Blog: Biedermänner und Brandstifter (1)

PEGIDA Statistische Beobachtungen zur Entstehung einer Bewegung.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wenn ich diesen Artikel beginne, beherrscht mich der Gedanke, dass ich eigentlich gar nicht mehr weiß, wo ich beginnen soll. Vielleicht einfach hier und heute.

Dass also hier und heute in Deutschland wieder ein durchaus ganz erheblicher Teil der Bevölkerung in aktuer Sorge lebt, von einer Minderheit von etwa 4% unterwandert, unterworfen und kolonialisiert zu werden. Wieder ist man überzeugt, diese heimtückische Absicht der verschworenen Minderheit aus ihren eigenen Schriften nachweisen zu können.

Und wieder einmal lässt sich diese Tendenz ganz und gar nicht auf eine irgendwie eingrenzbare Gruppe spezifisch ideologisierter Radikaler eingrenzen. Es findet sich vielmehr ein sehr komplexes Wechselspiel gesellschaftlicher Kräfte, wie es von H. Arendt so trefflich beschrieben wurde1), in dem aus den Eliten von Politik, Wirtschaft und Medien heraus ebenso gezielt wie perfide gezündelt, vor allem aber das Empfinden für mitmenschlichen Anstand Stück für Stück verschoben wird.

Weil es aber noch zu leisten sein wird, diese Geschichte in ihrer großen Linie darzustellen, möchte ich versuchen, in diesem Blog zunächst einzelne Momentaufnahmen zu sammeln und so die "Dynamik der Bewegung" mitzudokumentieren.

Damit zum heutigen Blog-Beitrag.

Nach der jüngsten Begegnung von ~ 10.000 Demonstranten der Initiative "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (PEGIDA) und ~ 9.000 Gegendemonstranten erscheint bei faz online der folgende Kommentar:

„Pegida“-Demonstrationen
Gereizte Stimmung
Es ist ja nicht falsch, was Bundesminister über das Protestbündnis „Pegida“ sagen. Doch die gereizten Reaktionen zeigen nur, dass die Nerven blank liegen.
09.12.2014, von REINHARD MÜLLER

Vieles ist richtig von dem, was Politiker bis hin zu Bundesministern über das Bündnis „Pegida“ sagen: In Sachsen ist vom Islam noch weit weniger zu sehen als vom Christentum, ein führendes Mitglied der Protestbewegung hat sich nicht gerade durch Rechtstreue ausgezeichnet – und ja, es mögen in dem anschwellenden Demonstrationsstrom auch Rassisten mitschwimmen. Richtig ist zudem der Hinweis (wenn ihn auch mündige Bürger nicht nötig haben), dass es sich jeder Teilnehmer gut überlegen sollte, ob er für Ziele in Anspruch genommen wird, die er womöglich gar nicht teilt.

Die gereizten Reaktionen der Regierenden zeigen, dass ihre Nerven blank liegen. Man würde sie gern ignorieren, diese diffuse Stimmung in der Bevölkerung, die etablierte Parteien und überkommene Institutionen ins Wanken bringt. Das Nicht-wählen-gehen wird noch in Kauf genommen, solange die eigene Mehrheit gesichert ist. Aber dass Bürger zu Tausenden auf die Straße gehen, ohne dass dazu ein Bürgermeister oder eine Menschenrechtsorganisation aufgerufen hätten? Unvorstellbar – aber immerhin ein Grundrecht.

Der Artikel soll hier bewusst nicht weiter kommentiert werden. Wer sich für Herrn Müller interessiert, dieser gehört zum engeren Kreis der notorischen "Kenner der Bedroher" bei der FAZ und ist unter anderem Verfasser des brillianten Artikels Islamisten in Deutschland - Unsere Feinde, aus dem der geneigte Leser lernen kann, warum man Muslimen, ganz egal ewas sie sagen oder tun oder eben nicht tun, jedenfalls nicht trauen darf.

Ich denke wirklich, ein Text wie dieser ("...und ja, es mögen in dem anschwellenden Demonstrationsstrom auch Rassisten mitschwimmen...") sollte zunächst sich selbst hinreichend kommentieren. Hier geht es erst einmal um Statistik.

Zum Zeitpunkt dieser Stichprobe fanden sich 63 Leserkommentare zu Herrn Müllers Artikel, gepostet zwischen 9.12.14, 16:25h und 10.12.14, 10:56h.

Im Folgenden habe ich versucht diese posts und die Anzahl der Zustimmungs-Klicks (Sternchen) hierzu in die folgenden Gruppen zu sortieren:

Gruppe 1: anti PEGIDA

Hierunter fallen alle Kommentare, die PEGIDA ausdrücklich negativ bewerten und für eine von Fremdenfeindlichkeit und Ressentiment geleitete Bewegung halten.

