Das Bewusstsein im Zeitalter der technischen Reprovozierbarkeit-Teil 2

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Teil 2 ...

Zeitreise zurück ins Jahr 2010.

Eine Zeit mit Stuttgart 21 und einer wieder erstarkten Streit- und Protestkultur. Hartz IV ist immer noch da. Merkel ist die Bundeslautsprecherin der sich selber noch christdemokratisch und liberal wähnenden Koalition.


Wir sind heute ohne Zweifel ein kleines Bisschen schlauer, im Sinne von erfahrener, als noch vor sechs Jahren, was das Ambivalente des modernen Politikbetriebes und seiner Protagonisten angeht. Gab es früher noch oberflächliche aber dennoch Lager bedienende Einteilungen in rechts oder links, die zumindest das Stammklientel bedienten und für eine klare Frontlinie sorgten, reklamieren gerade die Grünen das wertkonservative, gut gebildete und durchaus begüterte Wahlpublikum für sich, während die CDU versucht, ihr verwässertes Profil mit vereinzelten Hardlinern und Lichtgestalten zu schärfen, die sich jedoch genauso im Mittelmaß verlieren, wie die immer bedeutungslosere SPD.


Was jedoch schwer im Kommen ist, liebe Freunde von Seiten der Politik, ist definitv das, was Ihr bereits im Jahre 2004 eingefordert habt. Nämlich die Wahrnehmung der Eigenverantwortung eines jeden Bürgers. Ohne jeden Zweifel ist dieses nicht zuletzt durchs Web 2.0 begünstigte Verhalten nicht wirklich das, was Ihr einst placebogleich eingefordert habt, denn schließlich werden nun Eure Entscheidungen und Privilegien angezweifelt, in Frage gestellt und auch schon mal komplett über den Haufen geworfen. Plötzlich sind die Mechanismen, derer Ihr Euch ein ganzes Politikerleben lang bedient habt, vermeidlich nicht mehr fair und demokratisch. Da ist einmal etwas parlamentarisch beschlossen worden und die undankbare Bevölkerung will dennoch hier und dort dagegen aufmucken. Ja gut. Das ist dann wohl das Gleiche wie den paradoxen Ausstieg aus dem Atomaustieg zu beschließen, der ist ja auch mal irgendwie durch das Parlament gegangen und ratifiziert worden. Man könnte fast sagen, liebe Leute, wir sind quitt. Aber das wäre dann doch für beide Seiten zu einfach. Dabei hat gerade jetzt die Demokratie begonnen sich auf ihre ureigendsten Eigenschaften zu besinnen und ein – übrigens nicht geheimes sondern komplett öffentliches – Eigenleben zu führen. Ist das nicht wundervoll? Eine Aktion ruft plötzlich, wie von der Physik gewollt, wieder eine Reaktion hervor. Als hätte sich der Geist befreit vom schlichten Theorem und hinein gestürzt ins wahre Leben.


Das Neue an unserer Lebenswirklichkeit anno 2010 ist doch tatsächlich das Bewusstsein. Und hier – das kann ich nun selber akzeptieren oder nicht – haben durchaus die neuen Medien – Technologien – ihre digitalen Finger im Spiel. Haben uns auch immer schon jene Reporter fasziniert, die unter Verleugnung ihres eigenen Lebens in Krisengebieten gestanden haben, die uns subjektiv unterrichteten von Greueltaten, politischen und sozialen Umstürzen und den großen Geschehnissen unserer Zeit. Heute sind wir fast überall in Echtzeit dabei. Und wir haben nun nicht mehr eine subjektive Meinung. Wir haben tausende. Und obschon ich Peter Scholl-Latour oder Klaus-Peter Siegloch immer ihre Unabhängigkeit abgenommen, ihre journalistische Kompetenz bewundert, Jahrzehnte lang an ihren Lippen gehangen habe, waren es dennoch stets Besucher in einem fremden Land. Twitter ermöglicht es heute die Meinungen der Betroffenen zu hören, sie zu mutiplizieren und Ihnen noch vor jeder Presse-oder Regierungszensur der Welt das Gehör zu verschaffen, das sie verdienen.


