"Aufklärung mit Unterhaltungswert"

Heute-Show Die vielleicht größte Opposition der gesamten Politik
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Es ist Freitagabend, 22.30 Uhr. Beim ZDF erleuchtet in diesen Minuten eine den gesamten Bildschirm einnehmende blau-gepunktete Weltkugel, bevor sich der Schriftzug der Heute-Show zeigt. Die Kamera zeigt das vor lauter Vorfreude tobende Publikum und visiert letztlich Oliver Welke an. Dieser begrüßt und bedankt sich freundlich, Krawatte und Anzug lassen ihn seriös wirken.

„Jetzt haben wir ihn gefunden, den lustigsten Clip aller Zeiten.“ Sein klarer Sprachstil mit viel Intonation bannt die Aufmerksamkeit auf seine Person. „Meine Damen und Herren zu Hause, schicken Sie die Kinder aus dem Zimmer, schnallen Sie sich an, machen Sie die Hose auf.“ Das Publikum kichert und wartet gespannt, Welkes Augen werden immer größer, er beugt sich immer weiter zur Kamera. Dann wird Angela Merkel eingeblendet: „Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung.“ Das Publikum tobt, doch Welke beherrscht sich, setzt gar noch einen drauf. Mit Feuerwerk und Partypfeife verleiht er Merkel den Comedypreis 2012, das Publikum ist begeistert.

Unter anderem durch solche Szenen ist die Heute-Show bekannt geworden. Sie „ist ein entschlossenes System. Sie wagt statt nur abzuwägen. Sie beschleunigt weit in den roten Bereich […]“, bestärkt die Grimmepreis-Jury 2010 die Sendung mit einer Ehrung. Plötzlich ist aus dieser „ausschließlichen Unterhaltung“ (Oliver Welke) „Aufklärung mit hohem Unterhaltungswert“ geworden – so Claus Richter, der im vergangenen Jahr der Heute-Show den Hanns-Joachim-Friedrichspreis verlieh.

Auch deshalb ist sie im politischen Berlin gefürchtet, weiß man doch, dass jede Äußerung gegenüber den Korrespondenten der Heute-Show auf die goldene Wage gelegt werden kann. Mit Sätzen wie „Die sind von der Heute-Show, da müssen sie vorsichtig sein!“ versuchen sich die Parteitagsdelegierten vornehmlich der FDP oft gegenseitig zu warnen, die Reporter van der Horst, Sonneborn und Co. wissen von der Furcht der Politiker, aber lassen es dennoch meist richtig krachen.

Die Heute-Show hält eben nichts von Political Correctness, bedient gnadenlos das, was das Publikum hören möchte – Mainstream eben. Da haut man öfter mal auf die Liberalen ein, verunglimpft Westerwelle, Bahr und Rösler mit einer verfälschten Intro „Two and a half Prozent“ und lässt Christian Wulff im Studio anrufen. Die letzte rote Linie jedoch, am äußersten Rand des „roten Bereiches“ wird ganz im Sinne des Mainstream nicht überschritten – auf einer NPD-Veranstaltung werden kommunalpolitische Nazi-Kader spöttisch mit an Draht befestigtem Hitler-Bart verscherzt. Diese Sendung baut sich ihren eigenen Horizont auf, dem System Witz scheint alles untergeordnet.

Manchmal jedoch, skizziert die Show gekonnt - mit viel Fingerspitzengefühl für Metaphorik und Ironie – aktuelle politische Ereignisse.

Als beispielsweise die CSU 2010 Stimmung gegen Multikulti machte, der laut Seehofer sowieso längst „tot“ war, ließ die Heute-Show aufhorchen. Oliver Welke verließ seine übliche Moderationsposition und begab sich an einen geselligen Stammtisch tiefbayrischer Art. Die Maß Bier stand auf dem Tisch, die Zigaretten qualmten aus dem Munde von Albrecht Humbold und Christian Ehring, zwei bekannte Gesichter aus dem Team der Sendung. Dann beginnt Welke mit Stammtischparolen : „Die da oben machen doch eh was sie wollen, die kannste alle in einen Sack stecken, triffste immer den richtigen.“

Doch dies reicht Ehring nicht, er packt die Gelegenheit beim Schopf und leitet zum Thema hin: „Der Seehofer hat ja wohl völlig recht, die sollen sich mal um die deutschen Arbeitslosen kümmern, nicht immer nur um die Ausländer!“ Der bayrische Akzent lässt die Zuschauer ginsen.

Dann, überraschend aber zweifelsohne zum Konzept dieser Sendung gehörend kommt Welke auf den Punkt: „Seehofer, wenn ich das schon höre. Auf einmal hat der Mann ein Herz für deutsche Langzeitarbeitslose. Was hat der denn je für die getan?“ Das Bayrisch musste seiner klaren Sportreporterstimme wieder weichen. „Ich hab‘ das mal nachgeschlagen für die Sendung heute: Schwarz-Gelb kürzt die Arbeitsförderung für Harz IV-Empfänger demnächst um 1,3 Milliarden Euro.“ Der Stammtisch ist empört, Welke wagt noch zu sagen, dass als Politiker nicht entscheidend ist was man sagt, sondern tut.

Humbold und Ehring reden deshalb zunächst über Fußball, bevor Welke auf Integration zurückkommen möchte. „Die Regierung erzählt jetzt ständig, wie wichtig Integration wäre, gibt aber nächstes Jahr 15 Millionen weniger für Integrationskurse aus. Das ist doch Heuchelei pur!“

Doch das war zu viel für den Stammtisch, spöttisch und mit tief-maskulinem Fußball-Gesang vertreiben sie ihn mit „Oli Welke ist homosexuell“ wieder auf seinen Moderationsposten.

The show must go on.

00:19 06.01.2013
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Geschrieben von

Der Kultureinflößer.

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