Zwischen den Fronten

Westbank Die Vollendung des israelischen Grenzwalls bedroht die Existenz von Beduinen auf Jabal al Baba, dem „Papsthügel“ bei Jerusalem
Zwischen den Fronten
Für Israelis bedeutet die Mauer Sicherheit, aber sie ist ein Einschnitt ins Leben der Beduinen

Foto: Menahem Kahana/AFP/Getty Images

Es ist später Nachmittag, und Hani Abu Oweidah steht in der Nähe seines dritten Hauses. Ringsherum türmt sich Schutt, dazwischen weiden Schafe, spielen Kinder. Hani wohnt auf Jabal al Baba, dem „Papsthügel“, in der Nähe von Jerusalem. „Ahlan“, ruft der Beduine Hani, das arabische Wort für „Willkommen“. In der Ferne erheben sich die roten Dächer der israelischen Siedlung Ma’aleh Adumim, wo über 40.000 Menschen zu Hause sind. Hani vom Beduinenstamm der Jahalin lebt mit seiner Familie zwischen Ma’aleh und Ostjerusalem in einer Gegend der Westbank, die überwiegend von Israel kontrolliert, aber von Palästinensern beansprucht wird. Hanis erste Häuser aus Wellblech wurden von der israelischen Zivilverwaltung zerstört, so erzählt er es. „Doch ich gehe hier nicht weg.“

Hani, schmale Brille vor dunklen Augenbrauen, braun gebranntes Gesicht, winkt in seinen Innenhof. Die Kufiya, ein schwarz-weiß kariertes Tuch, hat der 41-Jährige um den Kopf gebunden, die Ärmel seines faltenfreien Hemds mehrmals umgeschlagen. Hani lacht oft. Dann ziehen sich seine Nasenflügel in die Breite und von den Augen zu den Ohren graben sich Falten in die Haut. Seine Kinder kommen mit Plastikstühlen und klebrigen Süßigkeiten angelaufen, eine von Hanis beiden Frauen bringt Tee, andere Beduinen sind kaum zu sehen.

Osmanisches Landrecht

Die sogenannte „Zone C“, in der Hani lebt, ist wenig besiedelt, umfasst aber von der Fläche her 62 Prozent der Westbank. Das Oslo-II-Abkommen von 1995 sieht vor, dass die Gegend in den Bereichen Sicherheit und Baurecht unter israelischer Kontrolle steht. Jüdische Siedlungen, Straßen und Militärposten sprenkeln das Gebiet auf der Landkarte. Das Zentrale Statistikamt Palästinas zählte 2017 bei einem Zensus rund 390.000 dort lebende Palästinenser. Die meisten davon erhalten keine Genehmigungen für den Bau ihrer Häuser. Sie errichten sie trotzdem, wogegen die israelische Zivilverwaltung mit Abrissbescheiden vorgeht. Einige NGOs haben durch Videos dokumentiert, wie Gebäude beschädigt wurden. Eine Anfrage der Autorin lässt die israelische Koordinierungsstelle in den Palästinensergebieten (COGAT) unbeantwortet.

Hanis dritter Versuch, ein kleines Haus an anderer Stelle als bisher zu bauen, ist geglückt. Innen hat er das Gebäude mit Holz verkleidet, um der Kälte des Winter zu entgehen. Nun will er bleiben, wo er ist. „Egal, was Israel mir anbietet.“ Freunde und Verwandte sind vor Jahren in nahe gelegene palästinensische Städte gezogen wie das unterhalb des Berges liegende Al-Eizariya, das von Israelis und Palästinensern gemeinsam verwaltet wird.

