Zwischen Kaserne und Grandhotel

Asyl Flüchtlinge werden in Deutschland ganz unterschiedlich untergebracht. Zu Besuch in München und Augsburg
Rudolf Stumberger | Ausgabe 38/2014 2

Weit weg liegt die Bayernkaserne, draußen im Münchner Norden, zwischen Sozialwohnungen, Kläranlage und Straßenstrich. Heute ist die Gegend im Ausnahmezustand. Auf der Straße sind Polizisten auf Pferden unterwegs, in einer Seitenstraße sitzen Zivile in ihrem dunkelblauen Passat, ein paar Meter weiter stehen die Absperrgitter. Die Bürgerinitiative Ausländerstopp (BIA) hat Kundgebungen angekündigt, gegen das Erstaufnahmelager für Asylbewerber. Manchmal bis zu sechs in einer Woche.

Immer mehr Flüchtlinge suchen derzeit Schutz in Deutschland, doch der Staat ist darauf offenbar nicht vorbereitet. Besonders dramatisch ist die Situation in Bayern: Die Aufnahmelager für Flüchtlinge sind hoffnungslos überfüllt, der Freistaat rechnet in diesem Jahr mit 33.000 Neuankömmlingen – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Das Rote Kreuz bezeichnet die Zustände in den Aufnahmelagern gar als „humanitäre Katastrophe“. Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisiert, die Situation sei hausgemacht: „Die aktuelle Situation ist die Quittung für die kurzsichtige Asylpolitik der letzten Jahre und ein einziges Armutszeugnis für die bayerische Staatsregierung.“ Derweil kochen Rechtsextreme rund um die Asylbewerberheime ihr braunes Süppchen. Doch es geht auch anders, wie ein Vergleich der Flüchtlingsunterbringung in München und Augsburg zeigt.

In dem Viertel der Münchener Bayernkaserne wohnen kaum Ärzte oder andere Akademiker, sondern Kraftfahrer, Arbeiter, Angestellte. Erwin K. zum Beispiel. Seit einem Herzinfarkt ist er berufsunfähig und viel zu Hause in seiner kleinen Drei-Zimmer-Wohnung. Vor seiner Tür hat sich viel verändert in den vergangenen zehn Jahren, heute wohnen in seiner Nachbarschaft vor allem Menschen mit Migrationshintergrund. „Ausländer“ würde Erwin K. sagen.

Wer die Straße hinuntergeht, trifft ganz sicher auf Ausländer. „Erstaufnahmelager für Asylbewerber“ ist auf einem grünen Schild am Eingang der ehemaligen Kaserne zu lesen. Hier sind derzeit hauptsächlich Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und Äthiopien untergebracht. Es sind meist jüngere Menschen, sie sitzen auf dem Rasenstreifen vor der Kaserne, versammeln sich an den Bushaltestellen, gehen auf und ab. Sie sind nicht zu übersehen.

Das berühmte Boot

In der Bayernkaserne sind mehr als 2.000 Flüchtlinge untergebracht, eigentlich ist die Einrichtung für 1.400 Personen gedacht. In den Garagen wurden schon Notbetten aufgestellt. Dann brachen die Masern aus und die Behörden verhängten einen befristeten Aufnahmestopp. Auch rund um die Flüchtlingsunterkunft ist die Lage angespannt, Bürger beschweren sich beim zuständigen Bezirksausschuss, zum Beispiel über das Urinieren in den Büschen. Oder über das Benehmen mancher Flüchtlinge. Da auf dem Kasernengelände vollständiges Alkoholverbot herrscht, trinken Grüppchen vor der Kasernenmauer ihr Bier.

Samstagmittag, nur ein paar Straßenecken entfernt. Drei rechtsradikale Aktivisten stehen auf dem Gehsteig, umgeben von Absperrgittern und vielen Polizisten. Auf einem Flugblatt heißt es, der „Zustrom“ immer neuer „Zuwanderermassen“ sei „völlig außer Kontrolle geraten“. Viele der Flüchtlinge – in Anführungszeichen geschrieben – kämen aus Afrika. „Müssen wir darauf warten, bis die Todesseuche Ebola eingeschleppt wird?“

