Zwischen Hölle und Himmelreich

Donezk In der umkämpften Stadt wird bei einem Konzert Franz Schuberts „Ave Maria“ zu Gehör gebracht wie ein Ruf nach Gnade und Barmherzigkeit
Jens Malling | Ausgabe 44/2016 3

Viele Konzertbesucher räuspern sich, andere bitten ihre Kinder, ruhig zu sein. Über dem gut gefüllten Saal liegt zurückhaltende Erwartung. In einer Stadt wie Donezk, gezeichnet vom sich hinschleppenden Krieg um den Donbass, ist der Wunsch nach den schönen Künsten nicht erloschen. Ganz im Gegenteil und erst recht, wenn ukrainische Regierungstruppen teilweise unweit der Stadtgrenze stehen und der Konzertsaal nicht genug abgeschirmt ist gegen das Dröhnen der Artillerie. Wenn die Erde schwankt und das Feuer von Horizont zu Horizont fliegt.

Eine Ansagerin kündigt das Lied an, auf das alle an diesem späten Nachmittag zu warten scheinen: das Ave Maria von Franz Schubert. Gedämpftes Flüstern und Schweigen und dann Wladimir Gamar, der erste Geiger des Streichquartetts, wie er die Saiten zupft, während die Sopranistin Karina Amirchanjan ihre Stimme erhebt, als sollte es ein Appell um Gnade und Barmherzigkeit für eine bedrängte Stadt sein: Ave Maria! Erhöre einer Jungfrau Flehen / Aus diesem Felsen starr und wild soll mein Gebet zu dir hinwehen / Wir schlafen sicher bis zum Morgen / Ob Menschen noch so grausam sind / O Jungfrau, sieh der Jungfrau Sorgen, O Mutter, hör ein bittend’ Kind! Ave Maria!

Als der Gesang verklungen ist, regt sich zunächst gar nichts. Nach Sekunden erst steigt vereinzelter Applaus in die Deckenbögen über dem Saal – bis der Beifall nicht mehr abreißt.

Bei einem Empfang hinter der Bühne feiern die Musiker, dass die Vorstellung so viel Eindruck hinterließ und der beliebte Wladimir Gamar gerade 70 Jahre alt wurde. Inmitten von Chaos und Ungewissheit bot das Konzert Zerstreuung und Vergessen. „Ihr Musiker seid meine Freunde. Ich bin mit euch, und ihr seid mit mir. Es gibt eine wunderbare Atmosphäre in unserem Orchester. Wir helfen einander und nehmen das Leben miteinander an“, sagt Gamar bei seinem Trinkspruch.

Sehr allein

Im provisorischen Partyraum wimmelt es von Requisiten, Kostümen und Kästen für die Instrumente. Fast sein ganzes Berufsleben hat der distinguierte Jubilar hier in der Donezker Philharmonie verbracht. Als die Kämpfe zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Nationalisten im Frühjahr 2014 ausbrachen, flohen Hunderttausende aus der Region, aber Gamar dachte nicht daran, seine Heimatstadt und das Ensemble zu verlassen. „Ich war die ganze Zeit hier. Ich bleibe, indem ich auftrete und spiele. Nicht ein einziges Mal haben wir ein Konzert abgesagt.“ Inzwischen würden derartige Veranstaltungen im belagerten Donezk früher als üblich beginnen, spätestens 16 Uhr. „Da zumeist abends geschossen wird, kann es für die Zuhörer gefährlich sein, dann nach Hause zu fahren. Fangen wir zeitig genug an, besteht ein geringeres Risiko. Außerdem gilt ab 23 Uhr eine Ausgangssperre.“ Olga, Wladimirs Frau, die Cellistin im Quartett, verteilt Schokolade und noch mehr Sekt an eine sichtlich größer werdende Runde.

Vor dem Krieg galt das Donezker Sinfonieorchester als Klangkörper ersten Ranges, der auch manchen ausländischen Künstler anzog. „Früher kamen viele Musiker zu uns – aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Japan, den Niederlanden. Mit den Deutschen haben wir ein Bachfestival bestritten“, erinnert sich Wladimir, dem der Kontakt zur internationalen Musikszene fehlt. „Wenigstens kommen ab und zu Musiker aus Russland, leider zu selten. Wir fühlen uns im Augenblick sehr allein.“ Da sei man auf sich selbst angewiesen und für Zusammenhalt im Ensemble dankbar. Diese Nähe im Umgang miteinander lasse sich ebenso unter den bedrängten Einwohnern spüren. „Früher war das Leben hier roher und oberflächlicher. Oft tranken die Menschen viel und verhielten sich rücksichtslos. Das ist mit der allgemeinen Bedrängnis wahrlich verflogen. Auf den Straßen, in Geschäften oder in den Trolleybussen, wo das kaum üblich war, hilft man sich plötzlich. Ich denke, es hat mit der seelischen Not der Menschen zu tun. Zu viele sind gestorben, zu viele verarmt. Andere vermissen ihre Familien, die in Gegenden der Ukraine leben, die dem Donbass verschlossen sind.“

In den Rücken getroffen

Unweit des Donezker Konzerthauses humpelt Jegor Weprew auf Krücken durch die Universitetskaja-Straße. Auf den ersten Blick scheint das linke Bein eine Prothese zu sein, bei näherem Hinsehen erkennt man jedoch einen starken Gipsverband. Der 35-Jährige hat für die Separatisten und gegen die ukrainische Armee gekämpft. Vor einem Monat ist er zum zweiten Mal verwundet worden. „Ich wurde an den Beinen und im Rücken getroffen. Unsere Stellung lag gut tausend Meter außerhalb von Schirokino“, erzählt Jegor und erwähnt einen der gerade am heftigsten umkämpften Orte, ein fast vollständig zerstörtes Dorf östlich der Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer. Seine gesprenkelte Militäruniform trägt Jegor weiter. Die Insignien auf der linken Schulter bezeugen die Loyalität zur DNR, zur Volksrepublik Donezk. Wie die andere Entität, die Volksrepublik Lugansk, ist sie Teil der angestrebten Neuordnung in der Ostukraine.

