Der Ball ist rund wie der Globus

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Deutscher Fußball ist WeltPolitik. Wir hatten darüber fast schon ein wenig Jugoslawien und den Nahen Osten vergessen. Aber deutscher Fußball ist kein Naher Osten, sondern Wilder Westen. Es wird aus der Hüfte geschossen, es gibt täglich High Noon, und das Spielfeld wird zur Prärie. Glücklich schauten sich die Sozin Herta Däubler-Gmelin und der CDU-Pfarrer Heinz Eggert in die Augen, als sie das Theater um Hoeneß, Daum und Beckenbauer mit der hohen Politik verglichen. Endlich einmal konnten sie via Fernsehen gute Ratschläge an die verfeindeten Kontrahenten Bayern und Bayer absondern, die sie aus dem Alltag im Steigerungsraum Feind, Todfeind, Parteifreund so erleben.

Fußball ist Politik, das wissen auch Gregor Gysi und Lothar Bisky, die sich eben mal schnell vom PDS-Parteitag entfernten, um die Partie Energie Cottbus gegen Bayern München mitzuerleben, von der sie sich vermutlich zu Recht mehr Spannung erhofften als vom Delegiertensingsang "Für Gabi tu ich alles". Und siehe, als das Parteivolk in der Tagungshalle bei der Vorsitzendenwahl war, kamen die beiden Aussteiger zurück, um den Sensationserfolg der Cottbuser zu melden. Großer Beifall! Vermutlich ein Missverständnis. Nicht alles ist so einfach, wie gegen den FC Bayern zu gewinnen, der wie einst der Stasimeister BFC auf einer Welle der Ablehnung getragen wird. Was durch die aufmunternden Rufe des Publikums gegen Uli Hoeneß seine Bestätigung erfuhr. Woher sollte man in der Lausitz auch wissen, dass der Fleischermeisterssohn aus Ulm eigentlich Daums bester Freund ist. Oder hätte es ein anderer als Hoeneß geschafft, binnen zwei Wochen derartige Jubelchöre für den "Verschnupften" auszulösen. Während man sich eben noch unentschieden in den Haaren lag, gibt es jetzt nur noch Sieger und Besiegte. Sieger zumindest nach Tagesordnungspunkten ist der designierte Bundestrainer. Verlierer sind bis auf weiteres Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer. Sie schauen momentan etwas anders drein als von Tucholsky einst beschrieben, der uns den Begriff der "süßlichen Erfolgsschnauze" schenkte. Die Fressen sind jetzt etwas angesäuert, weshalb Dieter Hoeneß von Hertha BSC den Bayernmanager bei Sabine Christiansen in Nibelungentreue verteidigte, was die Justizministerin zu dem Lob hinriss: "Sie sind ein hinreißender Bruder."

Fußball ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, besser gesagt mit den selben. Wer dachte nicht an die Sat.1-Interviews des unseligen Klaus-Heinz Mertes mit dem einstigen Kanzler Kohl, als kürzlich Gerd Rubenbauer katzbuckelnd und duzend über die ARD ein Live-Gespräch mit Kaiser Franz absolvierte. Man könnte auch an das lächerliche Krenz-Interview erinnern, als der nach Honeckers Entmachtung von zwei hingebungsvollen DDR-Fernsehfrauen angeschmachtet wurde. Aber das haben vermutlich zuwenig Leute gesehen. Rubenbauer schaffte es in dem Politbürointerview mit Beckenbauer, nicht eine einzige ernsthafte Frage zu stellen, sondern er schleimte voll auf der Welle der Bayern mit. So was schafft Freunde, aber nicht gerade bei Fernsehzuschauern. Vielleicht lädt ihn Beckenbauer zur nächsten Kindstaufe ein.

Unsere Politiker sollten demnächst nur noch Fußball spielen, die Bundesregierung als Nationalmannschaft, die Länder als Oberliga mit Auf- und Absteigern. Die Politik würde endlich zu dem, was sie schon lange ist: Die schönste Nebensache der Welt. Unsere Profis gingen in Rente, sie verdienen eh mehr Geld als Hertha Däubler-Gmelin. Uli Hoeneß könnte bis ans Ende seiner Tage in Marbella Golf spielen, sein Bruder Bierbüchsen austrinken, anstatt sie in Rostock an den Kopf geschmissen zu kriegen. Und München müsste sich in Cottbus nicht derart demütigen lassen. Cottbus dagegen, diese charmant abgelegene Stadt, würde davor bewahrt, größenwahnsinnig zu werden. Jedermann sein eigener Fußball, wie schon Brecht wusste.

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