Zwischen Gagarin und Rambo

Geschichtsrevisionismus Auf der "Russischen Filmwoche" in Berlin präsentierte sich das russische Kino als sehr erfolgreich im Folgen amerikanischer Vorbilder

Die "Russische Filmwoche" überraschte ihre Besucher durch Nichterfüllung - und zwar von Klischees: keine ausgestellt bittere Armut, keine Trinkorgien und keine übertriebene Selbstironie auf der Leinwand des Russischen Hauses in Berlin. Stattdessen demonstrierten die sechs 2005 in Russland gedrehten Filme solides Handwerk sowie exportfähige Unterhaltung. Sie verkünden damit eine frohe Botschaft: das russische Kino ist wieder auf den Beinen. Mehr noch, es scheint zu erreichen, was selbst der deutschen Filmproduktion kaum gelingt - massenwirksame Filme herzustellen, die der Nachfrage des Binnenmarktes entsprechen.

Auch der russische Kunde nämlich sucht im Kino Abenteuer, Action, Spannung - das alles kann man dem Staatsrat (Statskij Sovetnik) nicht absprechen, dem prominent besetzten Aufmacher der Filmwoche. Gedreht nach einem der Fandorin-Krimis des populären Boris Akunin, spielt der Film im vorrevolutionären Russland: Eine Handvoll linker Terroristen organisiert ein Attentat auf einen hochrangigen Beamten der Zarenreichs, und Fandorin, ein attraktives und mit den Weisheiten des Orients vertrautes Pendant zu Hercule Poirot, geht ein Bündnis mit der Gendarmerie ein, um das Verbrechen aufzudecken. Symptomatisch für den heutigen russischen Zeitgeist ist die kleine ideologische Korrektur zum Drehbuch, die angeblich Produzent Nikita Michalkow durchgesetzt hat: Akunins Fandorin wirft zum Schluss seinen Posten in der Gendarmerie hin, der Fandorin im Film bleibt dagegen im Staatsdienst: Dissidenten sind in Russland heute aus der Mode. Angesagt ist die Konsolidierung der patriotischen Kräfte, ein Prozess, in dem der Unterhaltungsindustie eine Schlüsselrolle zugeteilt wird.

Bevor Regisseur Philipp Jankowskij mit dem Staatsrat, seinem zweitem Spielfilm, der Durchbruch gelang, hatte er als Clip-Regisseur gearbeitet. Aus dieser Branche kommt auch Jegor Kontschalowskij, dessen Film Flucht auf dem Festival gezeigt wurde. Die simple Story dieses Psychothrillers entwickelt sich in rasantem Tempo: Einem talentierten Chirurgen wird der Mord an seiner Frau untergeschoben. Er flieht aus der Haft und sucht nach dem richtigen Mörder. Viele Kritiker verweisen auf direkte Parallelen zu einigen amerikanischen Filmen, etwa zu Andrew Davis´ Auf der Flucht. Kontschalowskij leugnet das energisch, unbestritten aber bleibt, dass er sich an der Tradition des amerikanischen Actionkinos orientiert.

Den Abenteuern eines kleinwüchsigen Mannes, der sich eine große Frau wünscht, war die Komödie Ab 180 und größer (Regie: A. Strishenow) gewidmet. Neonlichter verschwimmen in dynamischen Kameraschwenks, viel Farbe, viel Bewegung, viel Lärm - Moskau, das sich von der einst prüden Hauptstadt zu einer bunten, lebendigen Weltmetropole verwandelt hat. Am Ende findet sich der Held von sieben Schönheiten umgeben, die größer als 1,80 und alle dem Wellnesswahn verfallen sind. Fitness, Jogging, Tennis und Ski scheinen der Lieblingszeitvertreib im neuen Moskau zu sein.

Die drei genannten Filme, alles auch große finanzielle Erfolge, verbindet das Streben nach einer für das russische Kino in diesem Sinn neuen "Ästhetik", soll heißen, dem Willen, sich an den Gesetzen des freien Marktes zu orientieren. Die anderen drei Filme des Festivals dagegen stützten sich noch ganz auf Tradition des Sowjet-Kinos mit seinen schwierigen moralischen Dilemmata und jener wahren Liebe, mit der das Gute immer belohnt wird.

