Erinnern in Pastell

BERLINER ABENDE Stadt Berlin

»Am vierten November gehen wir auf den Alex. Wie vor elf Jahren«, sagt der Freund. »Da sind jetzt noch mal die eingeladen, die damals geredet haben.« Die, die damals geredet haben, sollen kommen, um eine Tafel einzuweihen, die an den Tag erinnert. Auf der Tafel steht: »Wir sind das Volk ...« und so weiter. Am Tag zuvor war der Freund schon mal dort gewesen und hatte die Bodentafel gesucht, aber nicht gefunden. Sehr merkwürdig. Als wir aus der U-Bahn steigen, ist es schönster Samstagvormittag. Der Freund läuft wie ein Spürhund, die Augen auf dem Pflaster, die Ehefrau neben ihm und an seine Besonderheiten gewöhnt. Ich schaue, ob ich irgendwelche Leute sehe, die man kennen müsste. Weit und breit nichts zu sehen. Über den Alex fährt im Spaziergängertempo die Elektrische, hinten liegt der Kaufhof, davor das Hotel Stadt Berlin, heutiger Name ..., habe ich vergessen.

Die Rednertribüne stand damals vor dem sogenannten Haus des Reisens, an der Nordostseite des Platzes. Da wo heute wie auch schon bis 1967 die Straßenbahn hält. Damals wurde sie mitsamt den alten Straßen und Häusern abgeräumt, um den riesigen Zentrumsplatz zu schaffen, der nur während der Weltfestspiele 1973 und der DDR-Verabschiedung am 4.11.89 einen funktionalen Sinn zu haben schien. An dem kalten Novembervormittag, auch einem Sonnabend, war die Platz vollgestopft wie heute höchstens die Berliner Katastrophenbuslinie 150. Jetzt ist alles schön leer und übersichtlich. Da hat der Freund die kleine, schwarze Bodenplatte entdeckt, wie sie nett und unauffällig mitteilt: »Wir sind das Volk. Zur Erinnerung ...« und so weiter. Vielleicht ist sie deshalb so klein, weil die Fläche demnächst von Wolkenkratzern bestückt wird, wenn alles klappt, auch mit einem Trump-Tower, allerdings bloß 200 Meter hoch, also halbe Länge von New York.

Wir verharren erwartungsvoll. Schon kommt von weitem der ehemalige Chef der Aufklärung des MFS, Generalmajor a.D. Markus Wolf. Er ist stilvoll gewandet, schwarzer langer Mantel, schwarze Hosen, schwarzer Rolli, schwarze Sonnenbrille. Am Arm seine Gattin. Auch ein paar andere Leute haben sich inzwischen eingefunden, darunter Mittes Bezirksbürgermeister Zeller. Von Ferne eilt Marianne Birthler herbei, die neue Chefin der Gauckbehörde. Sie wird stürmisch begrüßt von Konrad Elmer, Mitbegründer der SDP und damals auch am Mikrofon. Den hatte ich schon vergessen. Jemand zählt die Namen derjenigen auf, die damals sprachen, ellenlang: Gregor Gysi, Manfred Gerlach, Christoph Hein, Christa Wolf, Friedrich Schorlemmer, Heiner Müller, Eckehard Schall, Steffi Spira, Stefan Heym, Annekathrin Bürger, Jan Josef Liefers, Günter Schabowski und viele andere. Außer Wolf, Birthler und Elmer ist auch die Schauspielerin Bürger gekommen. Im Unterschied zu den dreien wird sie nicht das Wort ergreifen. Markus Wolf muss heute keine Pfiffe und Zwischenrufe befürchten, ich zähle 37 Anwesende. Erinnerung in Pastell. Wolf freut sich noch einmal, dass kein Blut geflossen ist vor elf Jahren. Als er von »uns« spricht, platzt Marianne Birthler der Kragen. »Uns gibt es für uns beide nicht!« Vielleicht findet sie es einfach nur blöd, dass von den revolutionären Stimmen, Elmer ausgenommen, nur ein Stasi-Chef und die Herrin der Stasiakten übrig geblieben sind. Les extrêmes se touchent. Konrad Elmer ging das alles 1989/90 zu schnell, er beknirscht sich vor dem zarten Auditorium, dass nach dem Ende der DDR kein verfassungsgebender Rat einberufen wurde. Da ist guter Rat teuer. Bürgermeister Zeller gesteht, dass er am 4. November gar nicht dabei war, weil er sich von der Sache nichts versprach. Die Demo sei ihm zu DDR-orientiert gewesen. Auch ein Standpunkt. Marianne Birthler meint, dass es ein schöner ermutigender Tag gewesen sei und die halbe Million Leute die Entwicklung unumkehrbar machten, womit sie Recht hat. Aber wo ist heute das Volk? Das Volk hat anderes zu tun, es eilt in Scharen zum Tempel Kaufhof und wirft höchstens einen schrägen Blick auf das Häuflein Gestimmter. Ein paar Stunden drauf werden sich ganz in der Nähe Neonazis und Linke heftige Schlägereien mit der Polizei liefern. Dinge, an die die friedliche Masse damals nicht mal im Traum dachte, als sie den Vopos Blumen ins Koppel steckte und »Keine Gewalt« rief.

Während man noch ein wenig im Kreis steht, sehe ich an der Haltestelle einen ehemaligen Klassenkameraden. Er hat eine Apotheke und ist hoch verschuldet. »Komisch«, sagt er, »ich höre immer, dass alles besser wird, aber ich treffe nur Leute, denen es schlechter geht als vor drei, vier Jahren.« Dafür ist heute das Wetter erheblich besser als damals. Die Sonne lacht über der Stadt, es ist warm wie im Frühling. An die Klimakatastrophe denken wir ausnahmsweise einmal nicht.

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