Zwischen Mafia und Mahatma

Das Urteil von Mumbai Indiens Traumfabrik Bollywood verliert einen Star, ehrt einen Nationalhelden und kokettiert mit dem organisierten Verbrechen

Vierzehn Jahre hat das Tribunal getagt. Ein Sondergericht in Mumbai, dem früheren Bombay, bringt Anfang August einen Mammutprozess zu einem dramatischen Ende, der in der Rechtsgeschichte Indiens seinesgleichen sucht. Vor den Richtern stehen 123 Angeklagte und hören ihr Urteil. Fast alle sind Muslime - ihnen wird vorgeworfen, im März 1993 ein verheerendes Bombenattentat verübt zu haben, das ebenfalls seinesgleichen sucht.

Bei zwölf schweren Explosionen, die seinerzeit im Herzen der 20-Millionen-Stadt Hotels, Banken und Bürohäuser in Schutt und Asche legten, waren 257 Menschen getötet und mehr als 1.400 verletzt worden. Nach 700 Zeugenaussagen und etwa 35.000 Seiten Beweismaterial spricht das Gericht 100 Angeklagte schuldig, als Verschwörer oder Unterstützer am Terrorkomplott vor 14 Jahren beteiligt gewesen zu sein - gegen zwölf wird die Todesstrafe verhängt, gegen 20 lebenslange Haft.

Die mutmaßlichen Auftraggeber des Kapitalverbrechens haben es bis heute verstanden, sich dem Zugriff der Justiz zu entziehen. Es soll sich vorzugsweise um Top-Mitglieder der "Firma" handeln, jener übermächtigen, muslimisch dominierten Mafia, die seit mehr als zwei Jahrzehnten Indiens Mega-City beherrscht. Als Patron dieses Netzwerks gilt der 51-jährige "Don" Dawood Ibrahim - dessen rechte Hand, ein "Tiger Memon" genanntes Subjekt, wird als Schlüsselfigur der Anschläge vor 14 Jahren gehandelt.

Terror hat keine Religion

Alles spricht dafür, dass die Attentate vom März 1993 ein Vergeltungsschlag für die grausame Ermordung von mehr als 2.000 Muslimen wenige Monate zuvor waren, als sich ein fanatisierter Hindu-Mob, aufgehetzt von der damals in Bombay regierenden radikal hinduistischen Shiv Sena-Partei Bal Thackereys, nach der Zerstörung des Babri Masjid in einen Amoklauf stürzte. Einen anschaulichen Eindruck von den Ereignissen jener Zeit vermittelt Suketu Mehta in seinem Roman Bombay - Maximum City, in dem er sich von einem der Täter beschreiben lässt, wie man Jagd auf Muslime macht und wie man sich fühlt, "einen Menschen brennen zu sehen, den man selbst angezündet hat".

Große Teile der Polizei ließen damals den lynchenden Hindu-Gangs freie Hand, die auch nach dem Pogrom unter politischem Schutz standen. "Don" Dawood Ibrahim - haben Zeugen vor Gericht ausgesagt - lebte stets in dem Glauben, der Einzige zu sein, der die Bluttat an seine muslimischen Glaubensbrüder rächen könne. Dafür büßen müssen nun andere.

Viele der im Mammutprozess Verurteilten waren so arm, dass sie sich für 10.000 Rupees (das Monatsgehalt eines Lehrers), die ihnen wie ein Topf mit Gold erschienen, als Mittäter ködern ließen. Andere glaubten an das Versprechen der "Firma" auf einen lukrativen Job im Ausland - sie glaubten daran, bis die Gefängnistore hinter ihnen ins Schloss fielen. Wieder andere waren überzeugt, sie hätten nichts mehr zu verlieren. Unter den Angeklagten saßen ein Fischer, dem seine Hindu-Nachbarn Haus und Habe in Flammen steckten, und ein Rikscha-Fahrer, der zusehen musste, wie seine Mutter bei lebendigem Leib verbrannt wurde.

Das Massaker, für das sich die Muslime rächen wollten, blieb im Prozess vollends ausgeblendet und bis heute ohne strafrechtliche Konsequenzen. Zwar wurde ein detaillierter Untersuchungsbericht verfasst und unter den zuständigen Politikern Mumbais hin- und hergeschoben, doch zu einer Bestrafung der Täter kam es nie. Der Report, verfasst von dem pensionierten Richter Srikrishna, enthielt die Namen von 31 Polizeibeamten, die sich zumindest der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht hatten. Nicht einer von ihnen wurde juristisch belangt, geschweige denn degradiert. Auch wenn die Hindu-Fanatiker von der Shiv Sena-Partei bereits vor acht Jahren aus der Stadtregierung geflogen sind - der Kultur der Straflosigkeit konnte das nichts anhaben.