In Al-Eizariya balancieren Katzen über Müllcontainer, die Sonne brennt auf den Asphalt, durch die Luft wirbeln Staub und Rauch. Auf der Straße wird „Welcome“ gerufen, Willkommen in Palästina. Am Ortseingang warnt ein knallrotes Schild ankommende Israelis in Hebräisch, Arabisch und Englisch: „Diese Straße führt zu einem palästinensischen Dorf. Das Betreten für israelische Bürger ist gefährlich.“

Wer am Schild vorbeifährt und die Stadt verlässt, stößt auf die Siedlung Ma’aleh Adumim, die Ende der 1970er Jahre von jüdischen Israelis gegründet wurde. Michael Schönmann, Bewohner Ma’alehs, erinnert daran, dass nach dem Oktoberkrieg von 1973 und einem Regierungswechsel in Israel die Idee entstanden sei, Jerusalem mit einem Ring jüdischer Ortschaften zu umgeben. Schönmann, in Israel geboren und in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, lebt seit über 20 Jahren in Ma’aleh. Neben dieser Siedlung sind mittlerweile weitere entstanden, gleichzeitig die arabischen Dörfer gewachsen.

Auf dem Berg dazwischen wohnen 70 Familien, darunter auch die von Hani. Sie stammt aus der ländlichen Gegend um Be’er Scheva, einer Stadt im Süden Israels, aus der sie nach dem Krieg von 1948 geflohen ist. Wie andere Familien des beduinischen Jahalin-Stamms verschlug es sie in die Region östlich von Jerusalem.

Fast hundert Jahre zuvor, als dieser Raum noch zum Osmanischen Reich gehörte, führten die Sultane ein Gesetz ein, um Landbesitz zu regeln. Alle Staaten, die nach dieser Zeit über Palästina bestimmten, Großbritannien, Jordanien, schließlich Israel, übernahmen das „Osmanische Landgesetz“. Die Beduinen auf Jabal al Baba sagen, sie hätten das Land, auf dem sie leben, kultiviert, wie es von jenem Landrecht gefordert werde – somit gehöre es ihnen. Israel deutet das Gesetz anders und meint, die Flächen um Hanis Haus seien nicht lange genug ausreichend bewirtschaftet worden. Es handle sich um Staatsland, also öffentliches Eigentum.

Israelis suchen Wohnraum

Zwischenzeitlich wächst die Einwohnerzahl Jerusalems von Tag zu Tag und dürfte bald bei einer Million liegen. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Michael Schönmann und seine Frau suchten vor Jahren nach einer günstigen Unterkunft in Jerusalem – und landeten schließlich in Ma’aleh Adumim. Neben der Siedlung liegt eine strategisch wichtige Straße, die Tel Aviv mit Jerusalem und der Jordansenke verbindet, ringsherum einige arabische Ortschaften. Der 59-Jährige sagt: „Auf israelischer Seite gibt es die Befürchtung, dass Ma’aleh zu einer ungeschützten Enklave werden könnte.“ Daher solle die Region seit Jahren nach den Zielen des E1-Plans ausgebaut werden. Das heißt, auf 1.200 Hektar Land könnte es bald Shopping und Tourismus geben, Straßen und Wohnblocks für Israelis. Das Projekt war wegen vieler Bedenken, nicht zuletzt in der EU, bis Februar storniert. Sollte es umgesetzt werden, würde das der Zerstückelung eines künftigen palästinensischen Staates Vorschub leisten, sagen Kritiker. Hani und die anderen Beduinen-Familien müssten dann den Papsthügel verlassen, der den südlichen Zipfel des E1-Gebietes bildet.

Man sieht Esel, verschrottete Autos, steiniges Land, als Hani die Fensterläden seines Hauses öffnet. Er liebe diesen Anblick und schätze, dass seine Kinder hier aufwachsen können. Die spielen draußen Schule. Die älteste Tochter übernimmt die Rolle der Lehrerin, ihre Schwester, die kleine Bayan, springt lachend auf und wirbelt über herumliegende Pfähle und Hölzer. Sie gehe in den Kindergarten auf dem Papsthügel, erklärt Hani. Um dorthin zu gelangen, geht sie über die Schotterpiste auf dem Berg zu einem umzäunten Areal. Auf einem Schild steht: „POPE’S HIL“. Ein L fehlt, darüber hängt die Flagge des Vatikans, ausgeblichen von der flirrenden Hitze auf dem Papsthügel, zugleich ein Hinweis auf das Jahr 1964, als der jordanische König Hussein Papst Paul VI. bei dessen Besuch im Westjordanland ein Geschenk machte: 17 Hektar im Heiligen Land.

