Zwischen Stiefel und Schal

Diagnose Der türkische Dauerbrenner lautet Militär gegen Islam. Aber die Krankheit heißt Mangel an demokratischer Kultur

In der vergangenen Woche stellten mir fast alle meine Freunde im Ausland - Schriftsteller, Dichter, Intellektuelle, Journalisten und Barkeeper - plötzlich einigermaßen verwirrt die gleiche Frage: "Was, um Himmels willen, geht in der Türkei vor sich? Gibt es einen neuen Militärputsch? Natürlich ist es wundervoll, dass Millionen Türken aus den unterschiedlichsten Klassen für eine säkulare Türkei auf die Straße gehen, aber warum hat die Polizei so brutal zugeschlagen und viele linke Demonstranten auf der 1. Mai-Demonstration verhaftet?" Manchmal frage ich mich schon selbst: Was passiert uns eigentlich in diesen Tagen?

Wer in die türkische Kultur hineingeboren wurde, egal in welchem Jahr, mit welchem Geschlecht, mit welcher Religion oder ethnischen Wurzeln, den lehrt das kollektive Bewusstsein dieser Gesellschaft zwischen zwei ewigen Ängsten zu leben, die sich gegenseitig ernähren. Die türkischen Bürger sind besessen von ihnen seit ungefähr einem Jahrhundert. Die eine Angst ist die allgegenwärtige Möglichkeit eines Staatsstreichs, der dich, deine Familie und Freunde ohne jede legale Gegenwehr ins Gefängnis bringen kann. Deine Bücher und Papiere können verbrannt, deine Bewegungsfreiheit eingeschränkt, du musst sogar damit rechnen, gänzlich ausradiert zu werden. Dieses Damoklesschwert hat sich uns schon immer durch die Stiefeltritte angekündigt, noch bevor sie Realität wurde.

Die andere krank machende Angst, die in der Türkei an jeder Straßenecke lauert, ist die extremistische islamische Macht. Zuerst zeigt sie sich an einer plötzlichen Schwemme von schwarzen Burkas, Halstüchern im Mullah-Stil bei den Frauen oder dem Alkoholverbot in Restaurants. Dann tauchen Gerüchte auf, dass die Atheisten das Land übernehmen wollen, meist genau in den Zeiten, in denen die Bürger- und Frauenrechte blühen. Stiefel oder Schal! Schal oder Stiefel! Zwischen diesen beiden Polen verbringen Generationen von Türken ihr Leben und suchen nach mehr Demokratie. Währenddessen geben alle Arten von Krisen dafür die Kulisse ab: ökonomische Krisen, politische Spannungen, Warnungen der Militärs, islamische Taktierereien, Verschwörungstheorien und Intrigen.

Die EU-Träume der Türken sind jetzt beendet. Dank einer miserablen Strategie, die unser Land mit gebrochenem Stolz zurück gelassen hat. Trotzdem hat die Vision einer EU-Mitgliedschaft viele Hoffnungen in die fragile türkische Demokratie gebracht, jenes einzige und älteste Muster unter 50 islamischen Kulturen inmitten einer unstabilen Nachbarschaft. Einige Verbesserungen im Zivilrecht der Türkei wurden im Zuge der Angleichung an EU-Normen durchgesetzt. Es entstand Optimismus in Bezug auf eine klare demokratische Atmosphäre und bessere ökonomische Verhältnisse. Aber weder Premierminister Erdogans AKP-Partei, deren Wurzeln im radikalen Islam liegen (aber nun die amerikanisch inspirierten Vokabeln vom "moderaten Islam" im Munde führt), noch Herrn Baykals CHP, die sozialdemokratische Partei, die sich in einen Ein-Mann-Nationalismus verwandelt hat, wollen sich offenbar um andere Lösungen bemühen, als die Macht für ihre Super-Egos zu okkupieren.

Die Natur liebt keine freien Flächen. Während die beiden türkischen Hauptparteien mit ihrem Machtkampf beschäftigt waren, sind die freien Flächen der entschwundenen EU-Hoffnungen mit der Angst vor inneren und äußeren Feinden und ihrem radikalen Gegengift besetzt wurden: ethnischer Nationalismus.

Nach meiner Überzeugung sind weder Schal noch Armeestiefel und/oder Nationalismus des Problem. Das Hauptproblem des verwirrenden türkischen Bildes ist der Mangel an demokratischer Kultur. Weder die Linken und Sozialdemokraten noch Konservative und Nationalisten besitzen eine wirkliche demokratische Kultur in der modernen Türkei. Man kann dieses harsche Urteil von den täglichen Lebenssitten bis hin zu den traditionellen Ritualen testen: von Verkehrsregeln bis zu akademischen Umgangsformen, vom Umgang mit NGOs bis zu den Familienstrukturen bei Mittelschichten wie bei Arbeiterfamilien. Überall kann man beobachten, dass wir Türken es trotz ernsthafter Versuche nicht schaffen, die Rechte des Anderen zu akzeptieren, geschweige denn andere Ideen. Wir schaffen es noch nicht einmal uns zu entschuldigen oder unser Bedauern auszudrüchen, wenn es notwendig ist. Weil wir eben keine demokratische Kultur haben. Stattdessen herrscht in der Türkei die Kultur: "Der Stärkere gewinnt und wird nie geschlagen." Das wird in den Schulen gelehrt, und so arbeitet man auch im Parlament.

Wir werden immer nur ermutigt, alles zu tun, um Gewinner zu werden, lügen, tricksen, betrügen eingeschlossen, aber nie, der Verlierer zu sein, nie, die Fehler einzugestehen. Nur die Schwachen sind Verlierer, und Verlierer zu sein gehört zu den femininen, negativen Eigenschaften. Sie passt nicht zu unserem nationalen männlichen Ego. Viele der respektierten und bekannten Demokraten der politischen und intellektuellen Szene der Türkei haben immer noch nicht begriffen, dass Frauenrechte Menschenrechte sind. Wenn eine demokratische Kultur den Respekt vor entgegengesetzten Meinungen in gewaltlosen Formen braucht, wenn sie Transparenz, Klarheit und Fairness im Umgang mit jedermann braucht, wenn Demokratie die Freiheit der Rede und der Privatsphäre braucht, dann müssen wir die inadäquate demokratische Kultur in unserem Land in den Blick nehmen, andernfalls werden wir zwischen Stiefel und Schal zerrieben. Wie sagte doch einst die wundervolle Ingeborg Bachmann: "Faschismus beginnt zwischen zwei Menschen."

Aus dem Englischen von Ingo Arend

Buket Uzuner, geboren 1955, ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Türkei. Sie lebt in Istanbul. Soeben erschien von ihr der Roman Istanbullites.


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00:00 11.05.2007

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