Zwischen den Welten

Istanbul In der Türkei leben Transsexuelle und Transvestiten im Verborgenen. Nur in einem Istanbuler Stadtteil können sie offen auftreten. Zu Besuch in Beyoğlu

Es war der besondere Rhythmus in Beyoğlu, der mich immer wieder in diesen Stadtteil von Istanbul zog. Als ich das erste Mal hierher kam, faszinierte mich sofort das Gedränge der Menschen, die Enge, die übereinander gestapelten Bars und Cafés, das Labyrinthartige des Viertels. Und zugleich wirkte die europäische Architektur auf mich seltsam vertraut. Während der Zeit des Osmanischen Reiches lebten hier vor allem Europäer, die das Viertel errichteten. Im Straßenbild kann man ihre Spuren noch erkennen. Heute ist Beyoğlu aber das Viertel der Transvestiten, Transsexuellen und anderer Subkulturen, der Ort, an dem sie frei und ungezwungen auftreten können. Ein paar Straßen weiter sieht das ganz anders aus.

Die Transgender – so der Obergriff für Transvestiten und Transsexuelle – leben in Istanbul zwischen Extremen, zwischen einem offensiven, exhibitionistischen Umgang mit ihrem Anderssein und einem Leben im Verborgenen. Und sie stehen mit diesem zweigeteilten Leben auch sinnbildlich für die Widersprüche der türkischen Gesellschaft. Für eine Kultur, in der Gehorsam und Anpassung einerseits immer noch einen erschreckend hohen Stellenwert besitzen. Andererseits gibt es die freizügigen nächtlichen Szenerien, die vom Pornokino bis zur offenen Prostitution reichen. Straßenszenen, die sich jenen von Tokio, New York oder Rio immer mehr anzugleichen scheinen.

Nachdem ich 2005 als Austauschstudent zwei Semester Fotografie in Istanbul studiert hatte, kehrte ich immer wieder für längere Arbeitsaufenthalte in die Stadt zurück. Ich wohnte in Beyoğlu, recherchierte das Leben der Transgender und führte viele Gespräche, bevor ich die ersten Bilder machte.

Der Skandallehrer

Nedim lernte ich noch während meines Auslandssemesters an der Marmara Uni kennen. Zufällig begegneten wir uns nach dem Verlassen einer Fähre. Wir hatten den gleichen Weg nach Hause, den Hügel hinauf, auf dem Beyoğlu liegt. Nedims Englisch war bestens, nur über seine gekünstelt feminine Betonung wunderte ich mich ein wenig. Er arbeitete als Englischlehrer an einer öffentlichen Schule, bis die Schulleitung einen Vorwand gefunden hatte, ihm wegen seiner Homosexualität zu kündigen. In Istanbul besitzt er mittlerweile einen hohen Bekanntheitsgrad als „Skandallehrer“, diverse Zeitungsausschnitte in seiner Wohnung zeugen von Protest-Aktionen. Am „Tag der Ehe“ stand er etwa in einem kitschigen Brautkleid auf einem großen öffentlichen Platz, um für die gleichgeschlechtliche Ehe in der Türkei zu demonstrieren.

Am Anfang betrachtete ich Nedims Aktionen mehr als eine Art Performance. Erst im Laufe der Zeit begriff ich, das er mit der Forderung nach gleichgeschlechtlichen Ehen nicht nur auf das Schicksal der Homosexuellen aufmerksam machen wollte, sondern auch auf das vieler Transsexueller in der Türkei: Denn gäbe es hinsichtlich gleichgeschlechtlicher Ehen mehr Aufgeschlossenheit, stünden nicht so viele homosexuelle Paare an dem Punkt, an dem sie sich gezwungen sehen, zu entscheiden, wer von beiden Partnern sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht. So bizarr es klingt: Das biologische Geschlecht zu wechseln, sehen viele als einzige Chance auf etwas Normalität, was auch immer normal dann bedeutet. Natürlich stellen die Mehrheit der Transsexuellen aber auch hier jene Menschen, die sich von Geburt an im falschen Körper fühlen und sich deshalb zu einer Geschlechtsumwandlung entschließen.

Sexarbeit als einzige Verdienstmöglichkeit

Scheitert die Ehe eines Transsexuellen aber, ist für viele Sexarbeit die einzige Erwerbsquelle. Sie betonen oft, dass sie das machen, weil sie keine Aussicht haben, irgendwo sonst einen Job zu finden. Die Transsexuellen grenzen sich so auch von den Transvestiten ab, denen sie vorwerfen, nur wegen des Geldes, das sie mit der Prostitution verdienen, das Spiel mit den Geschlechtergrenzen zu betreiben.

Nedim arbeitet im Sommer immer auf Afşa Island, dort tritt er in Shows als Drag Queen vor einem Publikum auf, das hauptsächlich aus türkischen Touristen besteht. Auf der Insel und in der ausgelassenen Urlaubsstimmung eckt er mit seiner sexuellen Orientierung nicht an, sie wird als zum Inselleben zugehörig verstanden. Im Winter verdient Nedim seinen Unterhalt mit Englisch-Unterricht. Seine Kunden sind Prostituierte, egal ob Transvestiten oder Transsexuelle, alle fühlen sich mit ein paar Brocken Englisch auf der Straße wohler. Auf die Frage, wie das genau gemeint ist, habe ich das Zeichen für Geld gezeigt bekommen, Daumen und Zeigefinger wurden aufeinander gerieben.

In vielen Gesprächen tauchte immer wieder der große Traum auf, den viele hier in Beyoğlu träumen – eines Tages von einem reichen Unbekannten von der Prostitution erlöst zu werden. Oder ins Ausland zu gehen, etwa nach Amsterdam, um dort als Friseur oder Visagist zu arbeiten. Auch dieser Traum gehört untrennbar zu Beyoğlu und seinen Bewohnern.

Karsten Kronas, 32, studierte Fotografie an der FH Bielefeld. Sein Fotoband Beyoğlu Blue ist im Kehrer Verlag erschienen. Am 7. Dezember um 18 Uhr stellt er ihn in den Deichtorhallen in Hamburg vor. Weitere Infos: karstenkronas.com

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12:00 14.11.2010

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