Die Reise nach Jerusalem

BERLINER ABENDE »Mensch, Alter, lass uns doch zu Hertha gegen AS Rom gehen«, mault drängend der Erstgeborene. Alter ist eine zärtliche Ansprache. Auch die Mutter ...

»Mensch, Alter, lass uns doch zu Hertha gegen AS Rom gehen«, mault drängend der Erstgeborene. Alter ist eine zärtliche Ansprache. Auch die Mutter wird mit diesem epitheton ornans geehrt, wenn es dem älteren Sohn emotional angebracht erscheint. »Schmecken toll, die Eierkuchen, Alter.« Die Mama nimmt's hin, in gelassenem Stolz.

Also auf zu Hertha! In der S-Bahn tut sich an diesem Sonntagnachmittag wenig. Vielleicht gehen die harten Grölfans nicht zu einem »welschen« Verein. Schön wäre es. Am Eingangstor werden wir trotzdem abgecheckt, als seien wir Tschetschenen auf Besuch in Moskau.

Der Sohn muss den Rucksack öffnen und die Teile ausbreiten. Es tut seiner Sehnsucht keinen Abbruch, weil er den teuersten Einkauf der Fußballgeschichte in Augenschein nehmen will: Batistuta, Verteidiger aus Argentinien, der für 70 Millionen Mark nach Italien gelockt wurde.

Vielleicht ist es der Glanz dieser Summe, dass uns niemand nach dem Eintrittsgeld fragt. Umsonst zu Hertha, das ist die Krönung des Tages! Wir erklimmen den Oberrang des Stadions, dessen Umbau zur Fußball-WM 2006 ganz langsam und leise beginnt. Aus dem Stadiontopf hören wir das Geschrei der Ränge. Als wir hineinwollen, fragt ein Ordner nach Karten. Was denn nun? Will man uns verarschen? Wo können wir die Karten kaufen?

Der Ordner zuckt maulfaul mit den Schultern. Ich will ihm den Kaufpreis cash geben. »Det darf ick nich annehm. Und rinlassen darf ick Sie ooch nich!«

Wir trotten zurück. Kein Aas weiß, wo es Billets gibt. »Sicher ausverkauft«, meint ein trauriger Sohn. In der Morgenzeitung stand, dass erst 7.000 Karten verkauft seien. Endlich teilt uns jemand mit, Karten gebe es am Eingangstor, Block C. Also da, wo wir gerade hergekommen sind. »Aber man hat uns so reingelassen.« »Ja, weil heute Stadionfest ist.« »Na, is ja ein tolles Stadionfest, wo man den Leuten den krönenden Höhepunkt verbietet.« »Wir sind nicht verantwortlich.«

Wir kaufen Karten und werden vom selben Ordner noch mal kontrolliert, der Rucksack wird erneut in seine Einzelteile zerlegt. Endlich können wir mit Boris Becker fragen, ob wir schon drin sind. Im Stadion verteilen sich ein paar mickrige tausend Leute. Ganze Blöcke sind menschenleer, im Fanblock herrscht wohltuende Ruhe. Gerade kündigt der Sprecher an, dass Batistuta heute nicht spielt, weil er verletzt ist. 70 Millionen wollen wie ein rohes Ei behandelt werden. Dafür laufen Emerson und später Totti und Delvecchio auf. Als der Sohn mich am Ende bittet, noch ein halbes Stündchen zu warten, weil dann eine Autogrammstunde beginnen würde, spiele ich nicht mehr mit.

Ein Opfer für den Alten wird gebracht. »Nur nach Hause, nur nach Hause, nur nach Hause jehn wa nich«, singen die Fans. Wir schon. Die Identifikationsleistung für die blau-weiße Hertha wurde erbracht. Hertha ist der einzige Verein in der Hauptstadt, der Anhänger in beiden Stadthälften hat.

Ansonsten ist der Sport verlässlich geteilt. Unionsfans kommen aus dem Osten, die Fans von Tennis Borussia aus dem Westen. Noch idiotischer ist es beim Eishockey, wo es die Charlottenburger Capitals (West) und die Eisbären (Ost) gibt. Als dieser Tage bekannt wurde, dass die Halle der Capitals abgerissen wird, um Platz für das Messegelände zu schaffen, brach eine merkwürdige Gefühlswelle aus. Schulsenator Böger (SPD) hatte den Capitals samt Anhang vorgeschlagen, für ein Jahr die Halle der Eisbären in Hohenschönhausen mitzunutzen. Die Capitalfans wiesen dieses Ansinnen empört zurück, als ob es sich um eine Verbannung nach Sibirien handele. »Nach drüben« gingen sie nicht. Vielleicht hatten sie Angst, Begrüßungsgeld zu zahlen. Berlin, das Jerusalem Mitteleuropas. Schöne Aussichten.

Nur die CDU, immer auf Stimmenwahlfischfang, bot an, eine provisorische Halle für zehn Millionen Mark zu bauen, um den Capitalfans diesen schrecklichen Gang zu ersparen. Da rastete Böger auf nachvollziehbare Weise aus und beendete fürs Erste die Reise nach Jerusalem. »Geht doch nach drüben«, möchte man den Eishockeyfreunden raten, während man gerade vom Herthaspiel in den Osten wechselt.

Berlin ist eine Stadt voller Überraschungen, nicht nur für Zugereiste. Vielleicht liegt es an den Hallentemperaturen, dass zwischen zwei Schlittschuhvereinen noch die Eiszeit des Kalten Krieges herrscht.

Wie wäre es mit ein paar Wärmestrahlern? Oder mit ein bisschen Rollschuhlaufen durchs Brandenburger Tor?

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