Zwischen den Kulturen

Drei Berlinerinnen aus drei türkischen Familien Beruflich erfolgreich, sozial integriert und manchmal fremd

Ipek stand vor ihrer Haustür in Berlin-Charlottenburg. Einer großen Flügeltür mit Glasinnenflächen und gusseisernen Schnörkelverzierungen passend zu der gepflegten Fassade des großbürgerlichen Altberliner Mietshauses. Eine Gegend, das spürt man sofort, in der eher Wohlhabende wohnen. Geschäftsleute, Akademiker, vielleicht der eine oder andere etablierte Künstler. Während sie noch in der Handtasche nach ihrem Schlüssel kramte, sprach sie ein eleganter Herr in Anzug an. Ob sie hier wirklich richtig sei. "Wie bitte", fragte Ipek verwirrt. "Glauben Sie wirklich, dass Sie hier wohnen?" sagte der Mann und ging. Wie ein Schlag sei diese Frage gewesen, erzählt Ipek später. Und so symptomatisch für ihr Leben in Deutschland. Schon oft sei ihr bedeutet worden, dass sie nicht hierher gehöre, obwohl sie hier geboren wurde und nie irgendwo anders gelebt habe.

Wir sitzen im Café Savigny, unweit vom Kurfürstendamm, zusammen mit Gül und Selma. Wie Ipek sind sie Deutschtürkinnen. Eigentlich müssten die beiden Substantive umgekehrt zusammengefügt werden, denn sie sind Deutsche türkischer Herkunft. In Studium und Beruf erfolgreich, liegt ihnen nichts ferner, als sich zu beklagen. Doch blieb die "ganz normale" Diskriminierung immer eine Konstante ihres Lebens. Deutscher Pass hin oder her, von den meisten Menschen - da sind sie sich einig - werden sie weiterhin als Fremde, als Gäste auf Zeit wahrgenommen.

Wer wie Ipek als Ärztin gut verdient und aus einer wohlhabenden Familie stammt, löst manchmal neidische Aggressionen aus. Ob sie eine Nutte oder eine Mafiabraut sei, ist sie schon gefragt worden, wenn sie mit ihrem BMW Cabriolet unterwegs ist. "Wirklich sprachlos" waren Gül und ihre Familie, als bei der Passkontrolle an der deutsch-österreichischen Grenze ein Beamter unverfroren erklärte, er sähe "zwar sechs deutsche Pässe, aber keine Deutschen".

Freilich steckt nicht hinter jeder Bemerkung Feindseligkeit. Gül erinnert sich des Professors bei der Aufnahmeprüfung an der Fachhochschule. Dem lag nur das Formular mit ihren Angaben vor: Name, Geburtsort: Berlin. Staatangehörigkeit: deutsch. Dennoch begrüßte er sie mit den Worten: "Also, Sie sind Türkin!" Als er während des Gesprächs auch noch wissen wollte, ob sie Fundamentalistin sei, brach sie trotz der Prüfungssituation in Lachen aus. Den Studienplatz bekam sie trotzdem. "Die Geschichte erzähle ich gern als Party-Anekdote", meint Gül trocken.

Selma, die Dritte in unserer Runde, kann über Fragen, die ihr provokant vorkommen, nicht lachen. Erst kürzlich sollte sie einer Frau erklären, warum Schweine im Islam heilig seien. Und ein Bekannter - "ein Lehrer, also ein Akademiker" - wollte wissen, ob die Frauen in Istanbul mit Kopftuch Tango tanzen. "Haben die Deutschen in ihrem Zusammenleben mit den Türken denn gar nichts gelernt?" fragt sie. Sie kenne doch auch die Grundlagen des Christen- und Judentums.

Selbst Komplimente, glaubt Selma, zeugten manchmal von einem negativen Bild türkischstämmiger Deutscher. Bei einem Praktikum in einer Baufirma habe sie von ihren Vorgesetzten oft anerkennende Worte und den Satz gehört: sie sei "keine typische Türkin", so begeistert war man von ihrer effizienten Arbeitsweise und Zuverlässigkeit. "Interessanterweise bin ich später in meiner Position als Bauleiterin nie diskriminiert worden, weder als Frau noch als Ausländerin." - Türkische Mädchen suchten durch Studium und Arbeit nicht selten einen Weg aus der traditionell engen Familienbindung. Selma erzählt, wie zu ihrer Einschulung in den siebziger Jahren ausländische Kinder stets in eine Klasse gesteckt wurden. Nach einem Jahr kamen dann alle, die ausreichend deutsch sprechen konnten, in die jeweiligen Parallelklassen - und die anderen direkt auf die Sonderschule.

