Zypern ist ein Floh, und Griechenland ist ein Floh

Literatur und Politik Ein Text des britischen Literaturnobelpreisträgers Harold Pinter aus dem Jahr 2002

Es gibt eine alte Geschichte über Oliver Cromwell. Nachdem er die irische Stadt Drogheda eingenommen hatte, führte man die Bürger auf den Hauptplatz. Cromwell befahl seinen Leutnants: "So! Tötet alle Frauen und vergewaltigt alle Männer". Einer von Cromwells Beratern merkte an: "Verzeihung, General. Muss es nicht umgekehrt erfolgen?" Eine Stimme aus der Menge rief: "Mister Cromwell weiß, was er tut".

Dies ist die Stimme von Tony Blair - "Mister Bush weiß, was er tut".

Tatsache ist: Mister Bush und seine Gang, sie wissen, was sie tun, und Tony Blair - sofern er nicht wirklich der irregeleitete Idiot ist, der er oft zu sein scheint - weiß auch, was sie tun. Bush Co. sind schlicht und ergreifend entschlossen, die Welt und ihre Ressourcen zu kontrollieren. Und sie scheren sich einen Dreck darum, wie viele Menschen sie dabei ermorden. Und Mister Blair schließt sich dem an.

Die Labour Party unterstützt ihn nicht, das Land unterstützt ihn nicht, und die gefeierte "internationale Gemeinschaft" unterstützt ihn auch nicht. Wie kann er es dann rechtfertigen, sein Land in Kriege zu führen, die niemand will? Er kann es tatsächlich nicht - er kann nur Zuflucht suchen bei rhetorischen Klischees und viel Propaganda.

Als wir Blair ins Amt wählten, dachten wir kaum daran, dass wir ihn einmal so verachten würden. Die Vorstellung, er könnte Einfluss auf Bush haben, ist lächerlich, denn seine kraftlose Zustimmung zur brachialen Machtpolitik der USA ist erbärmlich.

Eine solche Machtpolitik ist eine altehrwürdige Tradition Amerikas. Zum griechischen Botschafter in den Vereinigten Staaten gewandt, sagte Lyndon B. Johnson 1965, damals Präsident der USA: "Scheißen Sie auf Ihr Parlament und Ihre Verfassung. Die USA sind ein Elefant. Zypern ist ein Floh. Griechenland ist ein Floh. Wenn diese Gesellen weiterhin den Elefanten beißen, könnten sie schnell von seinem Rüssel verprügelt werden - und zwar ordentlich".

Er meinte, was er sagte. Kurz darauf putschten in Griechenland mit amerikanischer Unterstützung die Obristen, und das griechische Volk musste sieben Jahre in der Hölle verbringen. Was den US-Elefanten betrifft, so ist er inzwischen zu einem Monster von grotesken und obszönen Proportionen herangewachsen.

Die "besonderen Beziehungen" zwischen den USA und dem Vereinigten Königreich haben in den vergangenen Jahren zum Tod von Tausenden und Abertausenden Menschen im Irak, in Afghanistan und Serbien geführt. All dies geschah im Zeichen eines "moralischen Kreuzzuges", um der Welt "Frieden und Stabilität" zu bringen.

Der Einsatz von Uran-Munition im Golf-Krieg von 1991 war dabei besonders effektiv, der Grad an Verstrahlungen im Irak entsetzlich. Babys wurden ohne Gehirn, ohne Augen, ohne Genitalien geboren. Und wenn sie Ohren oder Münder hatten, dann war Blut das Einzige, was aus diesen Öffnungen strömte.

Blair und Bush sind solchen Tatsachen gegenüber natürlich völlig indifferent. Nicht zu vergessen der charmant grinsende, verführerische Bill Clinton, der auf einem Labour-Parteitag schon einmal standing ovations erhielt. Wofür? Weil er irakische Kinder getötet hat? Oder serbische Kinder?

George W. Bush erklärt immer wieder: "Wir werden nicht zulassen, dass die schlimmsten Waffen der Welt in den Händen der schlimmsten Führer der Welt bleiben". Völlig richtig. Schau in den Spiegel, Freund! Du bist gemeint.

Die USA entwickeln gegenwärtig fortgeschrittene Systeme von "Massenvernichtungswaffen" und sind darauf vorbereitet, sie auch einzusetzen, wo ihnen das passend erscheint. Sie sind aus internationalen Vereinbarungen über biologische und chemische Kampfstoffe ausgeschert und blockieren jegliche Kontrolle ihrer eigenen Fabrikation dieser Waffen. Sie halten Hunderte von Afghanen in Guantanamo Bay gefangen, verweigern ihnen rechtlichen Beistand und wollen sie offenbar - ohne Gerichtsverfahren, ohne Urteil - für immer gefangen halten.

Die Amerikaner bestehen auf Immunität vor dem Internationalen Strafgerichtshof, und werden darin vom Vereinigten Königreich unterstützt. Die Heuchelei ist atemberaubend.

Dass sich Tony Blair diesem kriminellen US-Regime in verachtenswerter Weise unterwirft, erniedrigt und entehrt unser Land.

Übersetzt von Steffen Vogel


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00:00 21.10.2005

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