der selbstleser

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RE: Der Mythos des liberalen Interventionismus | 18.12.2010 | 16:42

Mein linkes Denken gründet sich nicht auf „Antidenken“ nach dem Motto; der Gegner meines Gegners ist mein Freund. Daher wäre ich während des Kosovakrieges auch nicht wie der linke Gysi nach Belgrad geflogen um mit Milosevic zu posen. Welch eine Naivität. So wundert mich auch nicht wenn jetzt raus kommt, dass die „Linke“ zwar offiziell die Nato bekämpft, aber ihr Fraktionschef Gysi US-Botschaftern versichert, dass die Forderung nur vorgeschoben sei, um Fundis in der Partei ruhigzustellen. Das ist das Problem der deutschen Linken; sie hat nicht den Arsch in der Hose in den Spiegel zu schauen und sich sein „hängengeblieben“ einzugestehen. Stattdessen begnügt man sich damit sogar chauvinistischen Massenmörder die Hand zu schütteln, nur weil man nicht im Heute angekommen ist und so parodiert man das eigene Linkspolitische.

Und nun kommen Sie, Papanui, mit einem Potpourri von „Argumenten“, die sich in Verschwörungstheorieblogs sammeln lassen und nur den Tiefpunkt der Verwirrung linkschem Blockdenken aufzeigen. Jeder der sich mit dem Balkan auskennt weiß , dass die Kosovo-Albaner nicht viel von religiösen Ideologien halten und dass es keine „Mudshaheddins“ in der UCK gab. Dagen ist religiöse Unterfütterung ein Bestandteil serbischer Politik. Dazu kann ihnen der linke Cohen Bendit einiges erzählen. (siehe u.a. griechisch-orthodoxe Brüder als Freiwillige beim Srebrenica Massaker). Der Eingriff der westlichen Staaten in den Kosovo-Krieg muss im Kontext der gesamten Jugoslawienkriege betrachtet und verstanden werden. Die Erfahrungen aus Bosnien, die ethnischen Säuberungen und zu Letzt der Fall Srebrenica, hatten in der Politik, der Bevölkerung, den Kirchen etc. zu einem Umdenken geführt. Manchmal ist Geschichte einfacher als krampfhafte Verschwörungstheorien weiß machen wollen. Das ist Politik, die man sachlich analysieren kann. Man kann sich aber auch dem Verschwörungssuff hingeben und sich gegenseitig auf die Schulterklopfen.

Und wenn man oft genug klopft, dann fühlen sich auch andere wie little Louis ermutigt ihr Gedankengut dazu zu kippen. 1. Man kann alles zu allem zu lesen bekommen. Das ist erst einmal eine rein quantitative Errungenschaft der Technik. Die Kosovo-Albaner hatten unter der Führung Rugovas 10 Jahre eine gewaltfreie Politik betrieben. Viele Menschen wurden verfolgt, misshandelt und getötet. Das konnte man auch lesen und sehen. Viele Menschenrechtsorganisationen haben Jahrelang auf diese Unterdrück aufmerksam gemacht. Konnte man lesen und hören. Ende der 90er dann konnte man auch von vereinzelnden Nadelstiche gegen die serbische Miliz lesen. Eine Miliz die in Belgrad nicht geduldet werden würde, wurde ins Kosovo importiert und ihre einzige Aufgabe war es durch die Dörfer zu ziehen, einzuschüchtern und zu misshandeln, um das Volk vor weiteren Demonstration und Aufständen abzuhalten. Und von diesen Fällen hast du dann gelesen.

Und das schließt sich der Kreis und wir sind wieder bei dem Punkt, um den es mir seit Beginn der Diskussion geht; Verhältnismäßigkeit statt Relativierung. Niemand wir das deutsche Volk der 40er Jahre als Widerstandsvolk bezeichnen weil es die Geschwister Scholl gab. Aber auch niemand wird heute das deutsche Volk als Pädophilvolk bezeichnen weil sich Fälle von Pädophilie in den Sechsuhrnachrichten vermehren. Krampfhaft versuchen einzelne Aspekte kontextlos mit der Pinzette raus zu picken um die eigene Position zu rechtfertigen führt zwangsläufig zu diesen Verirrungen. Auf ihr „Argument 2“ einzugehen erspare ich uns. Das ist mir zu lächerlich. Man muss ja nicht jeden Dreck aufheben der einem vor die Füße geworfen wird. Ein wenig mehr Niveau darf man erwarten.

