Ehrungen und Wirrungen

Stille Post Kolumne

Rudi Dutschke und Wolf Biermann sind endgültig in der deutschen Geschichte angekommen. Der eine soll ein Straßenschild im alten Berliner Zeitungsviertel zieren, der andere Ehrenbürger der deutschen Hauptstadt werden. Beide sind nicht ohne Schwierigkeiten auf den Gipfel öffentlicher Aufmerksamkeit gelangt. Dutschke, nur drei Jahre jünger als Biermann, wurde von der taz ins Gespräch gebracht. Diejenige Straße soll nach ihm heißen, auf der er 1968 mit vielen anderen APO-Mitgliedern gegen die Hetze der Springer-Presse demonstrierte. Die Kreuzberger CDU versuchte, einen entsprechenden Beschluss der Stadtbezirksverordnetenversammlung zur Umbenennung zu kippen, aber eine von ihr selbst initiierte Bürgerbefragung brachte eine Mehrheit für Dutschke. Biermann, ein Klient des Rechtsanwaltes und CDU-Politikers Uwe Lehmann-Brauns, war von diesem als Ehrenbürger Berlins vorgeschlagen worden. Ungewöhnlich, dass jemand seinen eigenen Mandanten für eine solch hohe Ehrung ins Gespräch bringt. Nach einigem Widerstreben der rot-roten Koalition wird der Barde wohl die hohe Ehrung kriegen und damit das kostenlose Jahresticket der BVG und S-Bahn erhalten, das ein so Geehrter auf Lebenszeit spendiert bekommt.

In Rudi Dutschke und Wolf Biermann spiegelt sich kontrovers die jüngste Vergangenheit, beide sind auf ihre Weise Gesamtdeutsche. Rudi Dutschke kam vor dem Mauerbau aus Luckenwalde (Ost) nach Westberlin, Wolf Biermann einige Jahre eher aus Hamburg nach Schwerin und später nach Ostberlin. Dutschke hatte den Wehrdienst in der DDR verweigert, während Biermann zur selben Zeit noch Abiturienten aus Berlin bei ihrem Praktikum im Chemiekombinat Schwedt riet, den antifaschistischen Schutzwall mit der Waffe zu verteidigen.

Später änderten sich die Zeiten, Wolf Biermann, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, erhielt nach dem 11. Plenum des ZK der SED Auftrittsverbot, Rudi Dutschke führte die Außerparlamentarische Opposition in der Bundesrepublik an. 1968 wurde er von einem Rechtsradikalen angeschossen und lebensgefährlich verletzt. 1979 verstarb er an den Folgen der Schussverletzungen. Zu dieser Zeit war Wolf Biermann schon im Westen, nachdem ihn die DDR-Führung nach seinem legendären Auftritt in Köln 1976 ausgebürgert hatte. Er sei nun "vom Regen in die Jauche" gekommen, bezeichnete er diesen Zwangsakt. Später gewöhnte er sich an die Jauche, saß als Gast in Wildbad Kreuth am Kamin und ließ sich von der CSU an die Brust nehmen. Er wurde Kolumnist bei der Welt. Kann man sich ein derartiges Mäandern bei Dutschke vorstellen? Eher nicht. Für ihn galt die öffentlich Parole: Geh doch nach drüben!

Zwei deutsche Lebensläufe. Die Art des Umgangs mit ihnen in den Medien ist vor allem in Berlin noch von den Denkmustern des Kalten Krieges geprägt. Dort, wo bis heute im Wetterbericht des Tagesspiegel und der Berliner Zeitung die Sonne zu unterschiedlichen Zeiten auf- und untergeht, ist nicht nur der Himmel geteilt. Die Verhaltensmuster eines großen Teiles der Einheimischen folgen noch immer den alten Schemata. Der verbissene Kampf um den anachronistischen Flughafen Tempelhof lässt glauben, die Halbstadt Westberlin werde noch immer aus der Luft versorgt. Verbissen ins Gestern, gibt es Eifersüchteleien auf beiden Seiten im Kindergartenformat.

Da ist es befreiend, wenn künftig eine Rudi-Dutschke-Straße an der taz vorbeiführt und kurz vor dem Verlagshaus, das Bild, Welt und Berliner Morgenpost druckt, auf die Axel-Springer-Straße trifft. Dennoch klagt Springer gemeinsam mit der CDU-Kreuzberg tapfer und unbelehrbar gegen die beschlossene und anstehende Umbenennung. Eigentlich paradox, wenn man bedenkt, dass zum 25-jährigen Jubiläum der taz Bild-Chefredakteur Kai Diekmann deren Sonderausgabe managte. Was vermutlich Wolf Biermann ("Nur wer sich ändert, bleibt sich treu") gefiel, aber Rudi Dutschke vermutlich nicht gefallen hätte.


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