Reflektion über die andere Gesellschaft

Leistungsprinzip Leistungsprinzip, Individualität, Freiheit, Demokratie. Auf dieser Basis stehen wir. Und nun weiter. Anders. Eine Annäherung an Michael Jägers andere Gesellschaft.
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Wir kaufen das billigere Auto, den billigeren Fair-Trade-Kaffee, bei gleichem Preis das Notebook mit dem schnelleren Prozessor. Wir wählen das fettere Kantinenessen, oder, wenn wir vorher nachdenken, den Salatteller, mit wenig Dressing. Wir fahren 8 km Umweg, um 10 Minuten Fahrzeit einzusparen. Manchmal. Wir lesen lieber das Buch mit 5 Sternen in der Amazon-Kundenskala, wir laden lieber den Absolventen mit 1,7 als den mit 2,8 zum Vorstellungsgespräch. Wir sind die Abwäger/Vergleicher/Beurteiler vor dem Herrn. Aber wir verstehen nicht die Basis der Entscheidung, wir wenden sie an. Wir sind Gefangene des Kriteriums. Was wollen wir?

Das Leistungsprinzip hat uns durchdrungen. Nein, wir sind das Leistungsprinzip, wir bewerten die Leistung anderer ständig, sobald wir mit ihnen konfrontiert werden. Wir verstehen Leistung als etwas, das uns nutzt; manchmal als etwas, das uns bedroht.

Gibt es Ausnahmen, Bereiche, in denen das Leistungsprinzip nicht gilt? Kinder. Naja, im Kleinkindalter stimmt das wohl. Aber in der Schule wird das Leistungsprinzip auf die Kommastelle ausgereizt. Wir werden trainiert. Allgemeiner betrachtet sind soziale Sicherungssysteme, Solidarsysteme, Bereiche der Ausnahme. Kranke, Alte, Arbeitslose, Asylbewerber. Gefängnisinsassen? Auch dort noch abgestuft und unterteilt, Kurzzeitkanke, Invalidenrentner, Geduldete, usw. Solidarsysteme schützen Individuen.

Wo gibt es keine Ausnahmen? Im System von Gesellschaften, primär denke ich da an Staaten in der internationalen Politik. Systeme werden nicht solidarisch durchgefüttert, als Gnade; die Individuen können ja in Gänze das System wechseln. Andererseits, im Politischen gilt das Leistungsprinzip gerade nicht, es gibt Waffengewalt, Hinterzimmergeschäfte, Währungsabwertungen etc., nichtoffene Wettkämpfe, verallgemeinert gesprochen. Schon wieder zweifelhaft? Was ist Leistung? Jedenfalls muss das Ergebnis verschiedener Wettkämpfer unter gleichen Regeln erzielt worden sein. Was es gewiss nicht gibt auf dieser Ebene, ist die Einigkeit über Kriterien, über Regeln nur teilweise. Einigkeit, dass es regellose Bereiche (Geheimdienste) gibt, ist da.

Zwischen einigen Staaten kann es eine große Einigkeit natürlich geben. In der EU ist das in vielen Punkten so. Nun sind die Staaten in der EU in einem Rechtssystem vereint, dass viele politische Zwangsmittel ausschließt. Keine Waffengewalt, keine Währungsabwertung. Das Fehlen politischer Zwangsmittel sollte also das Leistungsprinzip zum Entfalten bringen. Ist die Leistung gestiegen? Schon wieder das Problem, welches Kriterium nehme ich für die Bewertung. Die Summe der europäischen BIP, in Euro? Und außerdem: Hinterzimmergeschäfte boomen, gefühlt jedenfalls.

Warum kommen Flüchtlinge zu uns? Weil sie keine Hoffung haben, bei „sich“ zu hause. Warum kriegen die das nicht selber hin, selbst schuld? Systemisches Ungleichgewicht ist definitiv mit schuld: Nur weil die so arm sind, sind wir so reich. Der Mehrwert der Arbeit wird bei „uns“ akkumuliert. Per „Leistung“ haben wir das so eingerichtet. Wenn ich das unakzeptabel finde, warum ist es dann akzeptabel, dass hier die Gutverdienerjobs (im Wesentlichen, viele Jobs in begrenztem Maße) nach Leistung vergeben werden? Nach Level der Einschätzung der Leistung natürlich nur, aber das muss eben genügen. Warum muss man hier selbstausbeuterisch rumkämpfen, um Redakteur einer linken Zeitung zu werden, die das Leistungsprinzip im internationalen Rahmen kritisiert?

