Die Millionenpleite

KOMMENTAR Berliner Mief

Anfang September, zu Spielzeitbeginn, wird in Berlin ein Stück U-Bahn nach Pankow fertiggestellt sein. Kostenpunkt 140 Millionen Mark. Nutzen fast Null, weil parallel zur Metro Straßen- und S-Bahn verlaufen. Gleichzeitig überlegen Berlins Koalitionspolitiker von CDU und SPD, ob die sogenannte Kanzlerlinie, eine U-Bahn "unter" Unter den Linden zum Reichstag in den kommenden sechs Jahren gebaut werden soll. Das Ding verschlingt Milliarden, Nutzen s.o. In der deutschen Hauptstadt gibt es zwar aus alten Westberliner Zeiten eine Betonlobby, eine Bühnenlobby ist nicht auszumachen. Weshalb es mehr als logisch ist, dass die Kultursenatorin Christa Thoben nicht nur in alle Fallen gestolpert ist, die die zweigeteilte Stadt zu bieten hat, sondern auch gegen den realen Beton gerannt ist, der dort in den vergangenen 50 Jahren wuchs. Jetzt rächt es sich, dass nach dem Mauerfall das Diepgen-Landowsky-Team weitergemacht hat, als ob sich in Berlin nichts verändert hätte. Die in West wie Ost kulturell aufgerüstete Stadt hätte Modell sein können für die Versöhnung der unterschiedlichen sozialen Milieus, die aus der Konfrontation des Kaltes Krieges gewachsen waren. Statt dessen besitzt die Stadt mit ihren drei Opernhäusern, dem Dutzend Theatern, der aufregenden Off-Szene, den weltberühmten Museen und den originellen Galerien einen kümmerlichen Kulturetat von 2,5 Prozent des Gesamthaushalts. Städte wie Köln oder Heidelberg geben fast zehn Prozent für Kunst und Kultur aus. Vielleicht weil sie erkannt haben, dass dieser Bereich eine Zukunftsbranche ist. Die leeren Kassen verlangen Phantasie und Disziplin gleichermaßen. Es kann nicht so weitergehen, dass Politiker Versprechungen machen, nur um eine Weile Ruhe zu haben. Thobens Vorgänger Radunski hatte beispielsweise dem Team um Ostermeier und Waltz rund drei Millionen Mark für den Neubeginn der Schaubühne zugesagt, das Geld ist nicht da. Intendant Schitthelm meint, wenn es nicht kommt, müsse er im November schließen. Diese Pleitenperspektiven betreffen mehrere Häuser. Ein der Volksbühne zugesagter Neun-Millionen-Betrag für eine dringende Renovierung wurde gegen Null zusammengestrichen. Das Theater ist in absehbarer Zeit nicht mehr spielfähig. Vielleicht sollten seine Akteure Straßentheater machen, oder in der U-Bahn spielen, die ab September eine Station mehr bereist. Derweil wird bekannt, dass der Bau des Kanzleramtes 350 Millionen Mark teurer wird. Klamme Zeiten, in denen Berlins Theater über den Bach gehen, während die Betonlobby eine Kanzlerlinie baut. Frank Castorf, das Theater um seine Bühne leid, hat beim Auftritt der Intendanten vor dem Unterausschuss des Abgeordnetenhauses angekündigt, wenn die zugesagten Gelder nicht fließen, "bin ich weg aus Berlin." Das muss die Kultursenatorin mitgekriegt haben, obwohl sie vorher aus dem Saal gegangen war. Als Parole fand sie es wohl geeignet.

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