Karl Richter, bayerischer NPD-Vorsitzender und einziger Stadtrat der „Bürgerinitiative Ausländerstopp“, plärrt seine üblichen Parolen in das Mikrofon: „Das Boot ist voll“; die „Gutmenschen“ sollten die Flüchtlinge zu Hause bei sich aufnehmen, dann würden sie schon sehen; es gehe um die Zukunft der Deutschen. Doch seine Rede geht unter im Pfeifkonzert der Gegendemonstranten. „Nazis raus“ steht auf einem großen Plakat, und auf einem anderen: „Zu Risiken und Nebenwirkungen von rechter Propaganda lesen Sie ein Geschichtsbuch oder fragen Sie Ihre Großeltern.“

Doch nicht immer führt die Aufnahme von Flüchtlingen zu Konflikten. Wenn sich Bürger für ihre neuen Nachbarn engagieren, kann es auch ganz anders laufen, wie an einem Projekt in Augsburg zu sehen ist.

Das Zimmer in der vierten Etage trägt den Namen „Utopia“. Von hier aus kann man weit über die Altstadt blicken. Das Hotelzimmer ist in schlichtem Stil eingerichtet, mit Möbeln der 1950er Jahre und einer künstlerischen Note. Wie auch das Zimmer „Innen und Außen“ ein Stockwerk höher. Hier geht in einer Raumecke ein Mann durch die Wand – als Skulptur. Jedes der Zimmer wurde von Künstlern individuell gestaltet. Willkommen im „Grandhotel Cosmopolis“.

Im Erdgeschoss ist ein Café, an dessen Wand fünf Uhren unterschiedliche Zeiten anzeigen – von Flüchtlingsorten wie Lampedusa, Gaza oder Manila. In diesem ehemaligen Altenheim sind nämlich auch Flüchtlinge untergebracht – direkt neben den Künstlerateliers, dem Café, dem Restaurant und den Hotelzimmern. Künstler und Aktivisten haben sich zusammengetan, um den Flüchtlingen ein besseres Leben zu ermöglichen. Im Konzept der Initiatoren heißen sie „Hotelgäste mit Asyl“.

Noch sind diese Gäste aber auf der Suche nach Asyl, ihr Antrag ist bei der Regierung von Schwaben in Bearbeitung. Rund 60 Flüchtlinge leben hier auf drei Etagen. Darunter viele Familien aus Tschetschenien und Syrien. Gekocht wird in Etagenküchen, Bad und WC sind auf dem Flur. Ein wenig erinnert das „Grandhotel“ an das Flüchtlingshotel „Savoy“ in Joseph Roths gleichnamigem Roman aus den 1920er Jahren.

Kreisel mit Kindern

Zu den Bewohnern gehören auch die Kreativen, die hier mietfreie Wohn- und Arbeitsräume bekommen. Zum Beispiel Martin Beckers. Jeden Tag kommt er ins Hotel. Als „Artist in Residenz“ bezeichnet er sich, wenn er in seinem Atelier im Erdgeschoss „spielerische Architekturmodelle“ entwirft und den Kindern der Asylbewerber das Schnitzen beibringt. Oder wie man mit einem Plastikflaschenverschluss und einem Schaschlik-Stäbchen aus Holz einen kleinen Kreisel bastelt.

Das Projekt funktioniert nur durch das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen. Joachim zum Beispiel ist seit einem halben Jahr dabei. Der 51-jährige Handwerker verlegt Böden und macht den Innenausbau. „Das ist doch ein interessantes Projekt“, sagt er. 25 Arbeitsstunden hat er gespendet, darüber hinaus arbeitet er zu reduziertem Lohn. Unterstützt wird das Projekt von der Diakonie Augsburg. Ihr gehört das Gebäude, das vorher leer stand. Für die Umbauarbeiten hat sie 340.000 Euro zur Verfügung gestellt.

Nur: Für die Flüchtlinge und ihre Unterkunft fühlen sich sowohl die Projektgruppe als auch die Bezirksregierung von Schwaben verantwortlich. Und die schiebt auch schon mal Flüchtlinge ab. Das können auch die Aktivisten nicht verhindern.

Wenn künftig mehr Asylbewerber nach Deutschland kommen, können Projekte wie das in Augsburg zum Vorbild werden. Denn so zeigen Bürger den Politikern, die immer nur über Abschottung diskutieren, was Integration konkret bedeutet und wie man sie erreichen kann. Damit sich die Flüchtlinge in Deutschland willkommen fühlen.

Rudolf Stumberger arbeitet in München und schrieb im Freitag zuletzt über eine Fotografie-Ausstellung zum Bundesnachrichtendienst

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06:00 01.10.2014

Ausgabe 38/2020

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