Ehe und Staat

Ehe und Staat Ja, lacht nur beim Anblick der bedeutungsschweren Überschrift. Das wird jetzt staatstragend weitergehen, humoristisch oder peinlich, nicht wahr?
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Eigentlich sollen wir doch Ehe für alle, sofort. Ich grüble hier und scherze da, dabei haben sich inzwischen staatstragende, sexuelle, kulturelle und unkategorisierte Aspekte nebeneinander gestaffelt wie Soldaten einer Terrakotta-Armee. Sie stehen da und gucken mich an. Machen nix. Nun schicke ich sie in den Freitag. Kommt Liebe vor? Hm, eher wenig. Liebe ist nicht messbar, Sex ist bedingt messbar, Geld ist vorzüglich messbar. Ich bin ein Messdiener.

Geld – Ware – Sex – Ehe. Das ist keine Reihe von Analogien. Geld ist ein soziales und kulturelles (gesellschaftliches) Konstrukt. Ware ist – mir jetzt zu kompliziert. Sex, sexuelle Selbstbestimmung ist heutzutage ein Grundrecht. Sex kann auch als Ware angesehen werden. Ehe ist Tradition. Liebe ist schön, wichtig, wahr; nicht Grundlage der Gesellschaft.

Nochmal anders, man darf mit seinem Geld machen, was man will, mit dem Geld was einem gehört. Mit dem Körper ist es auch so. Über Körper, die mir nicht gehören, kann ich nicht verfügen. Ist bei Geld auch so. Oder nein, da ist es anders. Über Geld können auch Gremien verfügen, Gruppen von Menschen die über Geld bestimmen, das nicht persönlich Menschen gehört, über gemeinschaftliche Ressourcenverwendung. Geld muss rechtlichen Subjekten gehören, das können menschliche Subjekte sein, aber eben auch Gruppen davon. Menschliche Körper gehören immer dem einen Menschen selbst, jedenfalls dort wo Sklaverei nicht gelebt wird.

Kapitel 1: Geld.

Was bedeutet die standesamtliche, deutsche Ehe für den Staat und für die Eheleute:

- Ehepaar wird steuerlich als monetäre Einheit betrachtet. Die Freibeträge werden addiert. Das Ehepaar kann dann Steuern sparen, aber das wirkt nur bei ungleicher Einkommensverteilung. Bei Ansprüchen auf Hilfeleistungen (ALG2) wird aber auch das Paar insgesamt betrachtet, Partner ist primär zur Hilfe verpflichtet, an zweiter Stelle der Staat.

- Ehe verpflichtet also Menschen zum direkten materiellen Zusammenhalt mit Menschen ihres direkten Umfeldes. Einen Menschen darf man wählen, der staatlich anerkannt vor den anderen kommt. Einen. Ist das gesamtgesellschaftlich relevant? Wenn ja wie wirkt es, warum? (den Einen darf man allerdings auch wechseln. Verknüpfungen zu den Vorigen erlöschen dabei aber nicht. Dann wird es schon mal kompliziert.)

- Wenn als Ehegrund nur das Materielle bleibt, müsste man steueroptimierend zur Auswahl schreiten. Wenn das alle täten, könnte man es aber auch lassen und für alle die Möglichkeit Ehe abschaffen.

- Steuerlich bringt Ehe nur was, wenn die Partner ungleich verdienen. Warum sollte der Besserverdienende sich auf unlösbare Verpflichtungen einlassen? Wegen nichtmonetärer Aspekte! Sicher ist, diese Aspekte (nennen wir’s Liebe?) waren vor der Ehe auf der Welt. Um Liebe und Steuerersparnis unselig zu verbandeln, das Unvereinbare zusammen zu bringen, hat Mensch sich also Ehe ausgedacht. Why not?

- Ein Nebenaspekt, in Deutschland, ist die Familienkrankenversicherung. Die ist schon praktisch, Kinder kann man allerdings auch ohne Ehe kostenfrei mitversichern. Als Ehepartner kostenfrei versichert zu sein, ist was wert. Bei Mehrfachverpartnerung (oder auch Vielehe) sieht man förmlich die Wagenburggemeinschaft im Standesamt antreten. Einer hat eine halbe Stelle an der Bibo, und schwupps sind 15 Leute mitversichert. ;)

Kapitel 2: Sex

- Mit der Ehe entstehen heutzutage keine sexuellen Verpflichtungen. Das war mal anders, da gab es keine Vergewaltigung in der Ehe, weil sexuelle Verfügbarbarkeit Pflicht war. Heute gelten keine Pflicht zur Verfügbarkeit und auch keine Pflicht zur ausserehelichen Enthaltsamkeit.

- Mit wem die schöne arme Blondine Sex hat, hat mit Geld nichts zu tun. Hilft auch heiraten nicht. Ist das so? Es wohl doch so, dass Sex und Geld miteinander zu tun haben. Weil Geld als gesellschaftliches Konstrukt alles durchdringt, oder weil Sex als Naturrecht alles durchdringt, oder doch unmittelbar? Weil Sex auch als Ware verwendet werden kann. Muss aber nicht. Das Ansehen, auch genannt Social Ranking und Sexiness-Ranking fallen mir als Aspekte ein, die durch sichtbare Partnerschaft beeinflusst werden.

