Zwischenzeiten

Kehrseite I Früher habe ich mir immer vorgestellt, dass du auf dem Feldweg hinter meinem Fenster einen Fahrradunfall haben würdest. ...

Früher habe ich mir immer vorgestellt, dass du auf dem Feldweg hinter meinem Fenster einen Fahrradunfall haben würdest.

Nach dem Mittagessen ging ich in mein Zimmer, setzte mich hinter die Gardine und wartete auf dich. Du kamst immer zwei Stunden später als ich, weil du drei Klassen höher warst. Du bist über den steinigen Weg geholpert, an meinem Fenster vorbei gesaust und um die nächste Ecke verschwunden. Das ging immer sehr schnell. Am schönsten war der Augenblick, wenn du noch ganz in der Ferne warst, kaum zu erkennen, mit deinem Fahrrad um die Erdhügel kurvend. An dem Punkt setzte meine Phantasie ein. Ich sah dich fallen, kopfüber über den Lenker, dein Fahrrad überschlug sich. Du lagst am Rand des Weges, unfähig aufzustehen. Dein Fuß, irgendetwas war mit deinem Fuß nicht in Ordnung, du hast deinen Knöchel umfasst, das konnte ich auf die Entfernung sehen. Ich rannte aus dem Haus, den Feldweg entlang. Ich konnte schnell laufen, schneller als in Wirklichkeit. Wenn ich bei dir war, war ich nicht außer Atem. Hallo, sagte ich, ich habe zufällig aus dem Fenster gesehen und deinen Sturz beobachtet. Alles in Ordnung? Du sagtest nicht viel. Ich ging in die Hocke und legte meine Hand auf deinen Knöchel, er war schon angeschwollen. Wir sahen uns an. An dem Punkt ging es nicht weiter. An dem Punkt begann ich immer wieder von vorn. Das Fahrrad, der Feldweg, du kopfüber über den Lenker, meine Hand auf deinem Knöchel. Natürlich rettete ich dich, aber ich stellte es mir nicht vor, meine Phantasie gefror in dem Augenblick, in dem ich meine Hand auf deinen Knöchel legte und wir uns ansahen.

Mittlerweile sind wir so weit, dass wir uns tatsächlich ansehen, oder zumindest täglich Gelegenheit dazu hätten, aber du siehst nicht auf, du guckst fast immer herunter, auf den Boden oder auf das Geld in meiner Hand.

Als wir uns nach der Schulzeit das erste Mal wiedertrafen, hast du mich gesiezt. Das hat mich erschreckt, du erschienst mir so vertraut. Wir kennen uns, sagte ich, aus der Schule. Du sahst mich verständnislos an. Du warst drei Klassen über mir, sagte ich, ich habe dich manchmal auf dem Schulhof gesehen. Und jeden Mittag vor meinem Fenster, aber das sagte ich natürlich nicht. Du hattest dir einen Schnauzbart wachsen lassen, darüber erschrak ich fast noch mehr als über das Gesieze. Aber ich hätte mit so etwas rechnen müssen. Du hattest einen furchtbaren Geschmack. Erinnerst du dich an die braune Badehose, die du immer im Freibad trugst? Jeder lachte darüber, aber du schienst es entweder nicht zu hören, oder es störte dich nicht. Hast du mich im Freibad überhaupt ein einziges Mal bemerkt? Ich ging zig Mal an dir vorbei. Am Sprungbecken saßen die Schönen und die Coolen, dort saß ich nicht. Ich saß am Sportbecken. Dort saßen die, die gerne am Sprungbecken gesessen hätten, aber sich nicht trauten, weil sie nicht zur richtigen Clique gehörten. Du lagst auf der Liegewiese. Das war vollkommen daneben, so etwas durfte man sich eigentlich gar nicht erlauben. Wenn ich so oft an dir vorbei ging, lag es nicht nur daran, dass ich dich sehen wollte, aus dem Augenwinkel konnte ich dich ohnehin kaum erkennen, es lag daran, dass ich auf dem Weg vom Sportbecken bis zu den Duschen nicht am Sprungbecken vorbei gehen wollte. Ich wollte nicht die ganze Strecke den Bauch einziehen und die Brust heraus drücken. Natürlich habe ich auch wenn ich an dir vorbei ging den Bauch eingezogen und die Brust heraus gedrückt, aber das waren nur drei Meter und für dich habe ich es gern getan. Daran erinnerst du dich nicht, denn du sahst nie von deiner Decke hoch, die du studiertest wie ein Buch.

