Weihnachtsbunker

Festhölle - im trauten Heim
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© 2005 by Tomasz G. Sienicki

Das Haus ist voller Nachwuchsmenschen und deren adulte Begleitung. Alle im Rausch, als wären sie auf Meta-Amphetamin. Meine Frau tauscht Küsschen hier und Küsschen dort, sowie in buntes Papier gewickelte Gegenstände aus. Die Küche, als zentraler Ort des Geschehens, ist für mich nicht mehr benutzbar, da voller Menschen und deren Geräuschen. Und das wird jetzt die nächsten Tage so gehen. Gut, daß ich meine Idee, ein Kleinst-Kühlgerät ins Arbeitszimmer zu installieren, rechtzeitig realisiert habe.

“Papa,Papa läss du mich mal kurz rein?“ kratz die Göre, die ich vor 15 Jahren gezeugt habe, an der von mir verrammelten Tür . Papa? Die nennt mich sonst nie Papa. Ich weiß, sie will nur mein Savegame von Hitman 5 (durchgespielt im Purist-Modus), um vor ihrer Peergroup damit angeben zu können. Dabei schafft sie nicht mal die dritte Mission in der Schwierigkeitsstufe "Anfänger". Ich reagiere nicht, stelle mich tot und warte bis sie mit einem gezischten "Du Arsch" abzieht.

Der Klimax des weihnachtlichen Deko-Wahns, meiner holden Gattin und der von der selbigen und mir(?) produzierten Menschen (vier an der Zahl), war mit dem Schmücken eines Nadelbaums erreicht, nachdem ich diesen, unter Androhung von Gewalt, Liebesentzug und sexueller Verweigerung, am frühsten Morgen, von einem verbrecherischen Element für 85 Euro(!) erwerben und vom Erwerbsort in das Familienzimmer ausliefern und aufstellen musste. Dass die Vorstellungen meiner werten Gattin, zur Dekoration dieses toten Baums, mit den Vorstellungen des in unserem Haushalt hausenden Katzenclans kollidierte, konnte meine Rachegelüste nur teilweise befriedigen.


Alle halbe Stunde klopft jemand an die Tür meines verriegelten Arbeitszimmers. “Hey Splitter, wie geht’s?“ (ich heiße natürlich im RL nicht Splitter, klar ne?). Ein beherztes “Fuck you“ von meiner Seite, beendet sofotigst jeden weiteren Versuch mit mir Kontakt aufnehmen zu wollen. "Was ist denn mit dem los?“ wird sich an mein Frau fragen gewandt . “Der lebt nur seine Sozial-Phobie aus, lass mal.“ antworte sie meiner Mutter. “Ich habe keine Sozial-Phobie!“ brülle ich durch die geschlossene Tür und kann vor meinem inneren Auge sehen wie sich beide verschwörerisch-verständnisvoll zu zwinkern.

Nein, ehrlich. Ich habe keine “Sozial-Phobie“ wirklich nicht. Ich mag Menschen, auch in größeren Gruppen. Ich geh‘ gerne mal in die Kneipe, veranstalte Grillfeste in unserem Garten und LAN-Partys in unserem Wohnzimmer. Ich ertrage sogar Elternabende ohne zum School Shooter zu werden, alles kein Problem. Unser Haus ist eigentlich immer gut mit Menschen gefüllt, ich unterhalte mich sogar mit denen.

Es ist dieses Weihnachtsgetunte, dieses Liebhabscharmützeln, diese Anlassempathie, welche mich dazu treibt, mich in meinem Arbeitszimmer zu verbarrikadieren. Leider habe ich es auch dieses Jahr wieder versäumt mich gebührend vorzubereiten. Ich meine damit nicht Kessel voll siedenden Öls, um diese über den herannahenden Weihnachtsflashmop auszukippen, sondern habe es wieder versäumt einen Gaskocher und einige Dosen Ravioli zu deponieren, sowie meine Freunde Jack, Glen und Johnnie einzuladen. Auch ein Notstromaggregat werde ich mir zulegen, denn jeden Moment wird meine Gattin, wie jedes Jahr, um mich herauszulocken, an den Sicherungskasten gehen um den Schalter für mein Arbeitsz

17:02 23.12.2012
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