Strebe aus der Armut!

Armutsbericht Ein neuer Armutsbericht ist erstellt. Werden im öffentlichen TV Folgerungen daraus kenntlich gemacht? - Lerne und strebe! Ist das politisch?
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Der paritätische Wohlfahrtsverband hat einen neuen Armutsbericht veröffentlicht, das ist den ARD-Tagesthemen einen Beitrag wert. Die Anmoderation verknüpft die Erkenntnis der verstetigten Armut mit den neuesten Zahlen zum Bundeshaushalt: 19 Milliarden Überschuss. Wie passt das zusammen? „…weil der Wohlstand ungleich verteilt ist.“ ist die scharfsinnige Antwort.

Im Einspieler kommt Armutsforscher Christoph Butterwegge zu Wort, wir bräuchten eine „sozialpolitische Großoffensive“ (klingt gut, denke ich), kleinere Klassen, mehr soziale Wohnungen, mehr Arbeitsplätze, mehr Qualifizierungsmaßnahmen. Naja, denk ich da, nicht ganz falsch, aber wo ist das Weniger? Das wurde er wahrscheinlich nicht gefragt…

Dann darf Marcus Bornheim vom BR (ab 11’30’’) sein Konzept darlegen. In der Einleitung hebt er die Altersarmut als spezielles Problem hervor. Sein Gegenkonzept: Länger arbeiten! Flexibler! Bildung, Bildung, Bildung, damit man einen Job mit gutem Einkommen erlangen kann, das schützt vor Altersarmut.

Wow, denk ich, das ist doch mal eine "durchdachte Meinung". Klar, als individuelles Konzept ist Strebsamkeit anwendbar, kann man machen. Aber ist an diesem Kommentar etwas Politisches dran?

Wie soll das im Großen wirken? Wir laufen alle angestrengter die Pyramide hoch, dann wird sie automatisch höher werden… Wir alle werden mehr verdienen. Bleibt die Relation im Land nicht gleich, frag ich mich, wird der zu Verteilende Kuchen wirklich größer? Ich hab’s: Export! Wir sind die schnelleren Tüftler, German Hightech kauft die Welt, wir nehmen das Geld dafür. Gutverdienerjobs in Deutschland, Billigjobs ins Ausland bitte. Dankbare Gastarbeiter für die Altenpflege oder als Erntehelfer bräuchten wir natürlich schon.

Mein Fazit zur Strebsamkeit: Ja, darfst du machen. Lernen ist gut. Man muss die Erträge allerdings auch teilen können, sonst wird das nix mit weniger Altersarmut. Die Erträge, die durch "schon immer reich sein" entstehen, sind dabei diejenigen, die insbesondere besser verteilt werden sollten. Besserer Zugang zu Bildung ist z.B. so ein Mehrertrag, von daher ist der Ansatz "Bildungschancen verbessern" richtig. "Bildungschancen mehr von Vermögen abkoppeln" wäre allerdings die treffendere Formulierung.

Wir reden von relativer Armut übrigens, so weit reicht die Einsicht von M. Bornheim. Wie verschiebt man Relationen? Doch wohl kaum durch individuelle Maßnahmen.

Im Anschluss an den Nachrichtenblock zum Armutsbericht liefen die News zur geplanten Fusion von Frankfurter und Londoner Börse. War das nun Undercover-Kritik oder Real-Satire?

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Weitergedacht kommt man von Altersarmut auf kurzem Weg zum Generationenvertrag. Der ist natürlich nirgenddwo nachzulesen, aber jeder setzt ihn voraus, nach seinem Verständnis. Aus dem guten Wikipedia-Eintrag dazu hier mal ein paar Auszüge:

- „im Generationenvertrag das Aufziehen von Kindern der eigentliche Vorsorgebeitrag für das eigene Alter sei, und nicht etwa die Sozialabgaben, die der Alterssicherung der eigenen Eltern dienten"

- In Wirklichkeit handele es sich um eine „Versicherung gegen Kinderlosigkeit“

- Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts und Bundespräsident Roman Herzog kritisierte: Es kann nicht sein, dass ein Ehepaar – bei dem nur der eine ein Leben lang ein Gehalt oder einen Lohn einsteckt – Kinder aufzieht und am Ende nur eine Rente bekommt. Auf der anderen Seite verdienen zwei Ehepartner zwei Renten. Und die Kinder des Paares, das nur eine Rente bekommt, verdienen diese beiden Renten mit. Das ist ein glatter Verfassungsverstoß

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Das sagte Herzog 1996. Es gibt inzwischen Entgeltpunkte für Kindererziehung. Es gibt Kindergeld. Das Nachrechnen mache ich später...

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P.S. Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung wird in diesem Jahr folgen.

13:57 24.02.2016
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Geschrieben von

Dersu Usala

Gefangen im Bewusstsein des Unlösbaren, zu lösen nur durch Lösen vom Bewusstsein.
Dersu Usala

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