Zwischen Karneval und Widerstand

London Im Zeichen der Grenfell-Katastrophe kehrt der "Notting Hill Carnival" zu seinen politischen Wurzeln zurück
Zwischen Karneval und Widerstand
Grenfell ist überall beim "Notting Hill Carnival"
Foto: Tolga Akmen/AFP/Getty Images

Die schwarze, nackte Ruine des Grenfell Towers steht wie ein stummes Mahnmal über North Kensington, unweit des Londoner Stadtteils Notting Hill. Mindestens 80 Menschen kamen in den Flammen des 14. Juni ums Leben, viele mehr wurden verletzt. Die genaue Opferzahl steht noch immer nicht fest. Fast zwei Monate nach der Katastrophe wohnen viele Überlebende weiterhin in Notunterkünften. Doch während die letzten Glutnester noch erloschen, kamen die ersten Fragen auf: Nach den Brandursachen; der Rolle der Rettungsbehörden, die die Bewohner gebeten hatte, im Gebäude zu bleiben; aber vor allem nach der Verantwortung der Bezirksverwaltung und dem Umgang des Staates mit denjenigen, die sich Wohnungsmieten von über 2000 Pfund im Monat in einem von Londons teuersten Boroughs nicht leisten können.

Restlos beantwortet sind viele dieser Fragen bisher nicht, manche werden es wohl nie sein. Doch die Wunden, die der Brand in der Community von Grenfell geschlagen hat, sind tief. Nirgendwo war dies zuletzt so deutlich zu spüren, wie beim berühmten Notting Hill Carnival. Das bunte Treiben, das alljährlich Millionen von Besuchern ins westliche London lockt, hat mit alldem, so mag man glauben, nur wenig zu tun. Doch der Eindruck täuscht.

Denn Grenfell ist hier überall. Viele der Opfer waren über Jahre hinweg aktiv am Umzug beteiligt. An beiden Tagen des Karnevals gab es für sie eine Schweigeminute. Um Punkt drei Uhr Nachmittags verstummten die vielen Trillerpfeifen, Trommeln und Lautsprecher, die bunte Menge hielt inne, als Zeichen des Respekts und der Solidarität. In der Nähe des Turmes konnten sich Angehörige in einen ihnen vorbehaltenen Bereich zurückziehen, die vorbeifahrenden Wagen dämpften dort ihre Musik. Touristen wurden im Vorfeld gebeten, aus Respekt keine Selfies mit sich und dem Turm zu machen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch offenbar eine, die der Erinnerung bedurfte. Sadiq Kahn, der Bürgermeister, ließ am Morgen des ersten Tages mit den Bewohnern weiße Tauben in den Himmel steigen. Premierministerin May und andere Politiker hingegen bleiben der Veranstaltung fern. Vermutlich wären sie mit Pfiffen empfangen worden — den Pfiffen derjenigen, die ansonsten keine Stimme haben.

Zurück zu den politischen Wurzeln

Am augenfälligsten jedoch ist das Grün. Ob als Schriftzug, als T-Shirt, Sticker oder Banner, überall erinnerte die Farbe an das Unglück — oder den institutionellen Mord — wie manche hier sagen: weil das reiche Council of Kensington and Chelsea 300 000 Pfund an einer Verkleidung sparen wollte, die den Turm vor allem für die reicheren Anwohner des Viertels optisch aufgewertet habe. Einige Tausend Pfund, während im gleichen Zeitraum zwei Häuser im Besitz des Council für mehrere Millionen Pfund verkauft wurden. “Dem Council sind wir vollkommen egal. Wir stören hier doch nur die Idylle der Reichen”, sagt Nicole, eine Anwohnerin. Dass der Karneval den Opfern des Brandes gewidmet ist, begrüßt sie. “Das ist unser, aber auch ihr Fest. Während des Karnevals schaut die ganze Welt auf Notting Hill. Wie sonst sollen wir auf unsere Lage aufmerksam machen?”

Mit den zahlreichen Verweisen auf Grenfell ist der Karneval auch entschieden dahin zurückgekehrt, wo er einst begann: eine Veranstaltung mit dezidiert politischem Kern. Denn während der Umzug, gegründet 1959 als Feier der Gleichberechtigung nach rassistischen Ausschreitungen, zwischenzeitlich mehr wie ein großes, harmloses Volksfest erschien, wurde er in seiner Geschichte immer wieder auch zum Ausdruck der Spannungen zwischen der mehrheitlich von ehemaligen Einwanderern geprägten lokalen Bevölkerung und dem Staat.

Konservative stilisieren den Umzug zur Gefahr

Besonders nach Grenfell kann die ausgelassene Stimmung nicht länger über diese Spannungen hinwegtäuschen. Obwohl statistisch betrachtet genauso sicher wie ähnliche Großveranstaltungen, stellen die Polizei sowie konservative Medien und Politiker den Umzug immer wieder als höchst gefährliche Veranstaltung dar, die schleunigst verboten oder verlegt gehöre. Während sich die Anwohner wünschten, dass der Karneval trotz der Brandkatastrophe stattfinden möge, forderten konservative MPs wie Greg Hands, er gehöre angesichts des Unglücks ausgesetzt.

Immer wieder steht dabei auch der Vorwurf des impliziten Rassismus im Raum. Groß angelegte Razzien in der schwarzen Community im Vorfeld des Karnevals veranlassten den beliebten Rapper Stormzy zur wütenden Frage, ob man auch ähnlich gegen die — mehrheitlich aus der weißen Mittelschicht stammenden — Besucher des Glastonbury-Festival vorgegangen sei. Die hohe Polizeipräsenz und der von Menschenrechtsgruppen als „racial profiling“ gerügte Einsatz von Gesichtserkennungssoftware während des Karnevals trugen ihr Übriges bei. Wen wundert es da, dass viele Beteiligte und Anwohner weder dem Staat noch der Polizei oder den Medien trauen.

Dass der Umzug am Ende stattfand, ist nicht zuletzt dem lautstarken Protest der lokalen Bevölkerung zu verdanken — zumindest desjenigen Teils, der sich nicht hinter hohen Bretterzäunen in den durchgentrifizierten Bereichen des Viertels verschanzt hatte. Joseph, der nur einen Steinwurf vom Grenfell Tower entfernt wohnt und am Karneval einen Essensstand hat, ist froh darüber. “Wir brauchen den Karneval. Er gehört zu uns.” Den Umzug nach dem Unglück zu verbieten wäre seiner Meinung nach der falsche Weg gewesen. "Für uns ist das wichtig, um das Geschehene zu verarbeiten. Und um ein Zeichen zu setzen.”

Der Notting Hill Carnival, er hat sich durch Grenfell weiterentwickelt. Nicht länger nur ein Fest der Lebensfreude, steht er jetzt auch für den Zusammenhalt und trotzigen Widerstand derjenigen, für die Westminster allzu oft nur wenig übrig hat.

Felix Simon, geboren 1993 in Aschaffenburg, aufgewachsen in Hessen mit österreichischem „Migrationshintergrund“. Studium der Film- und Medienwissenschaft und Anglistik an der Goethe-Universität Frankfurt, anschließend Masterstudium am Oxford Internet Institute der University of Oxford. Er lebt und arbeitet in London und twittert unter @_FelixSimon_.

13:57 07.09.2017

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