Zwischen den Zeilen muss die Freiheit grenzenlos sein

Pubertätsroman In seinem Debütroman "Junge Talente" gehen Andre Kubiczek die Heulsusen vom Prenzlauer Berg auf den Keks

In einem elenden Provinznest aufwachsen zu müssen, ist überall schrecklich. Natürlich sind in dem kleinen Harzer Städtchen die Grenzen enger, die Möglichkeiten auszubrechen beschränkter. Aber das Erste, was dem halbwüchsigen Less einfällt, ist aufzufallen. Sein Auftritt beim Sängerwettstreit der Käfigvögel, auch so ein seltsamer Termin im säkularen Festkalender des Oststädtchens, ist von langer Hand geplant. Er erscheint als angepunkter Paradiesvogel im Fünfziger-Jahre-Anzug seines Großvaters. Das ist der Beginn seiner Entpuppung. So fangen seine Wanderjahre an, raus aus dem Kaff, rein in den legendenumwobenen Prenzlauer Berg.
"Nichts war wie vorher. Less hatte sich entschieden, und mit seiner neuen Aufmachung hatte er zufällig einen jener hinterhältigen Stile gewählt, die eine neue Weltsicht wie von selbst nach sich zogen". Es kam nicht mehr darauf an, die Verhältnisse zu verändern. Was blieb anderes übrig, als sie neu zu interpretieren. Die Schulzeit ist zu Ende, die ungeliebte Ausbildung an der Hütte noch fern, nichts kann so tot sein wie ein staubiger Sommer in der Provinz. An einem Augusttag, im Zwielicht der Morgendämmerung, steigt er in den Zug nach Berlin.
Die Bereitschaft zur literarischen Vergegenwärtigung der DDR wächst, und es sind nicht nur die großen Erzählungen von Schuld und Verrat, sondern ganz alltägliche und ganz und gar nicht larmoyante Rückblicke. Die Zeit des kurz und schmerzlosen, anekdotischen Surfens über die Oberfläche, wie in den jüngst erschienen Büchern von Jochen Schmidt und Jakob Hein, ist bald vorbei. Aber noch steht man in Sichtweite, ein idealer Zeitpunkt also, um ein Resümee zu ziehen. Es ist die Generation der Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Geborenen, deren Bedürfnis, nach ihrer Herkunft zu fragen oder sich ihrer zu versichern, möglicherweise mit genau dem richtigen zeitlichen, oft auch räumlichen Sicherheitsabstand zusammentrifft. Manche scheinen einfach die Absicht zu haben, einen genaueren Blick auf die eigene Jugend zu werfen, die man in einem Staat verbracht hat, der nicht mehr existiert, aber immer noch Schatten wirft.
Es sind Heimatromane, die so entstehen, jenseits von Sentiment und Ressentiment. Die Autoren und Autorinnen erzählen Geschichten über ein Deutschland, das vielen Lesern sehr fremd geblieben ist, ein Land, dessen Existenz so mancher im Westen einfach ausgeblendet hatte. André Kubiczek, 1969 in Potsdam geboren, gehört zu dieser Generation von Erzählern. Sein Held Less, der sicher auch einige autobiographische Züge trägt, ist ein jugendlicher Romantiker, den nicht nur die provinzielle Enge, sondern auch die Verliebtheit zu seiner Cousine Radost auf die Reise gehen lässt. Aber als er in Berlin eintrifft, hat sie sich aus der väterlichen Wohnung abgesetzt. Das ist Pech für den Protagonisten, aber ein großes Glück für die Leser. Verliebtheit macht dumm und blind. Kummer wetzt den Blick. Less versucht sich zurechtzufinden, sich die Stadt zu eigen zu machen. Seine Bilder und Eindrücke sind gestochen scharf. Der Autor schaut genau hin und hat ein Gespür für Stimmungen, die er auch in Sprache übersetzen kann. Er hat die Fähigkeit, das Vergangene sehr gegenwärtig zu machen.