„Aber was nutzen uns die beiden Republiken? Wir kämpfen für unser Land und unser Volk, für Noworossija“, erregt sich Jegor und verwendet den umstrittenen Begriff für ein historisches Terrain, das sich entlang der Schwarzmeerküste im Süden der Ukraine bis nach Odessa erstreckt. „Ich habe mich freiwillig gemeldet, um in einem Land leben zu können, das unser Recht garantiert, Russisch zu sprechen. Als die Sowjetunion noch existierte, waren wir ein vereintes Land. Es gab keinen aggressiven Nationalismus, wie er nun die Ukraine beherrscht. Man konnte frei zwischen den Republiken reisen, keiner störte sich daran, welcher Nationalität jemand angehörte.“

An seiner linken Brust hängen Tapferkeitsmedaillen. Jegor legt die große Hand darauf. „Die hier ist für die Verteidigung von Slowjansk. Strelkow hat sie mir gegeben.“ Jegor gebraucht den Nom de Guerre des Kommandeurs Igor Girkin, der Slowjansk in einer frühen Phase des Krieges besetzte und wieder verlor. „Und diesen Orden bekam ich von Wladimir Kononow“, gemeint ist der heutige Verteidigungsminister der Donezker Republik.

Jegor stand mit seiner Einheit am Saur Mogila, einem strategisch wichtigen Höhenzug, um den im Sommer 2014 eine Schlacht entbrannte. „Viele von unseren Leute starben. Wir hatten es schwer, weil die Ukrainer mit ihrer Artillerie gute Positionen bezogen hatten und eine Feuerwalze auf uns zurollte. Was wir an Waffen hatten, konnte sich nicht mit dem messen, was sie hatten.“

Völlig ausgebrannt

Am Saur Mogila wurde Jegor erstmals verwundet und lag Wochen in einem russischen Lazarett. „Als ich entlassen wurde, wollte ich zurück an die Front – auch diesmal will ich das. Noch dauert es, aber irgendwann werden meine Beine wieder in Ordnung sein. Ich habe keine Angst, ein drittes Mal verwundet zu werden.“ Sagt Jegor, erhebt sich mit Mühe von einer Bank und wankt an seinen Krücken durch den Park.

Herbstnebel brodelt über den Dächern von Donezk. Fast den ganzen Tag weht ein feuchter Wind, auch am Leichenschauhaus, in dem der Rechtsmediziner Dmitrij Kalaschjow mit seiner Schürze vor einem Obduktionstisch steht. „Der Tod ist durch Granatsplitter eingetreten.“ Er unterdrückt einen Seufzer, fährt dann nüchtern und sachlich fort. „Sie sind an mehreren Stellen in den Körper eingedrungen, auch am Schädel, deswegen die erhebliche Schädigung im Gesicht.“ Das Ergebnis der Obduktion wird ergänzt durch den Bericht über die Todesumstände. „Der Mann saß in einem Auto, das von einer Granate getroffen wurde und danach völlig ausbrannte. Wir fanden Verbrennungen am Körper, die erst nach seinem Tod entstanden sind“, erklärt Kalaschjow regungslos.

Dann führt er durch seine Abteilung im Kalinin-Krankenhaus, anschließend über das Gelände des Hospitals. Keines der Gebäude hat es unbeschadet durch den Krieg geschafft. Brandspuren an einigen Fassaden werden sichtbar, geborstene Fensterkreuze, mit Brettern vernagelte Türen.

Gleich wird Kalaschjow noch die Leichen von vier Zivilisten untersuchen, die außerhalb von Donezk gestorben sind. Wie es heißt, warteten sie darauf, die Demarkationslinie zwischen dem Donezker Gebiet und der Ukraine überqueren zu dürfen. „Die Schlange am Kontrollposten war offenbar sehr lang, als einige Granaten einschlugen, die vermutlich für das Dorf Jelenowka bestimmt waren“, sagt der Mediziner über einen Angriff, der nach Angaben der OSZE-Beobachter aus südwestlicher Richtung – das bedeutet, von der ukrainischen Seite – kam. Dass er immer wieder Totenscheine für Opfer einer gescheiterten Waffenruhe ausstellen müsse, sei für ihn leider Alltag. „Es sollte anders sein, wenn mehr als 10.000 Menschen ums Leben gekommen sind in dieser Gegend.“ So seien in sein Krankenhaus auch Opfer der Katastrophe am 17. Juli 2014 gebracht worden, als ein Flugzeug auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Kriegszone abgeschossen wurde. 298 Menschen starben.

Und dann erwähnt der Pathologe noch das Bestattungsunternehmen nur ein paar Schritte von seiner Klinik entfernt. Erst kämen die Menschen zu ihm, um jemanden – meistens aus der Familie – zu identifizieren, und dann müssten sie sich der traurigen Beschäftigung unterziehen, einen Sarg auszusuchen.

Jens Malling ist ein dänischer Journalist, der die Ostukraine mehrere Wochen lang bereist hat

06:00 16.11.2016

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