Gibt es Alternativen zum Leistungsprinzip? Ja, gibt’s. Früher (regional weiterhin) gab es das Abstammungsprinzip, Nachfolger des Königs konnte nur ein Nachfahre des Königs sein. Bei vielen Nachfahren gab’s da natürlich schon mal einen irgendwie gearteten Wettkampf (Arsen, Dolch, usw.). Die Masse der Menschen brauchte und durfte sich darum jedoch nicht kümmern. Nur leider, das individuelle Leben der Knechte zählte wenig, Hoffnung auf Besserung gab es wenig. Krieg, Flucht und Vertreibung gab es genug. Verluste/Verschwendung durch inneren Wettkampf gibt es im autoritären Königreich weniger.

Unsere Individualität geben wir nicht mehr freiwillig ab, also kein Zurück zum Königreich, auch nicht zum Führertum. Gibt es noch andere Alternativen zum Leistungsprinzip? Solidarisches Pro-Kopf-Prinzip? Alle arbeiten für einen Topf, jeder bekommt den gleichen Ertrag. Klingt gut. Utopisch-Kommunistisch. Der Haken? Das System muss geschlossen sein, oder allumfassend. Ansonsten ist der Zuzug für viele von außerhalb sicher lukrativ. Kein Problem, sie arbeiten dann ja auch mit? Stimmt eigentlich. Fehlt es also an Arbeit? Eigentlich auch nicht. Es fehlt am Nutzen eines Vorbildsystems, am Nutzen für die Individuen dieses System, wenn es zu Massenumzug führt. Andererseits, dieses System wird dann per Überzahl die Welt übernehmen. Problem 2: die Anderen. Waffen in den Händen der anderen, falls die nicht übernommen werden wollen. Wenn das System dicht macht, sich verschließt, kann es kaum Vorbild sein. Selektive Solidarität ist ein schlechtes Vorbild. Also: Weltweit gleichzeitige Umsetzung erforderlich!!! (; Echt schwierig. Bin gespannt, wie sich Michael Jäger die Herbeiführung der anderen Gesellschaft vorstellen kann.

Offenes System, mit Individualität, mit Freiheit, führt nach heutiger Logik immer zu Leistungsprinzip. Oder anders gesagt, ist mit dem Leistungsprinzip (als Verteilungsregel) am besten zu managen. „Am Besten“ bedeutet nach üblicher, utilitaristischer Lesart, dass die Gesamtsumme an Gütern und Geld am höchsten wird. Nach monarchistischer Lesart zählt primär die Gesamtsumme der Macht und des Goldes der Königsfamilie. „Am Besten“ bedeutet in der anderen Gesellschaft, dass die Summe an dem, was rauskommt (Waren, Dienstleistungen, Gefühle) am besten mit den geäußerten Erwartungen übereinstimmt.

Die stillschweigende Übereinkunft in der modernen Demokratie, dass die ökonomische Gesamtsumme entscheidet, ist der monarchistischen Sichtweise ziemlich ähnlich. Das Recht auf freie Individualität wird jedem zugestanden, das ist das Plus. Das ermöglicht vielfache Selbstermächtigung, diese führt zu höherer Zufriedenheits- und Warensumme. So scheint es. Die Gesamtsumme wird auch größer, wenn die Anzahl der Individuen steigt. Wenn die Individuenzahl sinkt, ist die Gesamtsumme schwer zu steigern, wenn das Kriterium die Gesamtheit von Zufriedenheits- und Warensumme ist. Die Summe der Abweichungen vom Idealwert, vom geäußerten Wunschwert, könnte man auch als Gradmesser definieren, dann wäre das Ergebnis ganz anders. In herkömmlicher Sichtweise ist eine hohe Anzahl an Bürgern für die staatliche Bilanzsumme jedenfalls nützlich. Weil es eine Vielzahl von Entscheidern gibt, ist der Hang zu kriegerischer Politik in der Demokratie weniger ausgeprägt, auch für viele Entscheider wird es riskant, weil sie sich selbst durch Ableben verlieren können. Zählt zuerst das Königreich, kann es durch Krieg wachsen, der Entscheider haftet kaum mit seinem Leben.

tldr; die andere Gesellschaft hat zum Ziel, die (in ökonomischen Wahlen) geäußerten Wünsche der Bevölkerung zu erfüllen. Die heutige Gesellschaft hat ungefragt das Ziel, die Gesamtsumme der materiellen (und immateriellen) Güter zu maximieren

Dieser Artikel ist nicht zu Ende durchdacht. Ist Meinung. Auch ich (er)kenne meinen Willen nur temporär. Weil es vielen so geht, muss der Wille, in einer Demokratie, regelmäßig abgefragt werden. Zu den Wahloptionen siehe tldr

16:08 07.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dersu Usala

Gefangen im Bewusstsein des Unlösbaren, zu lösen nur durch Lösen vom Bewusstsein.
Dersu Usala

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