Ich denke, dass die „Kommentare-Diskussion“ hier an seine Grenzen stößt. Ich habe zwar nicht die Hoffnung gehabt hier einige zum differenzierten Denken zu bewegen, aber jemand muss ab und zu in „Foren“ das gemütliche gegenseitige Schulterklopfen unterbrechen. Und sei es nur um sich kurz seinem eigenen Gerede bewusst zu werden. Ich bitte um Verständnis für die Länge meines Textes. Gruß

RE: Der Mythos des liberalen Interventionismus | 17.12.2010 | 15:40

Was die Selbstgerechte angehet, so kann ich ihnen schon jetzt nicht das Wasserreichen. Aber was den Inhalt der Diskussion betrifft, ja, da geht noch einiges.

Ich kenne auch die Tito-Ära, doch mein schreiben hatte nichts mit Tito zu tun, sondern unteranderem mit Serbien innerhalb Jugoslawiens. Und das Serbien im Kosovo zusätzlich seine eigene Politik betrieben müsste für Kenner kein Geheimnis sein. Denn unabhängig davon in wie weit Tito den Albaner wie anderen Völker Jugoslawiens Rechte zugesprochen hat um damit auch Serbiens Nationalismus in die Schranken zu weisen, gab es eine Unterdrückung der Kosovo-Albaner durch Rankovics Politik schon seit dem Ende des zweiten Weltkrieges. Diese Politik wurde weitergeführt und fand sein Ende 1999. Wenn ich hier Montenegro, Serbien oder sonst einen anderen Balkan-Staat anführe, dann nicht um den einen durch das Aufzeigen der Fehler anderer wett zu machen, sondern um einen Grad an Verhältnismäßigkeit in die Diskussion zu bringen. Die Kosovo-Albaner können nichts dafür, dass ihnen die NATO, die USA, Fischer oder sonst jemand geholfen haben. Und was auch immer ein Thaci gemacht haben soll, auch das kann nicht das Recht der Kosovo-Albaner mindern Selbstständig zu sein. Sie haben, im Gegensatz zu Serbien, Kroatien oder Slowenien sich nicht aussuchen können ob sie im jugoslawischen Verbund sein wollen oder nicht. Sie haben sich auch nicht ausgesucht ob sie Unterdrückt werden oder nicht. Ihre Abspaltung war mit oder ohne Krieg eine Frage der Zeit. Es gibt kein Land auf dem Balkan, das den waffenlosen Widerstand gewählt und getragen hat wie die Kosovo-Albaner, es gibt auch kein Land auf dem Balkan, das kooperativer mit Den Haag gearbeitet hat als Kosovo. Ein Verbrecher ist ein Verbrecher ist ein Verbrecher, egal ob er Thaci oder Müller heißt oder was auch immer. Aber die Relativierung der Unterdrück und des Rechts der Kosovo-Albaner sich von Serbien loszulösen, eine Relativierung die schleichend in die Thaci-Kritik mitgeführt wird oder in Schnappschüssen wie die von sachichma die gerne als „dokumentarisch“ aufgefasst werden sollen, bleibt nur eine verzweifelter Akt politische Engstirnigkeit zu rechtfertigen.

RE: Der Mythos des liberalen Interventionismus | 17.12.2010 | 13:07

Applaus, Applaus…. Nach dem Dick Marty Vorwürfe erhoben hat, aber keinerlei Beweise vortragen kann, außer die Vorwürfe die Del Ponte in ihrem Buch erwähnt, aber gleichzeitig eingestehen musste, dass es keinerlei Beweise dafür gibt und es nur Gerüchte bleiben, nach dem also Herr Marty nochmal unbewiesenes zitiert, fühlen sich selbsternannte „linke“ Kämpfer im Namen der Wahrheit und der Gerechtigkeit zum „wir haben es doch schon immer gewusst“-Aufschrei ermutigt.

