Zwischen Wurzel und Stamm

Zwischenexistenzen In ihrem Buch »Ich habe keine Schuhe nicht« spürt Helga Hirsch Schicksalen zwischen Oder und Weichsel nach

In Zeiten der Ruhe kommen uns Urteile schnell über die Lippen: Wir wissen genau, wie die vorherige Generation, wie Ost- oder Westdeutsche, Türken, Iraker, Afghanen leben müssten, damit Konflikte entschärft würden. Aus der Perspektive höchstens sozial gefährdeter Sicherheit halten wir uns für nicht manipulierbar. Dass wir bestimmte Gefährdungen, zum Beispiel in Form von Begriffen, ausklammern - Nation zum Beispiel ist uns so suspekt, dass schon das Wort nur über gespitzte Lippen kommt - nehmen wir hin, um es gelegentlich zu beklagen. Was wodurch und vor allem warum mit diesem Begriff dennoch gebündelt und so oder so transportiert wird, warum er allgegenwärtig bleibt, fragen wir nur selten nach. Wir halten ihn für historischen Müll und glauben ihn deshalb entsorgt. Aber das ist falsch. Lebendig wie eh schwappt er sogar über die, eben noch ob fallender Grenzen entzückten Europäer. Es wird weiter ausgegrenzt, verdächtigt. Inzwischen gern zwischen US-Amerikanern, und Engländern gegen Franzosen wie Deutsche, angeblich zwischen alten und neuen Europäern.... Auch eine Folge der katastrophalen Attacke vom 11. September und der im Namen von Gefahrenabwehr geführten neuen Kriegen.

Die Journalistin Helga Hirsch hat mit Ich habe keine Schuhe nicht kein Buch über den 11. September geschrieben und auch Irak oder Amerika kommen nur am Rande vor. Sie schreibt die Geschichte von Menschen, die zwischen Oder und Weichsel lebten und auf ihre Weise in das Räderwerk nationalistischer Zwänge oder Verdächtigungen gerieten. Es sind Lebensgeschichten aus der Zeit von kurz vor, im oder nach dem Zweiten Weltkrieg. Polen, Deutsche, Juden, Ukrainer, bislang nebeneinander, im besten Fall auch miteinander lebend, geraten zunehmend in den Strudel gegenseitigen Misstrauens und geschürter Vorbehalte, die am Ende in Verfolgung, Hass und Krieg münden. Die Autorin erzählt in klassisch berichtender, unsentimentaler Weise von jenen Momenten, in denen das bisherige Dasein ihrer Figuren sein Gleichmaß verlor und fragt, was daraus wurde. Ihre Auswahl erfolgt so, dass jeder der Porträtierten so etwas wie eine Zwischenexistenz repräsentiert: Er ist nie ganz, was er zu sein scheint.

Romunald Jakub Weksler-Waszkinel zum Beispiel. Das Kind, das von polnischen Eltern aufgezogen, sogar katholischer Priester wird und zeitlebens geprägt bleibt von seiner polnischen Umwelt, die ihm liebenswert, sympathisch erscheint und der doch immer ein wenig anders ist, als Priester angenommen, als Mensch aber ausgegrenzt bleibt. In den Augen hat er die unendliche Traurigkeit, die eigentlich Juden zugeschrieben wird. Er versteht nicht, warum ehemalige Freunde in Israel leben und entdeckt erst spät, dass er eigentlich zu ihnen gehören müsste. Was macht er mit »seinem liebevollen Elternhaus«, was mit der Religion, in die er hinein gewachsen ist? War das wirklich der einzige Weg, ihn zu schützen? Er bleibt katholischer Priester im Zwiespalt zwischen jüdischen Wurzeln und liebevollem Stamm. Mehr polnisch als jüdisch und dennoch fremd.