Es wird erzählt, dass an diesem Ort ein Institut für ökumenische Studien errichtet werden sollte, dann jedoch 1966 an anderer Stelle entstand. Das umzäunte Stück Erde, auf dem Bayans Kindergarten steht, gehört seither dem Heiligen Stuhl. Am Spielplatz hängt ein Porträt von König Hussein, dazu ein zerschlissenes Banner, auf dem Papst Franziskus lächelt, nicht weit davon grasen Schafe und Ziegen.

Der Heilige Stuhl vermeidet es, sich über das Verhältnis zu den Beduinen von Jabal al Baba zu äußern. Es heißt lediglich, Israelis und Palästinenser sollten in Frieden und Sicherheit leben können. Fragt man Atallah Mazara’a, der das Gemeindezentrum auf dem Papsthügel leitet, spricht er von guten Beziehungen. Oft seien Kardinäle zu Besuch. Sie wollten jedoch kein Gespräch führen, um nicht in politische Angelegenheiten verwickelt zu werden, erzählt Atallah. Seit sechs Jahren arbeite er auf dem Papsthügel und kenne hier jeden, immerzu klingelt eines seiner Handys. Er steht im Kontakt mit den Beduinen, den Freiwilligen vom Gemeindezentrum, dem Vatikan, der UNO und seiner Frau. Und er zählt wie sein Cousin Hani zum Beduinenstamm der Jahalin. Schon oft, so Atallah, habe er zusammen mit anderen Beduinen gegen den Bau einer Sperranlage demonstriert.

Sie verläuft von Ostjerusalem über das E1-Areal unterhalb des Papsthügels bis ins Westjordanland, eine Sicherungsmaßnahme für das unter israelischer Kontrolle stehende Gebiet. Im Westen, kurz vor dem Ölberg in Jerusalem, erheben sich bereits meterhohe Betonblöcke, an anderer Stelle ist die Barriere ein Zaun, ein Teil der Demarkationslinie existiert nur auf dem Papier. Für Israel ist die Mauer in Jerusalem und Bethlehem Schutz gegen palästinensische Bombenattentate.

Wird sie weitergebaut, verlieren Hani und die anderen Beduinen auf dem Hügel den Zugang zur Stadt Al-Eizariya, die sie mit Strom und Wasser versorgt. Auch das Gemeindezentrum mit dem Kindergarten, dem Frauenraum, einer Arztpraxis und Gemeinschaftsfläche mit Zelten und Grillstationen wäre dann isoliert. Noch kommen Palästinenser aus der Stadt, Beduinen vom Hügel und Reisende aus aller Welt ins Zentrum von Al-Eizariya. Atallah erzählt, es seien auch schon Israelis zu Gast gewesen. Unzählige Autos parken an der Auffahrt, wenn das Wochenende beginnt. Zu später Stunde leuchten bunte Lichterketten an knorrigen Bäumen.

Wenn man Hani fragt, was es für ihn bedeute, Beduine zu sein, dann antwortet er: „Das alles hier“, und sein Blick erkundet den Hügel, hinter dem die Siedlung Ma’aleh Adumim liegt. Von Jabal al Baba trennen sie nur die Hauptstraße und das Tal, das an seinem tiefsten Punkt von einer Militärstraße und einem Stacheldrahtzaun begrenzt wird. Mittendrin liegt Jabal al Baba, zwischen zwei israelischen Schutzwällen, dem in Beton gegossenen Bedürfnis nach Abgrenzung und Sicherheit. In der Ferne, hinter dem kahlen Tal, erhebt sich Jerusalem. Nachdem die letzten „Allahu Akbar“-Rufe verhallt sind, geht dort langsam die Sonne unter. Irgendwo betet jemand für Sicherheit, für Zukunft und sein Zuhause.

Nelly Ritz ist freie Journalistin und hat Internationale Beziehungen wie Geschichte in Erfurt und Quito studiert

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