Das macht zwei Euro fünfzig, sage ich. Darin bin ich wirklich gut. Du kannst mir jede beliebige Anzahl von Brötchen nennen, Normale, Mehrkorn, Fitness, alles durcheinander, und ich kann in drei Sekunden den Preis ausrechnen. Du gibst mir das Geld und siehst auf meine Hand, mit der ich dir das Wechselgeld heraus gebe. Es ist gut, dass du so wenig redest, so kann ich mir ausdenken, was du sagen könntest. Ich erzähle dir doch irgendwann, während ich die Brötchentüte über den Tresen reiche, dass ich dich immer von meinem Fenster aus beobachtet habe. Und dann sagst du, dass ich dir ebenfalls damals aufgefallen sei, auf dem Schulhof. Dann frage ich dich, was du jetzt machst, studierst du oder arbeitest du wie ich, schiebst du auch jeden Tag weiße Puppenärsche in einen Ofen und holst sie als Brötchen wieder heraus? Nein, natürlich nicht, du würdest nicht jeden Morgen bei mir kaufen, wenn du das Gleiche arbeiten würdest.

Ich weiß bis heute nicht, wie ich damals deinen Namen heraus bekommen habe, Vor- und Nachname. Ich wusste ihn fast sofort. Und jetzt bekomme ich deinen Beruf nicht heraus. Elektriker, tippe ich, irgendetwas Technisches, wovon ich keine Ahnung habe. Du habest dich nicht getraut, mich anzusprechen, sagst du, und ich sage das Gleiche. Dann lächeln wir uns an, hilflos, überwältigt von der Tatsache, dass wir beide ineinander verliebt waren, aber nichts gesagt haben, aus Angst, abgewiesen zu werden. Dann sehen wir uns an und denken, dass wir nachholen könnten, was wir verpasst haben, denn während des Ansehens stellen wir fest, dass wir immer noch wollen, was wir damals wollten.

Das geht nicht wirklich, das geht nur in meiner Phantasie. In Wirklichkeit bin ich verheiratet. Ich kenne meinen Mann ziemlich gut, er redet viel, und dazwischen lässt er keinen Raum für eigene Interpretationen. Ich habe mich damit abgefunden, dass er so ist, wie er ist, dafür bist du ja, wie ich dich mir vorstelle. Ich habe eine Tochter, die war nicht geplant, aber das ist ja meistens so, und geheiratet haben wir wegen der Tochter, aber das gehört vielleicht nicht hierher, zwischen uns, wenn sich unsere Hände berühren und ich das Wechselgeld in deine Handinnenfläche fallen lasse. Ich lege es nie auf den Tresen, in die Schale, ist dir das schon aufgefallen?

Du kaufst mehr Brötchen, als du alleine essen kannst. Ich weiß, dass du eine Freundin hast, ich habe euch einmal draußen vor dem Schaufenster gesehen. Ich schob gerade ein neues Blech weißer Puppenärsche in den Ofen. Nachmittagsbrötchen. Du kaufst nur morgens. Normale Brötchen, nicht diesen ganzen Schnickschnack, das gefällt mir.

Manchmal kann ich dich kaum begrüßen, weil ich so heiser bin, ich bin ständig erkältet. Jedes Mal, wenn ein Kunde herein kommt, gehen die Schiebetüren auf und ein Schwall kalter Luft strömt in den Raum. Du bringst auch kalte Luft mit dir, aber bei dir stört es mich nicht.

Aber kannst du dir nicht deinen Schnauzbart abrasieren? Manchmal machst du es mir wirklich nicht leicht. Schon damals in der Schule hat es Durchhaltevermögen gekostet, in jemanden verliebt zu sein, der braune Badehosen trug und auf die Liegewiese ging. Meinen Freundinnen hätte ich das nicht erzählen dürfen.

Du hast Probleme mit deiner Freundin, sagst du, überhaupt seist du von Frauen sehr enttäuscht. Du vertraust es mir an, wie man Dinge jemandem anvertraut, den man jeden Tag sieht und deshalb zu kennen glaubt. Oh, sage ich, und lege meine Stirn in mitfühlende Falten. Du würdest ewiger Single bleiben, sagst du. Ich seufze, ich wünschte, das wäre ich auch geblieben, sage ich. Ich würde gerne mal einen Kaffee mit dir trinken gehen, könntest du dann sagen. Aber nicht in diesem Café, sage ich und lache, ich will nicht von meinen Kolleginnen beobachtet werden. Dann reiche ich dir die Brötchentüte über den Tresen und du drehst dich um und gehst.

In Melle/Niedersachsen geboren, lebt und arbeitet Sandra Niermeyer seit 1997 in Bielefeld. Sie schreibt Kurzgeschichten und Erzählungen.


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00:00 28.04.2006

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