Kapitel 3: Staatstragend

Der Staat hat Interesse an der Unterstützung der Ehe, weil sie als Aufziehkonstellation für Kinder Funktionsfähigkeit erwiesen hat. Eine Unterstützung pro Kind ist unabhängig von der Art der Aufziehkonstellation denkbar. Und jetzt Achtung: Hypothesen. Wenn die Unterstützung bei der Nachwuchspflege unbegrenzt unabhängig von der Elternschaft wäre, ist die vermehrte Zeugung/Empfängnis unabhängig von väterlicher Unterstützung absehbar. Weil die Frau nicht darauf achten muss, sie wird sowieso Unterstützung erhalten können. Zuverlässigkeit im männlichen Verhalten würde dann weniger wichtig, die soziale Selektion wird dann männliche Verhaltensweisen fördern, die schnell zur Zeugung führen. Verlässlichkeit adé. Der Umschwung im Verhalten durch soziale Selektion wäre sicher nicht absolut, schon klar.

Was ist eigentlich Staat? Zu den Zeiten, als die Ehe erfunden wurde, war Staat gleichbedeutend mit einer kleinen Gruppe Herrschender. Diese wollten möglichst viele Beherrschte unter sich haben. Staat heute ist – ?

3.1. Affen und Hirsche. Bei anderen Spezies läuft das so, ein Alpha ist der Boss, der darf zeugen, die anderen höchstens heimlich, oder es werden prinzipiell alle geschlechtsreifen Männchen vertrieben. Gesellschaftlich ist das suboptimal, die Produktivität der Ausgestoßenen steht nicht zur Verfügung. Ihre Kraft wird darauf fokussiert, den Alpha abzulösen. Die Ehe als Fortpflanzungskonstellation integriert die Kraft aller. Warum sollte ich schuften, wenn ich doch nicht ran darf? Dann lieber mit anderen zweitstärksten zusammentun und den Leitaffen absetzen.

Gesellschaft insgesamt könnte ohne klare Vaterschaft funktionieren. Aber: Mann will das nicht, Mann will sicher sein. Für die Qualität der männlichen Selbstbestimmung ist Ehe/Monogamie also nützlich. Das erhöht die Chance auf Nachkommenschaft, Verwandtschaft die man kennt. Und wenn Mann sicher sein kann, dass er Nachkommen zeugen kann, dann wird er eher bereit sein, sein Leben für die gesellschaftliche Konstellation zu riskieren. Ich sehe da Auswirkungen bis hin zu Landesverteidigung. Gibt natürlich auch Söldner. Die sind allerdings teuer, wenn mengenmäßig hoher Bedarf besteht. Mein Denken an Wehrpflicht ist sicher auch der deutschen Schule zu verdanken, betriebswirtschaftliche Bedenken möglicherweise vorgeschoben. Weiter gedacht war die Abschaffung der Wehrpflicht möglich, weil sich die Gesellschaft immer mehr nicht produktiv eingebundene Männer leisten kann. Die Maskulinisierung des öffentlichen Raums könnte auch damit zu tun haben.

Zur Qualität der weiblichen Selbstbestimmung bringt Ehe wenig, oder? Sie erhöht die Versorgungssicherheit, aber wenn die allgemeinen Lebensumstände sicher genug sind, braucht’s die Ehe weniger. Nun könnte man der männlichen Energie Tendenzen unterstellen, die Umstände zu destabilisieren, so dass ein Mangelempfinden an Versorgungssicherheit auf weiblicher Seite entsteht, so dass Beschützer erwünscht sind.

Sollte man mal soziologisch-historisch analysieren: Monogamie und Wehrhaftigkeit der Gesellschaft. Oder gibt’s das schon?

Ware - Geld - Beziehung

In der Realität ist es ganz gut zu beobachten: liberale Freizügigkeit bei Geld führt dazu, dass wenige Menschen immer mehr Geld ansammeln, viele immer weniger. Tendentiell ist bei sexueller Freizügigkeit eine gleiche Entwicklung zu erwarten. Dort wo Sex als Ware betrachtet werden kann. Es gibt Unterschiede, klar. Geld lässt sich viel besser ansammeln, quasi unbegrenzt als Zahl auf dem Girokonto, Unterschiede im „Sexkonto“ der Menschen können nicht so groß werden. Das Grundkapital kann einem kaum genommen werden. Sexuell Abgehängte können sich im Prinzip leicht zusammentun und ihr Konto füllen. Wie sehr das als Gewinn empfunden wird? Lustgewinn kann davon entkoppelt sein. Fortpflanzung und Sex sind ziemlich entkoppelt. Lust ist ein Wert, Geld ist was wert. Social Ranking. Sexiness-Ranking. Fuckability. Attraktivitätsskala 7,5. Ehe ist Sozialdemokratie.

Merkt ihr was? Es wird mir zu kompliziert. Was ist denn nun meine Meinung zur Institution Ehe, wollt ihr wissen? Ich denke drüber nach…

12:19 01.08.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dersu Usala

Gefangen im Bewusstsein des Unlösbaren, zu lösen nur durch Lösen vom Bewusstsein.
Dersu Usala

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