Der sowjetischen Ästhetik am nächsten kam dabei der renommierte Regisseur Sergej Goworuchin mit seiner Schwarzweiß-Verfilmung des Tauwetter-Romans Nicht nur vom Brot allein. Mut und Talent werden dem Helden, einem begabten Erfinder, im sozialistischen Staat zum Verhängnis: seine Erfindung wird ihm weggenommen, er kommt ins Lager, wo ihm großzügig erlaubt wird, auch weiterhin zum Wohle der Volkswirtschaft zu erfinden - anonym. In der Bewertung dieser filigranen Hommage an die sowjetischen Betriebsdramen war die russische Kritik jedoch geteilter Meinung; selbst jene, die den Film langweilig und rückwärtsgewandt finden, priesen jedoch die handwerkliche Perfektion der Produktion. Gelobt wurde vor allem die gelungene Nachahmung der stilistischen Askese der fünfziger Jahre und die exzellente Kameraarbeit von Jurij Klimenko.

Letzterer stand auch für Kosmos als Vorahnung (Regie: Alexej Utschitel ) hinter der Kamera. Hier spielt die Handlung in einer nördlichen sowjetischen Hafenstadt kurz vor Gagarins Weltraumflug. Der Held Viktor, ein unkomplizierter, offenherziger Junge von nebenan, fristet ein sorgloses Dasein im bescheidenen sozialistischen Paradies, bis er auf einen Fremden trifft, der die Flucht über das Meer nach Westen plant. Viktor hängt sich an den zielstrebigen, geheimnisvollen German. Für ihn ist diese Begegnung eine Art Reifeprüfung und Warnung: die Flucht in die Fremde erweist sich als lebensgefährliche Sackgasse. Viktors Fahrt nach Moskau dagegen endet mit jener Zukunftseuphorie, mit der die Sowjets 1961 die Rückkehr ihres Gagarin aus dem Weltall feiern.

Der auf dem Moskauer Filmfestival 2005 preisgekrönte Film war zweifelsohne das interessanteste Werk der Filmwoche. Utschitel fällt kein Urteil über die vergangene Epoche, und das hilft ihm, die emblematischen Figuren des sozialistischen Realismus aus ihren Klischees zu lösen. So ist German mit seinen typischen Dissidenten-Attributen (Transistorradio, Zigarre, Englisch) weder Feind noch Märtyrer, sondern ein menschlicher Charakter. Der etwas eindimensionale Viktor denunziert ihn zwar, doch Regisseur und Zuschauer vergeben ihm großzügig: Er bleibt Sympathieträger. Noch vor zehn Jahren wäre das unvorstellbar gewesen.

Auch im Film Zeit, die Steine aufzulesen hat der geschichtliche Abstand die Akzente in der Darstellung neu gesetzt. Die Handlung beginnt in den deutschen Ruinen 1945. Ein Leutnant der Wehrmacht, der im okkupiertem Russland Minen gelegt hat, wird von Schuldgefühlen verfolgt und kehrt ins zerstörte Russland zurück, um bei der Entschärfung zu helfen. Ein russischer Hauptmann begleitet ihn auf seiner Reise; die Annäherung der beiden, eigentlich erbitterte Feinde, macht die Geschichte des Filmes aus. Das Drehbuch ist bereits vor 25 Jahren entstanden, damals aber war eine Szene mit einem sowjetischen Offizier, der einem Wehrmachtsoffizier die Hand drückt, noch schlicht unmöglich. Der Film ist trotz einiger handwerklicher Mängel anrührend. Mit seiner pazifistischen Botschaft steht der Film allerdings etwas abseits des heutigen russischen Mainstreams. Schließlich feiert in Russland gerade ein Film mit dem Titel Die neunte Kompanie Triumphe. Darin rücken schwerbewaffnete russische Rambos im Nachhinein den Afghanistan-Krieg zurecht.


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00:00 02.12.2005

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