nacht zum 22. Mai brach ein Feuer in der Zeltstadt aus. 21 Zelte verbrannten, vier Menschen starben, darunter ein Baby. „Wir leben in verheerenden Zuständen. Ich bin hier seit drei Monaten“, berichtet ein junger Mann aus Nigeria. Andere Menschen wurden erst vor wenigen Tagen auf dem Meer aus brüchigen Booten gerettet, in die sie Soldaten Gaddafis gezwungen hatten zu steigen. „Wir wissen nicht, wo wir hin sollen. Kein Land, keins unserer Länder fragt nach uns. Vielleicht ist es besser, zurück nach Libyen zu gehen.“ Rund 3.800 der ehemaligen Zeltstadtbewohner sind als Flüchtlinge oder Asylsuchende registriert, der größte Teil lebt bereits seit zwei bis vier Monaten dort, erklärt Firas Kayal.

Mit Tränengas und scharfer Munition

Unsicherheit und Aussichtlosigkeit, gemischt mit der Panik nach dem Brand am Sonntag, führen am frühen Dienstagmorgen dazu, dass sich etwa 400 Menschen aus dem Camp zur nächsten Straße bewegen und eine Blockade errichten, um gegen die Bedingungen zu protestieren, in denen sie leben müssen. Die Straße ist zentral für den Grenzverkehr und den Handel an der tunesisch-libyschen Grenze. Da das Camp so nah daran liegt, fordern Anwohner seit längerem, das Camp zu verlegen. Es lähme die ohnehin geschwächte Wirtschaft. Das tunesische Militär, das die Hoheit über dieses Gebiet hat, wirkt angesichts der Wut auf beiden Seiten bislang verunsichert.

Gegen 11 Uhr wird das Camp von einer Gruppe von Menschen aus Ben Guerdane attackiert, laut Aussagen von Flüchtlingen unterstützt von Militärangehörigen, die sowohl mit Tränengas als auch mit scharfer Munition auf Flüchtlinge schiessen. Ibrahim, ein junger Mann aus Eritrea, erklärt kurz darauf am Telefon, dass sich das Militär wieder zurückgezogen hat, während etwa 250 Anwohner, bewaffnet mit Eisenstangen, Jagd auf Flüchtlinge machen. Mehrere Hundert Menschen sind in die Büsche geflohen, um sich zu retten. "Glaub mir, es ist die Hölle, sie wollen uns verbrennen und tot schlagen", berichtet Andy, ein nigerianischer Flüchtling. Als ansässige Tunesier beginnen, die Blockade abzuräumen, reagieren einige aufgebrachte Flüchtlinge mit Steinwürfen. Kurz darauf werden die ersten Zelte von wütenden Anwohnern in Brand gesteckt.

UNHCR und andere Hilfsorganisationen hatten das Camp schon am Vorabend verlassen. Am Nachmittag befindet sich der Großteil der Flüchtlinge, schätzungsweise 2.000 bis 3.000 Menschen, auf dem Weg Richtung libysche Grenze. Ousman aus Somalia berichtet, dass der erste Grenzposten, der wenige Kilometer vor libyschem Gebiet liegt, erreicht wurde. "Wir sind erschöpft, wir haben seit anderthalb Tagen nichts mehr gegessen und getrunken", sagt er. Währenddessen brennen die Angreifer die Zelte nieder. Das Militär greift nicht ein.

Ein Ende der Notaufnahme ist nicht in Sicht

Der UNHCR bezeichnet das, was den Flüchtlingen geschieht, als „zweite Vertreibung“. Die Situation trifft vor allem Flüchtlinge aus Ländern, in die sie nicht zurück können, wie Somalia, Sudan, Eritrea, der Elfenbeinküste oder dem Irak. Ein Ende der Notaufnahme in sandigen Zelten mit improvisierter Infrastruktur und schlechtem Wasser schien für die Menschen nicht in Sicht. In den letzten Wochen kehrten aus dem Camp bereits 700 Flüchtlinge wieder nach Libyen zurück. Lieber steigen sie auf die Boote nach Italien und nehmen das tödliche Risiko in Kauf, als noch länger in der unerträglichen und ungewissen Situation im Lager in Choucha zu bleiben. Noch etwa 6.000 Menschen brauchen eine Aufnahme in einem sicheren Drittstaat. Laut Kayal gibt es derzeit Zusagen für 900 Plätze. Im Vergleich zu den mehreren Tausenden, die schon in ihre Herkunftsländer ausgereist sind, erscheint diese Zahl lächerlich.

Tragisch ist der Vorfall vor allem deshalb, weil seit Beginn der Libyen-Krise Tunesien seine Grenzen für Flüchtlinge offen hielt. Rund hundertausend Menschen wurden dabei von der Lokalbevölkerung immer wieder empfangen, versorgt und zum Teil privat untergebracht. Doch spätestens jetzt scheint die Situation nicht mehr länger tragbar. Aber selbst in dieser zugespitzten Lage verweigern sich die EU-Regierungen selbst der kleinsten Geste der Solidarität, um Flüchtlinge aufzunehmen – und das trotz des mehrfachen Appells des UNCHR, dass die Camps keine langfristige Lösung für die Flüchtlinge darstellen. Das dürfte mit dem Brand von Choucha bewiesen sein.