Abrißpoesie

REVUE Ulrich Plenzdorfs Geschichten vom Übergang

Südlich Wilhelm-Pieck-Straße hieß in der Sprache der Berliner Stadtplaner ein Gebiet, das total abgerissen werden sollte, um es mit Plattenbauten zu verschönern. Die heruntergekommene Gegend ist heute Anlaufstelle für Immobilienhändler und Touristen, die dort das neue Leben zwischen Linien- und Auguststraße, zwischen Koppenplatz und Hackeschen Höfen suchen. Dort haust die Hotelangestellte Anita Paschke und wartet in der Linien 63 auf den endgültigen Abriß ihrer Bleibe, in der die Ratten grinsen. Sie erinnert sich in Plenzdorfs bitterbösem Buch Eins und Eins gleich uneins an die verhinderten Abräumtermine und wie es 1972, nach Honeckers Auftritt, plötzlich hieß: »Kein Abriß mehr, Jenossen! Wir lösen das Wohnungsproblem gesamt´gesellschaftlich.«. Alles landete in der Platte Marzahn, nur Anita nicht. Und nun ist das Osthaus ein Westhaus, und Anita, die Hotelangestellte in der Oranienburger Straße, erinnert sich wehmütig:»Da lob ick mir doch den alten Erich. Wenn der wat versprochen hat, hat ers ooch gehalten: Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf! Recht hat er gehabt. Wenn der Sozialismus gelaufen wär, oder?!«

Diese Groteske Freiheitsberaubung ist wie die Politrevue Revolte Reform Revue und einige Gedichte Plenzdorfs bissige Reaktion auf das Zusammenwachsen dessen, was nach Meinung eines ehemaligen SPD-Vorsitzenden zusammengehört. Die Texte speisen sich aus den alltäglichen Mißverständnissen in der angeblichen Werkstatt der Einheit Berlin. Dadurch ist schon genug komischer Stoff vorgegeben. Die Revue läßt drei Frauen aus dem Osten auftreten und einen Mann, drei Schauspielerinnen und ein Regisseur. Der Mann spielt den Chef eines Arbeitsamtes, die Frauen sind bei dem RAF, dem Rat Arbeitsloser Frauen. Während sie proben, geht die große Diskussion los, weshalb alles schief gelaufen ist und warum die Ostdeutschen so erfolglos und undankbar sind. Plenzdorf montiert Zeitgeschichte in Stückgeschichte vor allem durch Floskeln, die beiden Seiten jeweils auf die Nerven gehen. So darf der Regisseur viele seiner klugen Sätze mit entnervenden schons pflastern, die drei Frauen Ramona (Revolte), Revue (Rosa) und Reform (Roswitha) antworten drastisch. »Ihr seid uns doch beigetreten«, sagt Sebastian. »Die Russen haben uns fallengelassen, und wir sind geflogen und geflogen - im freien Fall -, und zuletzt sind wir in euerm Arsch gelandet. Weil er offen war. Artikel 23«. Den drei Damen legt der Autor Fakten in den Mund, die Daniela Dahns Buch Wir bleiben hier oder Wem gehört der Osten entnommen sind. Ansonsten lassen alle die Sau raus. Heilsame Therapie durch gegenseitige Beschimpfung. »Sebastian: Ihr steckt bis zum Hals voll mit diesen verklemmten östlichen Sexualkomplexen! Ramona:Wo er recht hat, hat er recht. Roswi tha: Spinnst du? Seit wann ist denn FKK out? Seit der Verschweinigung! Rosa: Sei doch froh! Oder willst du dir den Seeurlaub mit der Betrachtung schrumpliger Westärsche und rudimentärer Mäusetitten versauen? Sebastian: Immer noch besser als eure Osttitten, die ihr euch über die Schulter werfen könnt, und Fettärsche, die ...«

Zum Schluß happy ending und ein Präsentkorb blühender Vorurteile. »Rosa/Revolte zu Sebastian: Ja, du mein verlogener, arroganter, unbelehrbarer, denkfauler, narzistischer, rechtsrheinischer, ungewaschener Schweißfuß. Sebastian zu Ramona: Ich liebe dich, du meine süße kleine, stinkende, karrieregeile, rotlackierte Drecksau.«

Treten Sie ein in den Liebesverein nach Paragraph 23, lautet Plenzdorfs frohe Botschaft zum 10. Jahrestag des Mauerfalls, die er noch durch einige witzige Gedichte verschönert, das Lied vom Warten, das Bereichscouplet, den Schrippensong und das Lied vom Hartsein. Plenzdorf stellt dem Lesepublikum die Frage, ob es das war, was es wollte, und er weiß, daß man solche Fragen weder stellen darf noch muß. Weshalb er sein schönstes Gedicht das Lied vom Übergang nennt, eine frohe Botschaft, die so oder so zum Untergang führt. Und da sind scheinbar alle gleich. Für Ulrich Plenzdorf, der einst mit den Leiden des jungen W. in den siebziger Jahren Erfolge feierte und mit Filmdrehbüchern wie der Legende von Paul und Paula populär wurde, scheint das Leben ein bißchen zu harmonisch geworden zu sein. Zumindest in der Überbaustelle Deutschland. Weshalb er die Säge herausgeholt hat, um uns allen heilsamen Schmerz zu bereiten.

Ulrich Plenzdorf: Eins und eins ist uneins. Eulenspiegel Verlag Berlin, Berlin 1999, 125 S., 25,80 DM

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