An jener berühmt gewordenen Imbissbude unter der Hochbahn lässt er seinen Helden auf Beck, den Punk treffen, dessen Kopf von einem strahlend gelben Irokesenkamm gekrönt ist. "›Von wo kommsten?‹, sagte der Punk. ›Wieso?‹ fragte Less. ›Wegen der Sprache. Aus Sachsen?‹ Less sagte nichts. ›Mach dir nichts draus‹, sagte der Punk und trank einen Schluck Bier." Von ihm erfährt Less, dass die Punker sich immer im Haus der Jungen Talente treffen. Es ist die einzige Diskothek, in die sie reingelassen werden, weil "man" sie hier unter zentraler Kontrolle hat. Die Punks wissen das, gehen aber trotzdem hin. Anders als die genormten Spießer zu sein und das durch ihr Äußeres zu signalisieren, heißt für sie, ständig angegriffen, in den Kneipen entweder angepöbelt oder gar nicht bedient zu werden, von den Vopos schikanös kontrolliert, schlimmstenfalls mit Paragraph 48 belegt und aus der Stadt gewiesen zu werden.
Der Punker Beck begleitet seinen neuen Bekannten zu einer literarischen Soiree, auf der Liedermacher und Dichter ihre Werke vortragen. Sein Kommentar zur Veranstaltung: "Ich hau ab, Alter. - Hoffentlich ist das nicht ansteckend". Auch Less ist befremdet. "Die ganze schrottige Gegenwart zwischen die Zeilen verbannt und der Rest nur der palavernde Rahmen", kommentiert er später einer indignierten Germanistikstudentin das subversive Ereignis. Er hasse "diese pseudopolitische Herz-Schmerz-Kacke, diese beschissene Umbruchprosa, die sich Lyrik nenne und von der Produktion handele und vom Kinderkriegen und von Gefühlen von Frauen aus der Produktion gegenüber Männern aus der Produktion". Und er spottet über die Dichter vom Prenzlauer Berg, die ihre "Kritik mit Mistgabeln" in ihre Texte und Poeme schaufelten, damit sie doch nur wieder zwischen den Zeile ihr kümmerliches Dasein friste. "Und die Liedermacher erst", höhnt er, "diese Heulsusen mit langen Haaren und Vollbart. Dann doch lieber gleich auf dem Kamm blasen". Weder die schrille Anti-Haltung der Punker, noch die sich arrangierenden Untergründler ziehen den Protagonisten sonderlich an.
Zwar beschließt Less in der Stadt zu bleiben. Aber er verlässt "das lockere Ensemble von Elfenbeintürmen" aus grauen Betonfertigteilen in der Leipziger Straße, wo er bisher bei seinem Onkel Wanja gewohnt hat. Auch er beginnt sich "zwischen den Zeilen" zu arrangieren und einzurichten. Er bezieht die illegal besetzte Wohnung seiner spurlos verschwundenen neuen Liebe, und beginnt als Briefträger zu arbeiten, genau wie das Friedhofsgärtnern ein kompatibler Job zur Nischenexistenz.
André Kubiczek hat einen klassischen Pubertätsroman geschrieben, der durch die zeitgeschichtliche Einbettung in die letzten Jahre des anderen Deutschlands seine Relevanz erhält. Das Ende der Kindheit fällt zusammen mit dem Ende der DDR. Ob die Anti-Haltung des jugendlichen Helden systemkritisch oder entwicklungsbedingt ist, lässt sich schwer auseinanderhalten. Die lebendigen Beschreibungen der Ostberliner Stadtlandschaften und ihrer Bewohner, der belustigt kritische Blick auf die Prenzlauer Berg Szene, die sich immer so wahnsinnig wichtig genommen hat, machen einen Großteil des Lesevergnügens aus. Zwischen dem "Was bleibt?" und dem "Was gekommen ist" liegt eben immer noch "was war". Man kann sicher sein, das wird noch lange von Interesse sein. Und das Erstaunlichste an Kubiczeks Roman ist: Auch wer nicht in der Deutschen Demokratischen Republik groß geworden ist, wird sich mit dem Helden dieses deutschen Heimatromans identifizieren können.

André Kubiczek: Junge Talente. Rowohlt Berlin, Berlin 2002, 224 S., 16,90 EUR

00:00 22.03.2002

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