Wir zetteln einen Krieg an

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Wir zetteln einen Krieg an.

Einen Krieg, der keinen Stein auf dem anderen lässt. Der jedem Zentimeter des Daseins den Kampf ansagt. Der eine alles hinterfragende Auseinandersetzung auslöst und sich nicht mehr mit faulen Ausreden begnügt. Der ungeachtet persönlicher Ressentiments das gleiche Maß für alles und alle ansetzt.

Ausreden gelten nicht mehr. Nur noch als imperativ geduldete Wortverdrehung für Menschen die etwas zu sagen haben. Und ich wünsche mir so sehr, dass es viele sein mögen, die wirklich etwas zu sagen haben. Das Ziel dieses Kriegs ist weder Zerstörung noch der Untergang einer eventuell unterlegenen Seite. Wir besetzen dieses Wort, diese ganzen Worte und Worthülsen, die uns bislang nur Unheil und Tod, Schmerz und Unterdrückung beschert haben schlicht neu. Allerdings – und das muss hinzugefügt werden – nicht weniger brutal in der Klarheit ihrer Ergebnisse die sie zu provozieren erdacht sind.

Wir zetteln einen Krieg an und sind uns bereits in derselben Sekunde einer Tatsache bewusst, die den meisten Kriegsherren als unmögliche Option erscheint. Wir wissen klaren Verstandes, dass wir im unumkehrbaren Moment des Entfesselns unserer Kräfte nicht zwangsläufig die Sieger am Ende des selbst gewählten Prozesses sein müssen. Wir sind uns der Möglichkeit des eigene Scheiterns derart bewusst, dass es uns sogar noch mehr dazu anspornt, das alles endlich zu starten. Wir beginnen es, damit es möglichst schnell endet. Und es endet erst, wenn es eine an Absolutheit gemahnende Kontur der Klarheit gewonnen hat. Und eben das lässt uns im Zweifelsfall in der durchaus beruhigenden Gewissheit scheitern, dass wir auch dann gewonnen haben, wenn alles, an das wir bislang geglaubt zu haben dachten, von der Wahrheit über den Haufen gefegt wurde.

Genau hier erklärt sich der Unterschied zu den Kriegen die wir so sehr hassen, die wir – zu recht – fürchten und um jeden Preis vermeiden wollen. Vielleicht klingt Krieg in diesem Fall sogar zu harsch, zu gewalttätig im herkömmlichen Sinne – denn das was wir hier tun IST gewalttätig in seiner Natur. Vielleicht klingt es zu primitiv, was es im Wortsinne ja auch ist. Vielleicht löst es eine Angst aus, die keinesfalls zu unterschätzen ist. Wir treten nicht gegen einen Gegner an, den wir von vorneherein als Schurken ausgemacht haben, der so unfassbar offensichtlich Unrechtes, ja Böses tut – auch wenn sich die Nennung dieses „Bösen“ an sich, durch die Dummheit eines amerikanischen Ex-Präsidenten religiös überhöht, inzwischen in zivilisierten Kreisen geradezu verbietet – dass wir uns eine Art Welten verbrennenden Satan vorstellen müssen, um diesem Gefühl überhaupt den Hauch einer Körperlichkeit zu geben.

Nein, wir zetteln einen Krieg an, dem wir – auch wenn wir mit wehenden Fahnen untergehen sollten – nur als Gewinner entkommen können. Dieses verschlissene wie beschissene Wort vom „Scheitern als Chance“ gewinnt plötzlich eine neue, vielleicht eine erste Qualität überhaupt. Natürlich wird es schmerzlich, natürlich tut es weh, natürlich werden wir uns schämen und fragen, ob das wirklich wir sind, die das alles getan haben, insbesondere vor dem Krieg. Es wird – was die gefühlten und realen Rahmenbedingungen angeht – ganz so sein wie in einem herkömmlichen, todbringenden, Krieg. Nur eben ohne Tod.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Wir brechen diesen Krieg nicht leichtfertig vom Zaun oder setzen niedere Ziele in den Fokus unseres Interesses. Dieser Krieg ist unausweichlich, wollen wir Gerechtigkeit schaffen. Wir wollen daran wachsen, lernen, zusammen finden. Das Ziel dieses Krieges darf und wird niemals das des bloßen Bereicherns einer Seite sein. Kriege die dies intendieren lösen über kurz oder lang neue Kriege, immer verhehrendere Kriege aus. Ganze Bürgerkriege beruhen auf der schlichten wie offenbaren Tatsache der Kränkung einer der sich kombattierenden Parteien. Ein unausgeräumtes Detail, eine ungeklärte Erniedrigung kann das Feuer eines jahrelangen Konflikts mit immer frischem Brennholz versorgen.

