Bleiern Union

SPORTPLATZ "Is doch klar, wir ham det Ding verkackt." Des Mittelfeldspielers Zöphel geäußertem Urteil kann man sich anschließen. Aber warum die Unioner, wie ...

"Is doch klar, wir ham det Ding verkackt." Des Mittelfeldspielers Zöphel geäußertem Urteil kann man sich anschließen. Aber warum die Unioner, wie noch jedesmal in der Stunde, in der es um die Wurst geht, total abbauen, bleibt eines der unlösbaren Fußballgeheimnisse. Vielleicht haben die Sportler aus Berlins südöstlichem Vorort Köpenick jenen Leidensdruck, unter dem sie seit über 30 Jahren stehen, bereits derart verinnerlicht, dass sie einfach keinen Erfolg mehr erringen können. Das verlorene Spiel gegen den westfälischen Provinzclub LR Ahlen ist der Tiefpunkt dieser Misserfolgskette. Zu DDR-Zeiten waren der 1. FC Union Berlin und sein Publikum immer auf der gut ausgeleuchteten Schattenseite des DDR-Sports. Die Spieler um den begnadeten Außenstürmer Jimmy Hoge und den felsernen Torwart Matthies rieben sich in Prestigekämpfen mit dem Lokalrivalen BFC Dynamo auf. Der konnte sich Jahrzehnte des Zuspruchs der Schiedsrichter und der Unterstützung des Stasichefs Mielke sicher sein. Bei Meisterschaftsfeten, von denen es beim BFC reichlich gab, durften die Spieler dem obersten Arbeitersportler Briefkuverts mit Wünschen nach Autos in die Jackettasche stecken. Kein Wunder, dass es auch den spielerisch stärkeren, aber nervenmäßig schwächeren Teil der Köpenicker an die Jackentaschen trieb. "Eisern Union", schrieen die Fans, "Golden BFC", tickte das Herz der Abwanderer.

Nach der Wende schien alles anders zu werden. Die Mannschaft, die an Titeln nur den deutschen Vizemeister von 1923 und den DDR-Pokalsieg von 1968 besaß, wollte jetzt an die Bundesligafutterkrippe. Man wähnte sich auf Augenhöhe mit Hertha BSC, dem zweiten Berliner Proletenclub. Aber die Ausscheidungen wollten anderes, Union landete in der Regionalliga Nord, die 2. Bundesliga eroberten Zwickau, Brandenburg, der BFC und andere. Die DFB-Gewaltigen nähten ein nettes Regionalliga-Kostüm. Die beiden Meister aus Süd und Südwest stiegen automatisch in die 2. Bundesliga auf. Meister Nord und Meister Nordost durften sich über ein Endspiel qualifizieren, der Sieger ging nach oben, der Verlierer hatte die Zweiten aus Süd und Südwest an den Hacken, mit denen man in die Relegation ging, um einen vierten Aufsteiger auszuspielen. Ungerecht? Aber woher denn? Wenn Süden und Westen reicher sind, haben sie den Vortritt. Wer zahlt, bestellt. Ende der Gerechtigkeit.

Zweimal hatte Union schon den Aufstieg in der Tasche. Vor sieben Jahren ging eine gefälschte Bankbürgschaft an den DFB. Die Sache kam raus, weil der Konkurrent Tennis Borussia petzte. Im Jahr drauf gab der DFB Union keine Lizenz, weil die Finanzen nicht stimmten. Dieses Jahr endlich schien alles zu klappen. Man war mit 17 Punkten Vorsprung Meister geworden, musste mit Nordmeister VFL Osnabrück zwei Entscheidungsspiele austragen, beide eins zu eins. An der Bremer Brücke in Osnabrück kam das Elfmeterschießen. Irgendwann verschoss der Niedersachse Hartenberger. Jetzt schienen es die Berliner aus dem Traditionsverein zu schaffen. Menze trat zum entscheidenden Schuss an, als ob er bergauf laufen müsste. Bleiern Union. Der Torwart hielt und traf anschließend selbst. In der Relegation dasselbe Theater, knapper Heimsieg gegen Pfullendorf, zwei Tage später auswärts gegen den Westzweiten Ahlen, der sich eine Woche lang ausruhen konnte für dieses Match. Unions Protest gegen die eigene kurze Regenerationsphase, natürlich vom DFB abgelehnt. Das hätte die Mannschaft längst wissen können, dass sie auch diesmal kein Günstling der Mächtigen ist. Zum Mut der Verzweiflung reichte es leider nicht, nur zum erlernten Leiden an der ungerechten Welt. Dafür gibt es nichts zu kaufen. Die Ahlener Fans stürmten nach Spielende den Rasen, während tausend eiserne Unioner mit tragisch-antikischer Gebärde auf ihren Sitzen verharrten. Hat man jemals ein leidenserprobteres Publikum gesehen? Ein schwacher Trost bleibt den Verlierern. Die reiche Petze Tennis Borussia aus Charlottenburg, die nächste Saison unter dem Trainer Winni Schäfer in Liga eins spielen wollte, wurde wegen mangelnder Bankbürgschaft in die dritte Liga durchgereicht, wo die rächende Nemesis Union schon wartet. Vielleicht vergebens, denn Tennis Borussia kriegt womöglich nicht mal die Lizenz für diese Klasse. Union aber wird nie mehr aufsteigen.

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