Twitter, quo vadis

Twitter Die Top 10 der Twitter Fails.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Platz 1 – das Nachdenken über die Erweiterung der 140 Zeichen
Alleine das Gerücht über Deine Gedanken, mein liebes Twitter, ist es Wert, sich über alle Maßen zu echauffieren. Würde die Katholische Kirche auf den Mythos der Jungfrauengeburt verzichten? Würde sich ein Fußballprofi freiwillig die Beine mit einer Axt abhacken? Würden Hunde ihre Knochen verschenken? Wie kann man ernsthaft darüber nachdenken, seine Seele zu verschenken? Und in Feuerlettern leuchten in der Ferne die Worte Investorengeschmeiß und Dividende auf.
Platz 2 – der Tod des Fail Whales

Liebes Twitter, Du hattest in Deinen frühen Kindertagen dieses wunderbare Tier, den von Yiying Lu gestalteten Fail Whale, welches einen die damals durchaus des öfteren vorkommenden Phasen des Überlastetseins Deiner Server mit Wohlwollen und einem gewissen Gleichmut ertragen ließ. Der Gute stammt noch aus einer Zeit, da Du Dich twttr nanntest und ich muss sagen, seit 2013 failt er nicht mehr, er fehlt.

Platz 3 – das Ersetzen der Sterne durch Herzen
Ich denke, diesen Punkt muss ich gerade in diesen Tagen nicht allzu ausschweifend kommentieren. Die Wunde ist noch frisch und die rückgratlose Anbiederung an die kritische Netzmasse (ja, wir alle denken hier an das seelenlose Facebook) hat zu Recht die aktiven Twitterer auf die Barrikaden gebracht. Der Stern war eben nicht nur ein Stern. Die Bedeutung war niemals ein Schulterklopfen, wie man es auf Facebook zu bekommen gewöhnt ist. Das verdammte Herz ist es. Simpel, bieder und vor allem nicht kompatibel mit Anteilnahme. Wenn mir ein Follower schreibt, dass er seinen Hund heute einschläfern muss, werde ich den Teufel tun und ein rotes Herz an diesen Tweet heften. Das "gefällt mir absolut nicht"! Alleine diese kleine Änderung hat mir leider gezeigt, dass die Twitterverantwortlichen nicht wirklich wissen, wie Ihr "Hauptkapital", nämlich wir, die wir Twitter täglich als Harduser nutzen und leben, Twitter wirklich nutzt. Nehmt die verdammten Herzen und das "Gefällt mir" und schickt es Herrn Zuckerberg zurück.
Platz 4 – Gesponserte Tweets
Ja, mein liebes Twitter, Deine Eltern haben Dich dummerweise an die Börse gebracht und dort wollen die Menschen, die für Dich bezahlt haben natürlich auch etwas sehen. Vorzugsweise Geld. Viel Geld. Dumm nur, dass Du eine (im Großen) intellektuelle Infrastruktur mitbringst und förderst, die nicht gewillt ist, sich vorwiegend kommerzialisieren zu lassen. Deine User sind im Übermaß - verglichen mit anderen, hier nicht schon wieder genannten Plattformen - kritisch und vor allem eins: kreativ. Das Klatschvieh steht vorwiegend drüben, in Nachbars Garten. Allerdings gäbe es gewiss Möglichkeiten der Monetarisierung Deines Daseins. Allerdings sind diese unsäglichen gesponserten Tweets einfach nur die Tontaube, die Du Deinen durchaus begabten Schützen vorlegst, um sie en masse zu erlegen. Kaum ein Twitterer, der nicht eine stattliche Sammlung an Spamblocks vorweisen kann. Auch eine Sportart. Es nervt nur bedingt, wird aber Dein finanzielles Problem nicht lösen.
Platz 5 – Tweets die Dich auch interessieren könnten
Twitter, Du hast ein wundervolles Grundprinzip: ich lese die Tweets der Menschen, die ich wünsche zu lesen. Ich möchte kein "wer das liest, liest auch"! Ich entscheide mich sehr bewusst, wessen Texte mich interessieren, wer mich beeindruckt, wer mich fesselt. Und Du, mein Twitter, möchtest plötzlich wissen, was mich auch interessieren könnte? Du möchtest mir vorschreiben, wen ich kennen möchte? ICH, liebes Twitter, möchte genau DAS nicht, denn DAS machen ALLE anderen Plattformen. Du warst da bisher anders.
Platz 6 – die Unterscheidung in "Top Tweets" und "Alle Tweets"
Ach Twitter. Deine Unschuld hast Du natürlich bereits verloren und ich möchte Dir auch keine Stagnation verordnen, aber nur weil 10.000 Menschen einen Tweet gefavt (und Du kannst Gift darauf nehmen, dass dieser Ausdruck Bestand haben wird) haben, ist er noch lange nicht besser, interessanter, relevanter als ein Tweet, der vielleicht gar keinen Stern bekommen hat. Es gehört nämlich ebenfalls zu Deinen ureigenen Stärken, dass Twitterer mit mehreren Millionen Followern nicht wirklich diejenigen sind, die die besten Tweets schreiben. Ansonsten müsste man den hilflos vor sich hin mäandernden Tweets eines Boris Becker oder den hohlen Altherrentweets eines Oliver Pocher ein Gutmaß an Weisheit zuschreiben, die die Protagonisten nicht ansatzweise halten können. Bei dieser Gelegenheit könnte man auch durchaus einmal über die blauen Haken nachdenken, denn bis auf wenige Ausnahmen sind sie eher der Garant dafür, dass hier jemand kein Risiko eingehen wird.
Platz 7 – Während Du weg warst
Mensch Twitter. Während ich weg war, hatte ich entweder keinen Bock auf Dich oder aber ich bin informiert durch Listen oder sonstige Tools. Ein Funktion, die schlicht verzichtbar ist.
Platz 8 – Umfragen, es gibt jetzt Umfragen
Auch das ist recht schnell abgefrühstückt. Ja, Umfragen, schön, toll. Kann man machen. Aber warum? Ich meine, hey auf Facebook sind sie nicht allzu versiert im Umgang mit Worten. Da kann man schon mal eine Hühnerleiter machen. Aber brauchen wir das auf Twitter wirklich? Es tut nicht weh, aber es ist auch einfach egal.
Platz 9 – die Blockbenachrichtigungen
Mein liebes Twitter. Es gibt Dinge, die Du als amerikanisches Unternehmen gewiss nicht verstehst. Vielleicht nicht verstehen kannst oder auch willst. Aber, wenn hier ein menschenfeindlicher, rassistischer Mensch seinen faschistischen Dreck in den Äther entlässt, wollen wir ihn beim Blocken - was wunderbarer Weise doch recht schnell funktioniert - auch klar benennen können. Würde auch Dir helfen schneller zu handeln. Ich möchte nicht auf Wischiwaschi-Aussagen klicken, wie "Sie sind missbräuchlich und schädigend" oder "Nimmt an Missbrauch oder Gewalt teil" sondern einfach mal auf "tweetet menschenverachtenden Inhalt" klicken.
Platz 10 – die Ausrichtung am Markt
Mensch Twitter, sei mutig! Du hast es im Grunde nicht nötig zu kuschen. Du bist ohnehin das enfant terrible der Social Media Familie. Dei nicht so scheiße korrekt! Damit wir uns nicht falsch verstehen, Du bist immer noch der Dienst, auf den ich als allerletztes verzichten möchte, aber sei nicht so weinerlich börsenorientiert! Bleib mutig, bleib frech, bleib relevant!
11:38 09.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Markus G. Sänger

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Markus G. Sänger

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