Zwischen Internet-Café und Rechtlosigkeit

FRAUEN IM IRAN Chahla Beski über Zivilcourage als Frauenalltag im Iran

Chahla Beski beteiligte sich 1979 an den Protesten gegen das Schah-Regime, ging aber, enttäuscht von der islamischen Revolution, 1983 ins Pariser Exil. Dort ist sie Mitarbeiterin der "Agence pour le Development des Relations Interculturelles".

FREITAG: Wie stellt sich derzeit die Lage der Frauen im Iran dar?

CHAHLA BESKI: Sehr vielfältig und sehr widersprüchlich. Immer noch werden Frauen inhaftiert, die den Tschador nicht vorschriftsmäßig tragen, beispielsweise ihren Haaransatz sehen lassen. Frauen, die ohne Begleitung in öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, werden beschimpft. 1979 war der Tschador für viele Frauen die erste Möglichkeit, ihre Häuser alleine zu verlassen und ohne männliche Begleitung auf die Straße zu gehen und ihren Protest zu äußern. Erst als der Tschador unter Chomeini obligatorisch wurde, sah man in ihm ein Symbol für die Unterdrückung. Heute wollen viele Frauen, vor allem intellektuelle, ihn nicht mehr tragen, sie wollen selbst entscheiden, wie sie sich kleiden. Aber es gibt keine einheitliche Frauenbewegung, die Frauengruppen wurden 1979 alle verboten. Die kritischen, weltlich orientierten Frauen, die sich jetzt regen, vertreten vielfältige und auch widersprüchliche Forderungen.

Nun gilt aber die derzeitige Regierung des Iran im Westen als eher reformorientiert.

Das ist eine sehr einseitige, nicht frauenorientierte Sicht. Was die Rechte der Frauen angeht, gibt es quasi keine Fortschritte. Im Gegenteil, erst im vergangenen Jahr ist ein Gesetz verabschiedet worden, das bestimmt, dass Frauen nur zu weiblichen Ärzten und Männer nur zu männlichen Ärzten gehen dürfen. Da es aber nur sehr wenige Ärztinnen gibt, ist die Gesundheitsversorgung der Frauen sehr schlecht. Andererseits halten sich aber einige Frauen nicht an das Gesetz, teils aus Notwendigkeit, teils, weil sie das Gesetz nicht befolgen wollen. Es gibt reformerische Kräfte in der Regierung, aber sie können sich nicht gegen die Islamisten durchsetzen.

Welche Forderungen erheben die Frauen jetzt im Iran?

Man muss bedenken, dass es keine einheitliche Frauenbewegung gibt, sondern sehr traditionelle Frauen und sehr widerständige Frauen. Beispielsweise ist das Gesetz über die ärztliche Versorgung ausgerechnet von den Frauen, die im Parlament sitzen, beantragt worden. Es gibt ja einige Frauen im Parlament, aber es ist kein demokratisch zusammengesetztes, und die Frauen dort sind sehr angepasst. Die widerständigen Frauen fordern vor allem die Abschaffung der Polygamie. Sie fordern, dass auch Frauen die Scheidung einreichen dürfen, was bislang nur den Männern erlaubt ist. Sie fordern, dass sie sich kleiden dürfen, wie sie wollen. Sie fordern, dass Frauen Richterinnen werden dürfen, was verboten ist. Sie fordern, an den Olympischen Spielen teilnehmen und alle Sportarten ausüben zu dürfen, die sie wollen. Iranischen Frauen sind nur Sportartenerlaubt, bei denen sie vollständig verhüllt sind. Die Einschränkungen für die Frauen sind eben nach wie vor enorm.

Wie sehr orientieren sich vor allem junge Frauen an europäischen und amerikanischen Frauenbildern oder am westlichen Konsumverhalten?

Viele junge Frauen in den Städten halten sich nicht mehr an das Verbot, amerikanische oder europäische Fernsehsender zu gucken. Immer mehr Frauen gehen sogar in die Internet-Cafés, obwohl es ihnen nicht erlaubt ist. Sie wehren sich gegen die Uniformisierung durch den Tschador, indem sie ihn nicht ganz korrekt anziehen. Sie schminken sich. Aber das ist immer noch sehr gefährlich. Insofern sind sie schon aufmüpfig, sie akzeptieren viele der Einschränkungen nicht, denen sie unterworfen sind. Aber sie erheben nicht explizit die politischen Forderungen meiner Generation.

Wie sehen Sie die Chancen, dass sich die Lage der Frauen im Islam verbessert?

Meiner Ansicht nach ist das islamistische Projekt gescheitert. Doch auch die Reformer in der Regierung sind an der Frauenfrage nicht besonders interessiert. Aber die Frauen sind sehr wichtig zu ihrer Unterstützung, und das werden sie auch noch merken. Ich bin sicher, dass sie langfristig nicht darum herumkommen, den Frauen mehr Rechte zu geben.

Das Gespräch führte Ulla Lessmann

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