Zwischen Ökonomie und Raffgier

Wenn Unternehmen ihre Produktion verlagern Nicht Lohnsenkung, sondern Innovation ist das entscheidende Stichwort - denn arbeitsintensive Betriebe sind ohnehin nicht zu halten

Wenn Arbeitsplätze in Deutschland ab- und im Ausland aufgebaut werden, ist das für die Betroffenen eine ziemlich üble Situation. Denn neue Jobs gibt es kaum, dafür aber umso mehr Erklärungen und Handlungsratschläge. Verlagert werde, weil die Kosten zu hoch sind. Deshalb: Einkommen runter und die Welt ist in Ordnung. Hochwissenschaftlich wird dann noch ergänzt: Wir sind zu einer Basarökonomie verkommen, in der nur noch Dinge verscherbelt werden, die andere preiswert produzieren - so etwa Hans-Werner Sinn vom Münchner ifo-Institut. Das ist dann auch die vermeintliche Antwort auf die Frage, warum es im Lande des Exportweltmeisters flächendeckend Niedriglöhne geben soll.

Damit die Drohung wirkt, muss die Situation natürlich dramatisch beschrieben werden. Das geschieht dann mit plastischen Einzelbeispielen, die das entstehen lassen, was man - analog zum Wetter - die "gefühlte Verlagerungsquote" nennen könnte. Nur: Wie viel wird eigentlich verlagert? "Es gibt keine Statistik, die die Abwanderungen von Firmen und Arbeitsplätzen ins Ausland verlässlich misst." Zu dem Schluss kommt ein Diskussionspapier des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Ergänzend heißt es, dass einige gefestigte wissenschaftliche Aussagen zum Beispiel aus Direktinvestitionen im Ausland oder auch theoretischen Überlegungen abgeleitet werden können. Beim Blick auf die Direktinvestitionen, die sozusagen das technische Mittel für Verlagerungen sind, fällt eines auf: In jene Länder, die immer wieder erwähnt werden, also die neuen EU-Mitgliedstaaten in Osteuropa oder die ostasiatischen Billiglohnländer, fließen nicht einmal zehn Prozent der Direktinvestitionen aus Deutschland.

Diese Zahl muss man vor Augen haben, wenn Daten über Verlagerungen genannt werden. So veröffentlicht der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in gewissen Abständen Ergebnisse von Umfragen. Darin wird gefragt, wie viele Unternehmen Teile der Produktion oder die Produktion insgesamt innerhalb der nächsten drei Jahre ins Ausland verlagern wollen. Der letzten Umfrage von 2003 zufolge waren das 24 Prozent. Dass die Absicht allein noch keine aussagekräftige Größe ist, hat der DIHK offenbar im Laufe der Jahre bemerkt und erstmals rückwirkend gefragt, wie viele denn nun tatsächlich verlagert haben. Das waren von 2000 bis 2003 etwa 18 Prozent der Industrieunternehmen. Es geht - wie gesagt - um Unternehmen. Wie viele Arbeitsplätze betroffen oder wie hoch die damit verbundenen Investitionen sind, bleibt völlig offen.

Auch das Fraunhofer Institut Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) nennt Daten über Produktionsverlagerungen. Basis ist die seit 1993 im Zweijahresrhythmus durchgeführte Erhebung "Innovationen in der Produktion", die zunächst auf die Metall- und Elektroindustrie beschränkt war und 2001 auf die chemische und kunststoffverarbeitende Industrie ausgeweitet wurde. Im Auftrag des Bundesfinanzministeriums sind die Daten auch in Bezug auf Verlagerung und Rückverlagerung von Produktion ausgewertet worden. Für das Jahr 2003 kommt das ISI auf einen Anteil von 25 Prozent, die verlagert haben und vier Prozent, die wieder zurück gewandert sind. Ein Trend ist in der Zeitreihe nicht zu beobachten. Die Verlagerungen betrugen in den Jahren 1997, 1999 und 2001 jeweils 26, 27 beziehungsweise 19 Prozent, die Rückverlagerungen vier, sechs und sechs Prozent.

Bemerkenswert beim Vergleich der beiden Erhebungen sind die nachgefragten Motive für die Verlagerung. Laut DIHK sind die Höhe der Arbeitskosten mit 45 Prozent das Hauptmotiv, gefolgt von Steuern und Abgaben mit 38 Prozent. Bei der Umfrage des Fraunhofer Instituts waren Mehrfachnennungen möglich. Kosten der Produktionsfaktoren nannten 87 Prozent, Steuern und Abgaben 27 Prozent. Klarheit ist so nicht unbedingt zu schaffen. Deshalb ist ein Blick darauf, was eigentlich geschieht, wenn verlagert wird, von Bedeutung.