Gül war zwar vor dem Übergang auf die weiterführende Schule Jahrgangsbeste, erhielt aber von ihrer Lehrerin nur eine Realschulempfehlung. "Mit 16 heiratet sie sowieso", lautete die Begründung. Güls ältere Schwester überredete die Eltern, sich über das Urteil der Schule hinwegzusetzen, und ebnete ihr so den Weg zu Abitur und Studium. Geschwistern, Cousins, Bekannten, vielen ist in der Schule Ähnliches widerfahren - die meisten Eltern, meint Gül, seien oft hoffnungslos damit überfordert, die Rechte ihrer Kinder zu wahren.

Selma hat bis heute das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, wenn Menschen nach ihrer Herkunft fragen. "Wenn ich dann sage "aus Kiel" bohren die Leute meist solange weiter, bis ich ihnen erkläre, dass meine Eltern aus der Türkei stammen. "Ich kann zwar sagen: Ich komme aus Deutschland, aber der Satz: ›Ich bin eine Deutsche‹ kommt mir nicht über die Lippen."

Gül hingegen bezeichnet sich - "wenn überhaupt" - als Deutsche. Richtig integriert in die Gesellschaft könne sie sich aber erst fühlen, wenn sie auch von den Deutschen als Einheimische respektiert werde. Dennoch habe sich seit ihrer Kindheit viel verändert. "Zum Positiven", finden alle drei. Heutzutage sei die Stimmung zwischen Deutschen und Türken ganz anders. "Früher war ja Türke fast ein Schimpfwort", erinnert sich Gül.

Die Niederlande seien ihr Vorbild in Sachen Integration, weil die Gesellschaft dort "im wahrsten Sinne des Wortes farbig durchmischt ist", meint Selma. "Da saß dann auch mal eine Frau mit Kopftuch auf dem Amt hinterm Schalter. In Berlin-Kreuzberg arbeiten auf dem Postamt keine Türken." Gül schwärmt von London. Durch ihre frühe konsequente Einbürgerungspolitik und die Möglichkeit zur doppelten Staatsangehörigkeit seien die Briten den Deutschen um einiges voraus. Ipek braucht jetzt noch einen Likör. Schön, dass ich sie nicht auf den Koran hinweise und Erklärungen für ihren Alkoholkonsum einfordere, findet sie.

Weder als Paradebeispiele für gelungene Integration noch als Ausnahmeerscheinungen wollen die drei Frauen gelten. Wie sie würden auch viele andere Deutschtürken leben. Aber wenn sich wie in manchen Bezirken Rassismus mit Armut und Arbeitslosigkeit mischte, sei das "ein explosives Potenzial". Hoffentlich käme es nicht irgendwann zu Ausbrüchen wie in Frankreich.

"Ich kann mit gelegentlichen Angriffen umgehen, aber andere sind wegen der Anfeindungen in eine anti-deutsche Haltung abgedriftet", meint Ipek. Das starke Bekenntnis mancher junger Türken zum Islam oder zu den Traditionen der Eltern sei häufig eine Reaktion auf erfahrene Diskriminierung. Eine ihrer Cousinen trage seit kurzem Kopftuch. Freiwillig - nicht, weil ihre Eltern es ihr vorschreiben würden. Die hätten am Anfang sogar noch versucht, sie davon abzubringen. "Ich denke, sie will sich mit irgendetwas identifizieren."

Selma ist seit einem Jahr mit einem Deutschen verheiratet. Ihre Eltern konnten sich nach anfänglichem Zaudern überraschend gut auf ihren nicht-muslimischen Schwiegersohn einlassen. Selma findet es bemerkenswert, wie sich ihre türkische und ihre deutsche Familie näher kommen. Eine solche Ehe wäre vor 30 Jahren problematischer gewesen.

Gül bezeichnet ihr Leben als "Kontrastprogramm". Ihre Großfamilie hätte sie gern früh verheiratet, doch sie ist auch mit 37 noch berufstätiger Single mit eigener Wohnung. "Zu deutsch" komme sie ihren Eltern manchmal vor. Sich zu emanzipieren und ihnen gleichzeitig liebevoll verbunden zu bleiben, sei eine Gratwanderung.


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00:00 21.04.2006

Ausgabe 39/2020

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