boysetsfire - ein Leben für die Energie

Konzertreview Die Freiheit der Musik, die Energie, die sie erzeugt. Live-Review des boysetsfire-Konzertes am 9. August 2012 in der Kölner Essigfabrik - und mehr.
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boysetsfire – ein Leben für die Energie

Die Musik ist der Religion nicht ganz unähnlich – und doch komplett anders. Musik will Dich nicht bevormunden – Musik will Dich befreien. Musik will nicht Deine ungeteilte Liebe – und bekommt sie am Ende doch. Musik erwartet nicht, dass Du Dein Leben nach Ihr ausrichtest – und doch schenkst Du Ihr Deine Seele. Musik will nicht Deinen Gehorsam – sie schärft Deinen Verstand, Deine Aufmerksamkeit, Deinen Widerstand, Deinen Enthusiasmus, Deine Hingabe.

Die Musik die all das in mir auslöst, und das ungeteilt zu jeder Zeit, in jeder Situation, in jeder Lebenslage, die mir ihre Energieschübe direkt ins Herz schießt, die mich zuverlässig aus jedem Tief herausholt oder die mir auch schon mal kräftig in den Arsch tritt, wenn ich mich in Selbstmitleid suhle ist ganz real, bodenständig, geerdet, voll von anarchistischer Wut, poetischer Wucht, wärmender Liebe, beißender Kritik, glühender Energie, ergreifender Schutzlosigkeit - schlicht von einer Ehrlichkeit, die, von einem Menschen zu verlangen, beinahe zu viel verlangt wäre. Diese Musik, die mich antreibt, mich inspiriert, die mir anstelle beschissener Produkt-Versprechen, wie etwa der stinkenden Red Bull-Flügel, verlässlich die Erhabenheit verleiht, das was ich tue, mit genau dem kleinen Bisschen mehr an Energie und Liebe zu tun, damit es besonders wird, diese Musik kommt von boysetsfire.

Und eben jenen zu Ehren pilgern wir am 9. August 2012 wieder alle nach Köln. Die einzige Angst, die sich vorab in mir auf den kleinen Hocker neben Sofas voller Vorfreude und grundgut gelaunter Stimmung setzt, gibt sich tumb dem befürchteten Dämpfer hin, dass ich schlicht zu viel erwarten könnte, von dieser im Jahre 2007 in großer Freundschaft und in herzzerreißenden Abschiedsshows aufgelösten Ausnahmeband, dessen unausweichliche Rückkehr nicht nur ich mit Erleichterung bejubelt habe. Vorweg: Die Angst was nicht nur unbegründet, die Angst war dumm – aber so ist es immer mit der Angst – sie ist dumm! Diese Band ist und bleibt ein Bollwerk des Hardcore, eine Institution des Wir-Gefühls. Das Sprachrohr inzwischen mehrerer Generationen von Freigeistern, von Menschen, die Politik nicht schlicht als Übel wahrnehmen, sondern, als eine Herausforderung begreifen, der es sich zu stellen gilt. Jeder auf seinem Gebiet, jeder wie er kann, nichts muss, aber alles, alles geht – und Du bist niemals alleine dabei! Du hast Verbündete. Und von diesen Verbündeten ist die Kölner Essigfabrik am diesem heutigen Abend bis zum Bersten gefüllt. Zunächst sogar unangenehm gefüllt.

Nichts gegen die Vorbands dieses Abends, wer wäre ich, diese abzukanzeln, zu vergleichen oder gar schlecht zu reden. Viel zu oft hat man Top-Acts erlebt, die den Bands, die für sie eröffnen entweder nur einen schrecklichen Sound zubilligen, oder sich sonstwie diesbezüglich als Ekel erweisen. Nicht so boysetsfire. Und das nicht nur, weil sie es nicht nötig haben, sondern viel mehr, weil es gegen alles ginge, für das diese Band steht. Aber Fakt ist leider auch: Gegen diese Band hat niemand wirklich eine Chance. So gesehen ist es eine Ehre, aber auch eine ebensolche Bürde, für sie zu eröffnen. An dieser Stelle also noch einmal einen großen Respekt an Red Tape Parade und Off With Their Heads.

Als schließlich das BSF-Backdrop-Banner mit dem Slogan „While a nation sleeps“ über der Bühne thront, kann man die allgemeine Vorfreude bei wirklich jedem im Saal spüren. Übrigens sind die Leute hier – wie eigentlich bei allen Hardcore-Konzerten mal wieder einfach nur nett, kommunikativ und hilfsbereit – was sich nicht nur im kollektiven Abgeben einer im Tumult gefundenen Brille beim boysetsfire-Sänger Nathan Gray und dessen akribischer Suche nach dem Besitzer zeigte. An dieser Stelle einen unbekannten Gruß, an den halbnackten jungen Mann, der sich mit mir vor der Bühne verbrüdern wollte, die Augen tränennass vor Emotionalität beim finalen Ruf „Redemption`s all we need!“. Doch ich greife vor. Schon vor dem ersten Ton ist plötzlich alles klar. Ich habe keine Ahnung warum, aber jeglicher Zweifel zu viel zu erwarten, erstirbt und macht Platz für dieses wohlig-warme, aber angenehm aufgeregte Bauchgefühl, dass man verspürt, wenn man urplötzlich genau weiß, dass man jetzt genau, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle ist.