Man kann das Buch als Beschreibung vergangener Schicksale verstehen. Als Bericht aus einer Zeit, in der immerhin sicher war, dass die Spirale von Misstrauen, Gewalt, Ächtung und Krieg durch den deutschen Faschismus in Gang gesetzt wurde, Gut und Böse sich in der Zuordnung zu den verschiedenen Völkern jedenfalls ausmachen ließen. Aber was bedeutet das für einen, der sich als Deutscher für die polnische Schule entschied und zu seinen Schulkameraden gehören will. Nach Kriegsbeginn aber nicht mehr angenommen wird? Als Deutscher im polnischen Widerstand kämpft - wie der von der Autorin porträtierte Teodor Müller - und dennoch im Nachkriegspolen enteignet, diskriminiert, bespuckt wurde? Ist er Pole, Deutscher, Patriot, Kollaborateur? Der Zweite Weltkrieg macht aus Leuten wie diesen Porträtierten Objekte, die sich ihrer bisherigen Existenz nicht mehr sicher sein können und sich, um den Preis des Lebens, einer Nationalität zuordnen mussten. Wer sich weigerte, erreichte nur die Ächtung durch alle. Aber selbst Zuordnung repräsentiert nicht den freien Willen. Es gibt Eltern, Großeltern, Vorfahren, die irgendwo einzuordnen sind und das Maß für die Gegenwart vorgeben. Und gnadenlos aktiviert werden, wenn es denn für ein bestimmtes Ziel nötig erscheint. Wie bei der Umsiedlung aus den polnischen in die ehemaligen deutschen Ostgebiete. Zbigniew Czarnuch erzählt davon. Und was heißt es für den Polen, der trotz entsetzlicher Erfahrungen mit deutschen Herrenmenschen nicht in der Lage war, Deutsche in toto zu hassen wie Adam Kostrzewa und deshalb von seinen Landsleuten lebenslang verdächtigt wurde, Verräter gewesen zu sein?

Es ergibt einen Sinn, die Zukunft in diesen acht Lebensgeschichten zu lesen. Denn Krieg ist keine Kategorie der Geschichte, ebenso wenig wie kollektive, nationalistische Hysterie, die stigmatisiert, ausgrenzt, demütigt und bekämpft. Wir sollten bei der Beurteilung jedes gegenwärtigen Konflikts die Wiederkehr uralter Muster zur Kenntnis nehmen: die Klischees vom ewig Bösen im Gegner, vom Guten im Eigenen, von der Notwendigkeit, sich des Bösen zu entledigen. Allesamt Kategorien, die in den im Buch geschilderten Schicksalen als Vorwand für Ausgrenzung, Verfolgung oder Vernichtung dienen und inzwischen fast emotionslos erinnert werden. Argumente heute sind keineswegs stichhaltiger, ihr Wahrheitsgehalt aber nachprüfbarer als vor sechzig Jahren. Das Buch hält dazu an, die Schmerzen, die nach den erzwungenen Entscheidungen kommen, mit zu bedenken: Wenn klar wird, dass Bosheit nicht jedes Verhalten hinreichend definiert, Gutes nicht unbegrenzt gut bleibt. Entscheidungen immer wieder geprüft werden müssen. Deutsche und auch polnische Nachkriegsgeschichte liefern ausreichend Beweise dafür, dass guter Wille noch keine Garantie für gutes Gelingen ist.

Es liegt deshalb nahe zu fragen, warum bei drohender Gefahr das bisherige Leben des Einzelnen weniger zählt als das der Gruppe, der sie oder er zugerechnet werden. Warum scheinbar in Harmonie lebende Bevölkerungsteile in »Sie« und »Wir« zerfallen und sich fortan in festgelegten Bahnen bewegen oder - falls ihnen ein erster Ausbruch gelingt -, zwangsweise der einen oder anderen Gruppe zugeordnet werden. Zoja Perelmuter steht im Buch dafür.

Grenzerfahrungen - die Neugier auf Grenzerfahrung - bietet das Buch als eine Möglichkeit an, sich von Gleich zu Gleich einander zu nähern. Eine Neugier, die nur entsteht, wenn das Eigene verinnerlicht, aber nicht verabsolutiert wird, wenn »das Bedürfnis nach Sicherheit im Bekannten« durch die »Sehnsucht nach der Erweiterung durch das Fremde« ergänzt wird, wie es in der Einleitung zu den Porträts heißt. Widersprüche werden eben nicht einfach implantiert, sie haben immer auch eine Wurzel in der Geschichte. Sie sind wie Wiedergänger, unendlich in ihrer Möglichkeit zur Reinkarnation. Sich der Vergangenheit durch erzähltes Leben wie im Buch von Helga Hirsch zu versichern, durchbricht den scheinbar zwanghaften Ablauf von ethnischen Sortierungen noch nicht. Die Entdeckung des Besonderen im Allgemeinen muss hinzukommen. Die Erfahrung einer Bereicherung durch das Anderssein. Das ist sicher schwierig, aber vielleicht erfolgversprechender als jeder gewaltsame Versuch, Konflikte zu lösen. Wenn sich Vergangenheit mitsamt der Folgen wie in diesem Buch präsentiert, werden solche Erfahrungen vermehrt.

Helga Hirsch: Ich habe keine Schuhe nicht - Geschichten von Menschen zwischen Oder und Weichsel. Briefe, Tagebücher, Biographien. Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, 206 S., 17, 90 EUR

00:00 11.04.2003

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