Ausbrüche von Gewalt im Namen der Hindu-Mehrheit gegen die Minderheit der Muslime sind zwar dokumentiert - darüber hinaus jedoch geschieht nichts. Diese Praxis ist eines erklärtermaßen säkularen Staates nicht nur unwürdig, sie toleriert Terror aus religiösen Motiven, sie ist bereit, die muslimischen Bomben gegen das hinduistische Massaker, den Terror der Minderheit gegen das Pogrom der Mehrheit hinzunehmen. Die Spirale aus Hass und Gewalt im Namen religiöser Inbrunst wird sich weiter nach oben schrauben, solange die Gesellschaft nicht begreift, dass Terror keine Religion hat.

Inzwischen ist "Don" Dawood Ibrahim zu Indiens meistgesuchtem Gangster aufgestiegen. Seit 1989 regiert er die Unterwelt der Wirtschaftmonopole Mumbai mit harter Hand aus dem Exil. Die indischen Behörden sind überzeugt, Dawood hat sein Hauptquartier nach einem Intermezzo in Dubai in Karatschi aufgeschlagen und kann dort unter dem Schutz des pakistanischen Geheimdienstes ISI ungestört seinen Geschäften nachgehen - die Inder verfügen über umfangreiches Videomaterial und haben sogar die pompöse Hochzeit der Dawood-Tochter Mahrukh mit dem Sohn eines pakistanischen Kricket-Champions dokumentiert. Doch Islamabad bestreitet hartnäckig jede Verbindung und weist alle Auslieferungsbegehren - auch die der US-Justiz zurück.

Dawood Ibrahim hat es auf die Fahndungslisten der Amerikaner geschafft, weil er möglicherweise als "globaler Terrorist" die in Indien operierende Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba finanziert, der wiederum Verbindungen zu al-Qaida nachgesagt werden. Was Washington besonders stört: Dawood Ibrahim soll al-Qaida die Infrastruktur seines Syndikates zur Verfügung gestellt haben.

Bad Boy mit Goldenem Herzen

All das wurde mit dem Prozess in Mumbai bekannt - die Sensation des Tribunals war aber die Verstrickung einer für den Bombenplot eigentlich unwesentlichen Randfigur. Das Gericht sparte sich den Fall ganz bis zum Schluss auf. Es war vorhersehbar, welches Erdbeben drohte. Wie zu erwarten, wurde die Verurteilung des Schauspielers Sanjay Dutt zu sechs Jahren Gefängnis von Millionen Fans in ganz Indien als nationale Katastrophe bestöhnt.

Sanjay Dutt, der bereits Mitte der neunziger Jahre für einige Monate in Untersuchungshaft saß, wurde zwar vom Vorwurf der Verschwörung gegen den Staat frei-, aber wegen unerlaubten Waffenbesitzes schuldig gesprochen. Wenige Tage vor dem Anschlag hatte der angeblich Ahnungslose einem Mafiosi erlaubt, ein paar Maschinenengewehre des Typs AK 56 in seiner Wohnung zu deponieren, von denen er später sogar ein Exemplar kaufte. Die kinosüchtige indische Öffentlichkeit freilich verzieh ihrem Liebling den kleinen Fehltritt, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, und störte sich wenig an dessen Umgang mit Gangstern und Ganoven.