Zum linkspolitisch Denkenden habe ich mich erzogen und möchte mich auch weiterhin so definieren. Aber während des Kosovo-Krieges musste ich schmerzhaft erfahren, dass die Linke, besonders die in Deutschland, „hängen geblieben ist“. Hängen geblieben und dauerverletzt übt sie sich im ständigen Antikampf und ist sich nicht zu schade dafür, auch zehntausende Opfer zu relativieren. Ein Neil Clark hätte ich für ernst nehmen können, wenn er vor dem Kosovo-Krieg seine Stimme erhoben hätte. Er hat sie nicht 1968 und später 1981 erhoben, als es Kosova-Albanische Studenten waren, die gegen ein Zweiklassensystem und Unterdrückung der Bevölkerung Kosovas auf die Straßen gingen und gegen die Polizei und Militär-Miliz aufgestellt wurde. Bilanz: Inhaftierungen, Folter und Tote. Er hat sie nicht erhoben als 1989 die nationalistische Propaganda Milosevics, erst gegen die Kosovo-Albaner und dann gegen die anderen Völker Jugoslawiens, mit dessen Auftritten im Kosovo seinen Anfang nahm. Er hat sie nicht erhoben, als es eine systematische Unterdrückung der Kosovo-Albaner im Apartheitsstil begann und das allein aus dem Grund der ethnischen Zugehörigkeit dieser. Untätig und immer noch liebäugelnd mit dem „sozialistischen“ Staat Jugoslawien, der nie ein demokratischer oder soziale Staat war, sondern im inneren immer ein repressiver Staat war, ist die linke und besonders die deutsche linke blind und untätig gewesen. Nach einer zehn Jahre andauernden Phase pazifistischem Widerstand der Kosovo-Albaner und ohne jegliche Hilfe von Linksengagierten Europas, nach den Jugoslawien Kriegen an denen sich die Kosovo-Albaner nicht beteiligen wollten und immer noch auf den friedlichen Widerstand setzten und nach Srebrenica brach irgendwann der bewaffnete Kampf aus. Und er wurde erhört, bis nach Berlin, London und Washington. Und jetzt erst als sich einige dem Thema widmeten und etwas taten, auch wenn es nicht immer glanzvoll gewesen sein mag, aber sie taten was; ob ein Fischer oder ein Clinton u.a. Ja, jetzt erst meldeten sich die Freiheit- und Wahrheitsliebenden Linken zu Wort. Und ihre einzige Idee; dagegen sein und sei es um den Preis der indirekten Legitimation und Unterstützung eines Apartheitsregimes wie das in Serbien.

Die „linke“ hat auf ganzer Strecke versagt. Und nun erfreut man sich an einige Vorwürfe, oder daran, wenn eine Schmugglergruppe im Kosovo ausfindig gemacht wurde, um sich in Glauben bestätigt zu fühlen, dieser Staat sei ein krimineller, wissend doch, dass das sonnige Montenegro wo wir gerne mal Urlaub machen das Schmuggelland Nr.1 für Zigaretten und Öl während und nach den Jugoslawien Kriegen war und ist. Oder, dass Serbien immer noch ein von Nationalisten, Organisierter Kriminalität und leider auch negativ von der Orthodoxen Kirche beherrschter Staat ist. Aber das ist irrelevant wenn das Ziel einer sich gemütlich machenden „Linken“, das Schattenboxen gegen Schablonen wie NATO etc. ist, statt integeres und blockfreies Denken ist.

Ich bleibe weiterhin „linker“ aber nicht des Wortes wegen, sondern der Prinzipien wegen. Alle anderen können sich es sich weiterhin gemütlich machen bei einem Filmabend mit „Wag the Dog" hatte ein erschreckend ähnliches Szenario Jahre vor dem Überfall sogar auf“ und sich in unbewiesenen, vielleicht aber auch möglichen Fällen, suhlen, in der Hoffnung sie könnten in die Suppe anderer spucken, wenn sie schon nicht in der Lange sind ein eigenes Rezept vorzulegen. Ein trauriges Bild.

p.s. mein Text lang geworden ist, erspare ich es Euch den Artikel von Neil Clark in seine Einzelteile zu zerrlegen.