Zwischen Durban und Dakar

Senegal Der Bruder des Präsidenten schwimmt plötzlich im Geld: Odile Jolys über einen Ölfund und den Ärger, der daraus folgt
Zwischen Durban und Dakar
Demonstranten in Senegal protestieren gegen den Präsidenten Macky Sall

Foto: Xaume Olleros/Getty Images

Vielleicht sollte das Öl einfach lieber im Boden bleiben? Der Vorschlag einer Bekannten von mir hat was für sich. Sie fürchtet um das friedliche Leben im Land, „das ist das einzig Gute bei uns im Senegal“. Nun aber gibt es Streit. Seit die BBC Anfang Juni über Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Förderrechten für Öl- und Gasfelder vor der Küste berichtet hat.

Im Jahr 2012 vergab die Regierung zwei Explorationsfelder an die Firma PetroTim. Das Unternehmen soll keinerlei technische Expertise gehabt haben, aber dafür gute Verbindungen: Der Bruder des Präsidenten wurde für ein Millionengehalt angeheuert. Und Glück, denn PetroTim fand ein riesiges Öl- und Gasfeld, worauf die Firma Anteile an BP weiterverkaufte. Es geht um viel Geld, man spricht von 10 Milliarden Dollar Förderzinsen über 40 Jahre, die BP an PetroTim und nicht den Senegal zahlen wird.

Zuerst versuchte die Regierung die Affäre totzuschweigen, dann sprach Macky Sall, Senegals Präsident, von einer Privatsache. Es ginge ja nicht um den Staat, sagte er, sondern um eine private Person, seinen Bruder. Das machte viele wütend, denn jedermann weiß: Aliou Sall hat seit dem Amtsantritt seines Bruders eine beachtliche Karriere hingelegt. Bürgermeister einer großen Gemeinde im Großraum Dakar ist er geworden. Direktor des staatlichen Finanzinstituts Caisse des Depots et Consignations. Als die Proteste nicht abebbten, schaltete die Regierung den Generalstaatsanwalt ein. Und Aliou Sall trat als Bankdirektor zurück.

Senegal ist ein Land, das auf seinen Rechtsstaat etwas hält, also wird die Diskussion sachlich geführt. Man spricht über technische Details, wägt die verschiedenen legalen Wege ab. Die Regierung berichtet über alte und neue Gesetze, die den Öl- und Gassektor regulieren sollen.

Die Anhänger des Präsidenten sprechen von einem Komplott: Feinde im Inneren würden mit Hilfe fremder Interessen den Senegal zu destabilisieren versuchen, um seine Ressourcen zu plündern. Man solle Ruhe und Frieden bewahren, das sei patriotische Pflicht. Wohl auch deswegen wurde eine erste Demonstration kurzfristig verboten.

„Sehen sie“, sagte mir einer jener, die sich trotz Verbots versammelten, „Macky Sall bringt das Land auf einen autoritären Kurs.“ Ehrlich gesagt war ich etwas traurig, sie waren so wenige. Wie schaffen sie es nur, dachte ich mir, nicht mutlos zu werden?

Die zweite Demo wird erlaubt. Hat Macky Sall bemerkt, dass er den Skandal nicht totschweigen kann? Oder hofft er auf lauen Protest? Es versammeln sich ein paar hundert Demonstranten. Eine ältere Frau kommt wegen ihrer Söhne. Einer starb im Krankenhaus. „Bei uns wird viel zu oft gestorben“, sagt sie bitter. Ihr anderer Sohn ist in Marokko, arbeitet dort in einem Callcenter, weil er hier trotz Uniabschluss keinen Job findet. Sie steht still da.

Die Demonstranten glauben nicht an Aufklärung durch die hiesige Justiz. „Wissen Sie“, sagt mir einer, „tief in meinem Herz möchte ich, dass die Vorwürfe entkräftet werden. Es ist einfach zu schmerzhaft, das Land ist so arm und nun will eine Clique uns unser Öl und Gas, unsere Zukunft stehlen.“

Odile Jolys ist freie Journalistin in Dakar und schreibt unter anderem für den Evangelischen Pressedienst

06:00 18.08.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1