Dies brachten insgesamt 9 posts zum Ausdruck, die insgesamt 78 zustimmende Klicks erhielten.

Gruppe 2: kritisch differenziert

Diese Gruppe eint ihre ebenfalls deutliche Abneigung gegen Aktionen wie PEGIDA, denen auch nicht einmal ein berechtigtes Anliegen zugestanden wird. Hierzu tritt eine regelmäßig differenzierte Kritik der Politik, der im Wesentlichen Gleichgültigkeit und Selbstbezogenheit vorgeworfen wird.

In dieser Gruppe fanden sich nur 4 posts mit einer allerdings etwas größeren Zahl von 446 zustimmenden Klicks.

Gruppe 3: nicht pro PEGIDA aber "besorgt"

Mit dieser Formel versuche ich Beiträe zu beschreiben, die sich von der konkreten Gruppe PEGIDA zu differenzieren suchen, im Gegensatz zu Gruppe 2 aber zum Ausdruck bringen, dass sie die Anliegen der Bewegung für berechtigt halten und insbesondere eine schärfere Gangart gegen Ausländer fordern, bevor der berechtigte Volkszorn noch größer wird.

Mit diesem Tenor fanden sich 5 posts mit insgesamt 2.610 zustimmenden Klicks

Gruppe 4: pro PEGIDA

In der vierten Gruppe schließlich sind nur solche Beiträge zusammengefasst, die PEGIDA ausdrücklich unterstützen, als Bewegung wie in Hinblick auf die Inhalte für berechtigt und überfällig halten und in Einzelfällen sogar in den jeweiligen Beiträgen auch über Strategien der Fortsetzung und Ausweitung der Aktionen räsonnieren.

Von dieser Art fanden sind 43 Leserbeiträge mit insgesamt 13.518 zustimmenden Klicks.

2 weitere posts waren nicht wirklich zum Thema und wurden hier nicht berücksichtigt.

Was die inhaltliche Zustimmung in Gruppe 4 angeht, lassen sich die Beiträge in dieser Gruppe grob in zwei etwa gleichgroße Untergruppen teilen:

Die eine übernimmt offensiv die Aussagen von PEGIDA, wobei insbesondere stets klar artikuliert ist, dass der Islam als Religion an sich als feindlich und mit unserer Kultur und Lebensweise nicht vereinbar betrachtet und alle Unterscheidung von Muslimen und Islamisten als Verschleierungstaktik diffamiert wird.

Bei der anderen Art von Beiträgen finden sich keine konkreten Einlassungen zu inhaltlichen Positionen der PEGIDA, vielmehr wird hier mit Nachdruck dargelegt, diese vertrete die wahre demokratische Mehrheitsmeinung der Deutschen, die aber von einem Klüngel aus political correctness und linken Dogmen unterdrückt wird und keine parlamentarische Stimme hat.

Durchgängig eint die Befürworter von PEGIDA die Überzeugung, dass Ausländer das Asylrecht missbrauchen und viel zu unkontrolliert ins Land gelassen werden.

Ich habe bei meiner Stichprobe alle 63 Beiträge gelesen (ja, ein bisschen blass bin ich schon noch um die Nase ...) und nicht einen einzigen gefunden, in dem ein Leser der FAZ-Online Empörung darüber zum Ausdruck bringen würde, dass objektiv benachteiligte Minderheiten und sogar Menschen in Not als Ärgernis und sogar als Bedrohung für die deutsche Mehrheitsgesellschaft dargestellt und wahrgenommen werden.

Die ohnehin, wie gezeigt, kleinste Minderheit, die gegen die Bewegung Stellung bezieht, äußert sich besserwisserisch, nicht moralisch oder gar solidarisch mit Einwanderern und muslimischen Mitbürgern. Niemand verteidigt das Asylrecht, identifiziert Zuwanderung als positiven Beitrag zur Entwicklung des Landes oder tritt gar für die Religionsfreiheit der Muslime ein.

Die FAZ, print oder online (und es gibt, wie ich in weiteren Beiträge noch zeigen möchte, wirklich keinen Unterschied) darf man wohl zu Recht als ein Presse-Organ des gehobeneren Bildungsbürgertums in Deutschland bezeichnen.

Biedermänner und Brandstifter. Der Beitrag wird fortgesetzt.

1) vgl. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, dort nur bsph. Kap. 5 "Das Bündnis zwischen Kapital und Mob", Kap. 10 "Das zeitweiloge Bündnis zwischen Mob und Elite"

15:32 10.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

derKrieger

Julian M. Freiburg, Zirkuskind. - Mich treibt zumeist um, was im blinden Fleck der Debatten bleibt &/oder unhinterfragt vorausgesetzt wird.
derKrieger

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