In unserem speziellen Fall ist dies sogar – eine relativ gesunde Psyche vorausgesetzt – beinahe unmöglich. Ja, es müssen sich hier nicht einmal zwei sich bis auf`s Blut duellierende Seiten gegenüber stehen. Es genügt absolut, wenn sich die Krieg auslösende Seite der behütenden Verantwortung gegenüber der anderen Meinung gewahr ist, sowie der durchaus verstörenden Tatsache, dass sie selber ebenfalls vor Gericht steht. Vor einem absolut neutralen Gericht wohlgemerkt. Denn genau das ist der Punkt. Dieser Krieg soll keine Herrschaftsansprüche durchsetzen, keine territorialen Fehden einseitig determiniert klären, keine kruden Theorien per Macht demonstrierender Gewalt quasi objektiv entscheiden. Dieser Krieg ist ergebnisoffen. Er ist kurz, schonungslos, mit aller Härte ehrlich und letztendlich dient er der Art von Aufklärung, die sich seit ihrer Entdeckung, Einführung, Envoguemachung auf dem abermals unumkehrbaren Rückzug befindet. Er ist der Verfechter eines Gedanken, der Jahrhunderte alt, dennoch aktuell und in jeder Beziehung frei ist. Einem Geist, der sich der Neutralität verpflichtet fühlt.

Einer Neutralität jedoch – und das ist unsagbar wichtig, ja kriegsentscheidend – nur gegenüber Ideen, nicht im vorteilsbedachten Hinblick auf daraus erwachsende Ideologien und deren subjektiver Interpretation. Wir brauchen Ideen, wir benötigen derer so viel. Aber wir haben keinerlei Bedarf mehr an Menschen, die sich dieser Ideen bedienen, um persönlichen Nutzen daraus zu ziehen. Hier sei der gesellschaftliche, gewissen Schichten Vorteil verschaffende Nutzen im Namen einer an sich schuldlosen Idee mitinbegriffen. An Beispielen mangelt es nun wahrlich nicht in der jüngeren wie mittelfristigen Geschichte der Menschheit.

Dieser eine Krieg von dem ich hier spreche, geht niemandem zu Lasten außer dem wohlwollenden Kriegstreiber selber, der die Bedeutung dieses Wortes im Idealfall ad absurdum führt. Dieser eine Krieg ist ein Krieg gegen sich selber und wenn man es niemals erlebt hat, glaubt man nicht ansatzweise, wie brutal, wie bedingungslos, wie existentiell man einen Krieg gegen sich selber führen, gewinnen und verlieren kann. Es geht nicht darum, am Ende den strahlenden Helden, das vordefinierte Ziel, die angestrebte Lösung zu präsentieren. Es geht darum, sich zu lösen von allem Unangenehmen, allem Nachgemachten, allem im Geiste des Gefallenwollens Gesagtem. Es geht darum das Plagiat abzuschütteln, der Gesellschaft endlich den Dienst zu erweisen die sie verdient, oder eben auch nicht.

Es geht einzig und allein darum, man selbst zu sein. Authentisch, ehrlich, aufrecht.

Es geht schlicht um Ehrlichkeit.

* „Und darum zetteln wir einen Krieg an. Und nehmen gerne in Kauf, dass wir damit scheitern. Und alles andere auch. Wir verlieren Boden. Doch sind wir weiter wach. Wir sind stärker als die Nacht.“

*Beeinflusst von Herrenmagazin auf dem 2010er Album „Das Wird Alles Einmal Dir Gehören“

Danke Herrenmagazin

00:03 04.03.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Markus G. Sänger

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Markus G. Sänger

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