Insofern wirft der Fall Sanjay Dutt ein bezeichnendes Licht auf Indiens Traumfabrik und Film-City Bollywood, der seit Jahren enge Beziehungen zu Mumbais Unterwelt nachgesagt werden. Bollywood bürgt nicht nur für Milliardengeschäfte, aus denen sich die Mafia einige Filetspitzen schneidet (etwa durch Exporte in arabische Länder) - ein Engagement in Bollywood sorgt vor allem für Prestige und Macht. Dass auch Dawood Ibrahim mit im Geschäft ist, steht außer Zweifel, seit sich der "Don" anlässlich der Übertragung eines internationalen Kricket-Matches im Fernsehen mit mehreren Filmstars sehen ließ. Zudem existieren Videoaufnahmen von Auftritten bekannter Schauspieler und Playback-Sänger auf seinen Partys in Dubai. Mäzen Ibrahim unterstützt gern Filme und lässt sie mit seinen Lieblingsschauspielern besetzen - darunter Stars der ersten Kategorie. Manche Produzenten erliegen der Versuchung, ihr Budget durch Mafia-Zuschüsse aufzustocken. Der international bekannte indische Filmemacher Mahesh Bhatt macht im BBC-Interview kein Hehl daraus, dass es kaum jemanden in der Filmbranche seines Landes gäbe, der nicht von der Mafia kontaktiert wurde. "Wer kann sich weigern, den Ruf der Unterwelt zu hören? Wer würde derlei Kontakte der Polizei melden und sich Ärger einhandeln?" Insider behaupten, viele Stars hätten Dawood Ibrahim lukrative Rollen zu verdanken - manche den Durchbruch. Wer weiß, was die Traumfabrik Bollywood ohne den großen "Don" wäre?

Alle Inder sind stolz

Da Sanjay Dutt, der Sträfling von Mumbai, zu den Top Ten der Bollywood-Helden gehört, wurde er im Prozess von Anfang an mit Samthandschuhen angefasst. Während die anderen Angeklagten Jahre im Untersuchungshaft zubringen mussten, erfreute sich der Star gegen Hinterlegung einer Kaution seiner Freiheit und drehte ungestört Filme - in mindestens zehn aktionsreichen Gaunerstreifen hat "Bollywoods Bad Boy" mit dem Stoppelbart und den verquollenen Augen seit Prozessbeginn auftreten können. Dank seiner harten Fäuste und seines goldenen Herzens wurden sie größtenteils zu Kassenschlagern. Dass der beliebte Zelluloid-Gauner nun für einige Zeit wirklich in den Knast muss, scheint irgendwie zu passen und dürfte in Bollywood die Aktienkurse fallen lassen. Mindestens fünf laufende Filmprojekte werden abgebrochen. Trotzdem wird es erst einmal viel Geld geben: Zwei neue Filme mit Sanjay Dutt, die noch im August anlaufen, werden sich vor Besuchern kaum retten können.

Was die Herzen schmelzen lässt, ist nicht dieses nonchalant unrasierte Gesicht, dem das Leben so eindrucksvolle Konturen verpasst hat. Es ist Dutts Herkunft. Sein Vater Sunil - ein großer Filmschauspieler und beliebter Politiker, zuletzt war er Indiens Sportminister - wird von vielen verehrt, weil er als Hindu mutig gegen die Diskriminierung von Muslimen und anderen Minderheiten kämpfte. Die früh verstorbene Mutter Nargis - eine muslimische Schönheit - wurde in den Fünfzigern als "Mutter India" vom Filmstar zur Nationalikone, die auch Premier Nehru bewunderte. Sanjay Dutts Familientradition ist der Inbegriff eines säkularen und menschenfreundlichen "Indiens-für-alle", das zumindest die ältere Generation bis hin zu den noch lebenden Staatsgründern so fasziniert, dass kleine Entgleisungen einfach keine Rolle spielen.

Sein letzter Film Lage Raho Munna Bhai ("Mach weiter, Munna Bhai!") zeigt, dass Sanjay seinem Publikum nicht zuviel verspricht. Er spielt einen weichherzigen, gelegentlich witzigen Mafiosi, der rein zufällig - ursprünglich um seine Angebetete zu beeindrucken - zum begeisterten Anhänger Mahatma Gandhis wird. Dessen kleiner bebrillter Geist erscheint ihm in allen Notlagen und erteilt ungewöhnliche, aber immer erfolgversprechende Ratschläge. Munna Bhai wird zum begeisterten Protagonisten des guten alten, sonst als angestaubt empfundenen gewaltfreien Widerstandes. Gandhigiri - so nennt der Filmheld Gandhis absurd und provozierend erscheinende "Kampftechnik des Lächelns" - ist durch Sanjay Dutts Kultfilm über Nacht zum indischen Superhit geworden und spielt im alltäglichen Leben des kleinen Mannes eine weit größere Rolle als zu Gandhis Zeiten. Der Film wurde zwar nicht in Cannes gezeigt, aber alle Inder sind stolz auf Munna Bhai und Mahatma Gandhi.


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00:00 17.08.2007

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