Ich verstehe, kann es mir zumindest sehr gut vorstellen, dass es für einen Politiker alter Schule schwer hinnehmbar ist, plötzlich weder der Erstinformierte zu sein, noch das Kommentarmonopol inne zu haben. Aber, meine Damen und Herren, das ist unsere Wirklichkeit. Das Rad lässt sich nicht mehr zurück drehen. Und ich bin felsenfest im Grunde meines demokratischen Herzens davon überzeugt, dass wir auf diesem Weg des schwarmhaften Wissens eine paar Unsäglichkeiten, wie beispielsweise singulär vorteilhafte Absprachen, überwinden können, um der Vision einer freien und offenen Welt näher zu kommen. Und ich sage bewusst Welt, nicht Gesellschaft, denn die Welt die Ihr geschaffen und wir offensichtlich gewollt haben – das beweist unser alltägliches Konsumverhalten besser als alles andere – ist nun einmal eine unumkehrbar globalisierte Welt. Und mit jedem Tag begreife ich ein wenig mehr, müsst auch Ihr begreifen, dass Globalisierung nicht länger nur die Vorteilnahme der Wirtschaft bedeutet, nicht alleine die Einflussnahme der Reichen und ohnehin Meinungsbildenden, nicht bloßes Geldverdienen auf erdumspannender Ebene, sondern das Zusammenwachsen der gesamten Weltbevölkerung. In Sachen Meinung, Willen, und auch Freiheit. Kein Volk der Welt will in Unfreiheit leben. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.


Und hier fallen spannenderweise nun doch zwei bedeutsame Entwicklungen zusammen.

Der technologische Fortschritt in Form der weltweiten – zum Glück noch nicht mit national ambitionierten Motiven reglementierten – Vernetzung ermöglicht es Menschen überall auf der Welt – ja, durchaus noch sehr lange mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Auswirkungen – mit anderen, sozial, kulturell, ethnisch oder sonstwie anders gearteten Menschen in Kontakt zu treten, deren Lebenswirklichkeiten zu begreifen und ihre Position zu verstehen. Und während auch die politisch eher harmlosen, gesellschaftlich sogar eher fragwürdigen Plattformen wie facebook ihren im noch größeren Rahmen stattfindenden Siegeszug um die Welt fortsetzen, stellt sich eine globale, durchaus von nationalen Zwängen befreite außerparlamentarische Opposition dazu auf, es vereint und unglaublich kreativ mit den Mächtigen dort draußen aufzunehmen. Wer nun meint, die Bedeutung des Wortes an sich hätte angenommen, braucht ja keine Angst zu haben, allen anderen sei gesagt, das Wort ist das mächtigste Instrument, dessen Menschen überhaupt habhaft werden konnten.


Die andere Entwicklung ist jene, die sich weniger global als vielmehr lokal ereignet. Brave, mitunter bislang biedere Bürger erheben genau das Gleiche wie weltweit die Blogger und Twitterer: ihre Stimme. Aus ihren ureigendsten und durchaus egoistischen Bedürfnissen heraus beginnen sie plötzlich zu erkennen, dass die aufs Große ausgelegte Politik zu Gunsten der Konzerne keine Rücksicht mehr nimmt auf den Einzelnen. Es sei denn natürlich, es geht um sein einträglich geclustertes und in Nielsen-Gebiete eingeteiltes Konsumverhalten. Nun gut, was soll`s? Wenn sie das von einem wissen wollen, sollten sie auch nach einer Meinung fragen.


Und nun trifft lokaler Unmut auf globale Meinungsfreiheit und gibt dem Individuum, obschon er sich weltweit doch so klein und unwichtig fühlt, den Mut den man benötigt, um sich seiner Bedeutung gewahr zu werden. Bringt man nun die – zumindest in der westlichen Welt weitestgehend verbrieften – Persönlichkeitsrechte zusammen mit dem Bewusstsein, dass, unabhängig von der politischen Führung einzelner Länder, die übermächtig große Anzahl der Menschheit, in Freiheit und Frieden mit anderen leben möchte, kann man sich sehr schnell ein Bild davon machen, was die wahre, wenn auch stille, Revolution ausmacht, die wir zur Zeit erleben.


Dezember 2010. Die Welt ändert sich.


Aber eben auch nicht schneller, als all die Jahre zuvor. Denn das würde bedeuten, dass sich die Menschen selber in einer so unerfassbaren Metamorphose weiter entwickeln – die Richtung in die das geschehen könnte, sei einmal dahingestellt – dass man hier überhaupt von Fortschritt im humanen Sinne sprechen könnte. Dass sie ein Bewusstsein entwickeln, welches sich grundlegend von dem vergangener Generationen unterscheidet.

Aber ist das der Fall? Sind es nicht nur die Mittel und Technologien zur zwischenmenschlichen Beziehungspflege, Kommunikation, Kriegsführung, Verwertung von Rohstoffen aller Art oder Konservierung uns wertvoll erscheinender Güter, die sich verändert, ja gar revolutioniert haben?


Die Antwort liegt auf der Hand! Und wir sind uns dessen sehr wohl bewusst.


15:08 18.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Markus G. Sänger

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Markus G. Sänger

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