Ein sehr großer Teil der Verlagerungen - darüber besteht Einigkeit - betrifft die arbeitsintensive Produktion. Hier spielt dann auch das Motiv Kostensenkung eine Rolle. Wenn am neuen Standort auf die gleiche Weise und für den gleichen Markt produziert wird, sind Lohnkosten (und möglicherweise Subventionen) der einzige Faktor, der sich verändert. Ob sich das rechnet, hängt nun wiederum davon ab, inwieweit anschließend die schwierigere Logistik zu meistern ist - oder die Qualität, die bei Rückverlagerungen das zentrale Motiv ist.

Entscheidend ist aber etwas Anderes: Es gibt immer ein Land, in dem die Lohnkosten noch niedriger sind. Wer in Polen produziert, konkurriert mit den Lohnkosten in der Ukraine, und noch preiswerter ist es in China, Vietnam und so weiter. Ein Unternehmen, das nur auf die Lohnkosten achtet, vermeidet aber auch - und das ist langfristig entscheidend - Rationalisierungsinvestitionen. Durch diese Ersparnis gerät das Unternehmen auf Dauer ins Hintertreffen. Denn gerade im arbeitsintensiven Bereich gewinnen letztlich diejenigen, die stetig modernisieren und automatisieren. Das sozialgeschichtlich markanteste Beispiel für das Scheitern des Versuchs, durch Einkommenssenkung gegen technologische Entwicklungen zu konkurrieren, bieten die schlesischen und schottischen Weber im 19. Jahrhundert.

In der immer wieder aufflammenden Diskussion über den Arbeitsplatzexport fehlt also ein entscheidender Gesichtspunkt: Ein beträchtlicher Teil der Arbeitsplätze, die aus Deutschland verlagert wurden, wäre, wenn es diesen Ausweg nicht gäbe, ohnehin wegrationalisiert worden. Sie sind in der Regel Überbleibsel einer tayloristischen Arbeitsorganisation, die in einer modernen Produktion keinen Platz haben. An der Frage, wie den Menschen geholfen werden kann, die konkret betroffen sind, muss sich der Staat mit seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik beweisen.

Anders sieht es aus, wenn Unternehmen nicht wegen der Lohnkosten Direktinvestitionen im Ausland tätigen, wodurch unmittelbar auch Verlagerungseffekte eintreten können. "Deutsche Unternehmen können sich nur im Wettbewerb behaupten, wenn sie weltweit tätig sind - die Unterscheidung zwischen guten inländischen Arbeitsplätzen und schlechten ausländischen Arbeitsplätzen ist falsch." Es mag auf den ersten Blick überraschen, aber die Aussage stammt von einem führenden Gewerkschafter, nämlich Heinz Putzhammer, Mitglied im Geschäftsführenden Bundesvorstand des DGB.

Gerade bezogen auf die neuen EU-Mitglieder ist es spätestens seit der Erweiterung der Union nötig, ein grenzüberschreitendes Produktions- und Informationsnetzwerk zu schaffen, das die Rentabilität eines Unternehmens stärken kann, etwa durch die Erschließung neuer Märkte. Eine solche Arbeitsteilung ist europäische Normalität. Die Wirtschaftsverflechtung Deutschlands mit Belgien und Österreich zum Beispiel ist stärker durch Auslandsproduktion als durch Handel geprägt.

Was nun die Abwanderungen von Betrieben für die Beschäftigung bedeuten, hat das Fraunhofer Institut ebenfalls untersucht. Ergebnis: Verlagerungen aus reinen Kostengründen führen zu negativen Beschäftigungseffekten in Deutschland, bei Verlagerungen mit dem Ziel der Marktausweitung und Schaffung von Kooperationen sind unmittelbar keine Beschäftigungseffekte zu beobachten. Die ISI-Studie verweist aber auch auf andere Zusammenhänge. Für die Beschäftigung auf der betrieblichen Ebene ist die Umsatzentwicklung wichtig. Zehn Prozent Umsatzzuwachs schaffen durchschnittlich 4,3 Prozent Beschäftigungswachstum. Positive Wirkungen auf die Beschäftigung erzielen auch Innovationsbemühungen, die in den Ausgaben für Forschung und Entwicklung zum Ausdruck kommen. Ein Prozentpunkt mehr bei der FuE-Quote (Anteil der FuE-Ausgaben am Umsatz) schafft einen Beschäftigungszuwachs von 0,3 Prozent.

Ein Unternehmen, das durch Internationalisierung den Umsatz steigert und sich gleichzeitig um Innovationen bemüht, schafft also Arbeitsplätze auch in Deutschland. Deshalb sehen auch Gewerkschafter hier keine Probleme. Ihre Kritik beginnt erst dann, wenn Verlagerungen im Einzelfall dazu genutzt werden sollen, durch Erpressung den Gewinn gesondert noch einmal hochzuschrauben. Das Eine ist Ökonomie, das Andere Raffgier. Da muss man unterscheiden.


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00:00 12.08.2005

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