Und dann geht es nicht nur los, es wird entfesselt. Von der ersten Textzeile an, singen, schreien nahezu alle Anwesenden jedes einzelne Wort, das von der Bühne schallt, synchron und unfassbar textsicher zur, ob dieser Tatsache, sichtlich gerührten und enthusiastisch aufspielenden Band zurück – obwohl sie es eigentlich gewöhnt sein müssten. Das ganze Konzert ist von Anfang an eine Familienzusammenführung – man kennt sich nicht, aber fühlt sich zu Hause. Es ist ein Hochamt derjenigen, die nicht nur die unfassbare Energie der Band zu schätzen wissen, sondern, die jeder einzelnen Zeile den Respekt geben, die sie verdient. Sogar das vom Band eingespielte, pathetische Intro zu „Walk Astray“ wird derart laut und mit Leidenschaft mitgesungen, dass der 1000-köpfige Chor mit „I don`t wanna sing about freedom anymore“ jedes einzelne Haar auf dem Arm senkrecht zu Berge stehen lässt.

Bei großen, bekannten Bands würde man wohl von einem Hitfeuerwerk reden. Aber bei dieser in unseren Herzen wahrhaft großen Band, ist schlicht jeder Song ein Höhepunkt voller Erinnerungen, voller Emotionen, voller Kampfgeist. Und das Schönste zwischen diesen so lieb gewonnenen Songs ist, dass sich die neuen hier nahtlos einreihen und sofort in die Familie aufgenommen werden, was vielleicht auch daran liegt, dass BSF die Lyrics zu „Bring Back The Fight“, „Until Nothing Remains“ und „Let It Go“ bereits als Download auf boysetsfire.org zur Verfügung stehen. Auch wenn ich nach wie vor nicht hinter das Geheimnis von Nathan Grays Stimme komme und warum dieser Mann nicht nach jedem Song für mehrere Wochen heiser ist, gibt es kaum einen schöneren Anlass, um angeschrien zu werden (und die Möglichkeit zurück zu brüllen), als die großartigen Kampfrufe „With your anger! - With your fucking rage!“ und das legendäre „Rise“. Und so könnte ich hier nahtlos an die hundert Gänsehautmomente aufzählen, die mich irgendwann nur noch debil grinsend in diesem Tumult stehen ließen, mir bewusst werdend, dass ich genau das hier nicht nur gerade jetzt, sondern für immer brauchen werde. Es ist eine Sucht, ein Sog, der einen niemals mehr loslassen wird, aber eben eine Sucht, die Dich nicht lähmt und tötet, sondern die Dir die positivste Energie Deines Lebens gibt und Dich spüren lässt, dass Du am leben bist.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber für mich sind diese Songs – natürlich gerade live – das Lebenselexier, was mich auf der Stelle dazu ermuntert, kreativ zu werden, etwas zu erschaffen, auf das ich stolz sein kann, mich nicht in Selbstmitleid oder Agonie zu versenken, sondern nach vorne zu blicken und loszurennen!

Und gleichzeitig bin ich an diesem Abend mal wieder unsagbar stolz auf diese Jungs, diese eine Band auf Augenhöhe, obwohl ich niemanden von ihnen privat kenne. Ja, das geht. Eine Band, die derart lange und auf so hohem Niveau ihr Herzblut in eine Sache steckt, die anderen soviel Mut macht, die ihre Kunst mit derart hochwertigen, wie poetischen, einfach mitreißenden Texten krönt, hat mehr als meinen Respekt verdient! Ich wünsche uns allen ein wundervolles, neues Album und ich wünsche boysetsfire, dass sie ihren Weg unbeirrt weitergehen, aber auch, dass sie weiterhin nicht zur Stadionband mutieren, denn an diesem Abend wird es wieder sehr deutlich: so schwer es mitunter ist an Bier zu kommen, und es – ohne die Hälfte über andere Menschen zu kippen – irgendwie zu trinken, so genial und wichtig ist diese schwüle Hitze, dieser enge, unfassbar laute Kessel für den Hardcore, eine der ehrlichsten Musikrichtungen überhaupt. Hier wird gearbeitet, schwer gearbeitet. Und das seitens der Band, als auch vom Publikum. Hier werden Energien zu gleichen Teilen ausgetauscht, es gibt kein „Ihr da oben – wir hier unten“, es gibt nur Menschen, die sich gegenseitig ihre Leidenschaft schenken. Und genau so will ich das haben!

Wer so brennt wir BSF, wird niemals ausbrennen.
Für immer!

Markus Sänger - http://blogvogel-derherrgott.blogspot.de/

16:42 12.08.2012
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Geschrieben von

Markus G. Sänger

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Markus G. Sänger

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